Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #536# 65 - Marx an François Lafargue - 12. November 1866
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       65
       
       Marx an François Lafargue
       in Bordeaux
       
       London, 12. Nov. 1866
       Mein lieber Herr Lafargue,
       Ich hoffe  sehr, daß Monsieur il amoroso 1*) mich bei Ihnen wegen
       meines unverzeihlichen  Schweigens entschuldigt  hat. Ich war ei-
       nerseits von ständigen Rezidiven meiner Krankheit verfolgt, ande-
       rerseits durch  eine langwierige Arbeit 2*) so in Anspruch genom-
       men, daß  ich die  Korrespondenz mit meinen engsten Freunden ver-
       nachlässigt habe.  Wenn ich Sie nicht dazu zählte, hätte ich nie-
       mals gewagt, derart gegen den Anstand zu verstoßen.
       Ich danke  Ihnen herzlich  für den Wein. Da ich aus einer Weinge-
       gend stamme  und Ex-Weinbergbesitzer bin [548], weiß ich den Wert
       des Weins  sehr wohl zu schätzen. Ich denke sogar selbst ein biß-
       chen wie  der alte Luther, daß ein Mann, der den Wein nicht hebt,
       niemals etwas  Rechtes zustande  bringt. (Keine  Regel ohne  Aus-
       nahme.) Aber man kann zum Beispiel nicht leugnen, daß die politi-
       sche Bewegung  in England durch den Handelsvertrag mit Frankreich
       [549] und  die Einfuhr  französischer Weine  beschleunigt  worden
       ist. Das  ist eins  der guten Dinge, die L[ouis] Bonaparte zuwege
       brachte, während  der arme Louis-Philippe von den Fabrikanten des
       Nordens so  eingeschüchtert war, daß er es nicht gewagt hat, Han-
       delsverträge mit  England abzuschließen.  Es ist nur zu bedauern,
       daß solche  Regimes wie  das napoleonische,  die auf der Ermüdung
       und Ohnmacht der beiden antagonistischen Gesellschaftsklassen be-
       ruhen, einigen  materiellen Progreß  um den Preis der allgemeinen
       Demoralisierung erkauften.  Glücklicherweise kann  die Masse  der
       Arbeiter nicht  demoralisiert werden. Die manuelle Arbeit ist das
       große Gegengift gegen jede soziale Infektion.
       Sie werden  sich über  die Niederlage des Präsidenten Johnson bei
       den letzten  Wahlen genauso  gefreut haben wie ich. [550] Die Ar-
       beiter des  Nordens haben  endlich sehr gut begriffen: die Arbeit
       in weißer  Haut kann  sich nicht  dort emanzipieren,  wo  sie  in
       schwarzer Haut gebrandmarkt wird.
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       1*) der verliebte Herr (Paul Lafargue) - 2*) "Das Kapital"
       
       #537# 65 - Marx an François Lafargue - 12. November 1866
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       Samstagabend habe  ich durch  den Bürger Dupont einen an Paul 3*)
       adressierten Brief vom Sekretär der medizinischen Fakultät bekom-
       men. Er  forderte Papiere,  die sich  (mit Ausnahme des Bakkalau-
       reat-Diploms) weder  bei meiner  Tochter 4*)  noch bei dem finden
       ließen, der  die Sachen ihres Sohnes in Verwahrung hat. Diese Do-
       kumente müssen Sie daher umgehend schicken.
       Bitte sagen  Sie Ihrem Sohn, daß er mich sehr verpflichten würde,
       wenn er  in Paris  keine Propaganda  treibt. Die  Zeit ist   g e-
       f ä h r l i c h.  Das Beste, was er in Paris tun kann, ist, seine
       Zeit zu  nutzen und  von seinem  Umgang mit  Dr. Moilin zu profi-
       tieren. Er  verliert nichts,  wenn er mit seiner polemischen Gabe
       sparsam umgeht.  Je mehr  er sich  zurückhält, ein um so besserer
       Kämpfer wird er im geeigneten Augenblick sein.
       Meine Tochter läßt Sie bitten, ihr durch Paul Photogramme von Ma-
       dame Lafargue und Ihnen zu schicken.
       Meine ganze  Familie schließt sich meinen freundschaftlichen Grü-
       ßen an die ganze Familie Lafargue an.
       Ganz der Ihre Karl Marx
       
       Aus dem Französischen.
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       3*) Paul Lafargue - 4*) Laura Marx

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