Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#546# 72 - Marx an seine Tochter Jenny - 5. Mai 1867
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Marx an seine Tochter Jenny
in London
Hannover, 5. Mai 1867
Mein liebes Kind,
Dein Brief hat mich sehr erfreut. Er ist im echten Kaiser-Stil
[554] geschrieben. Ich hoffe, Dich rund und frisch wie eine Mai-
rose anzutreffen.
Das inliegende Photogramm solltest Du zu Deinem Geburtstag bekom-
men, es war aber nicht rechtzeitig fertig. Angeheftet noch das
Photogramm von Madame Tenge (übrigens die Tante der Baer-Mädchen,
von denen Edgar 1*) so viel erzählte), die jedoch in Wirklichkeit
nicht so hübsch ist, wie ihr Konterfei vermuten läßt. Aber sie
ist eine wirklich edle Natur mit einem besonders sanften, offenen
und schlichten Charakter. Nichts von "falscher Bildung" 2*). Sie
spricht perfekt Englisch, Französisch und Italienisch (sie ist
italienischer Herkunft). Obgleich eine große Kennerin der Musik,
bringt sie einen nicht um mit Kunstgeschwätz 3*), im Gegenteil,
sie verabscheut es. Sie ist Atheistin und neigt zum Sozialismus,
wenn sie auch in dieser Hinsicht ziemlich wenig unterrichtet ist.
Was sie vor allem auszeichnet, ist eine ungezwungene Freundlich-
keit und das Fehlen jeglicher Anmaßung. Ich bin überzeugt, daß
Ihr in kurzer Zeit gute Freunde würdet. Auch Frau Kugelmann ist
eine nette kleine Frau.
Heute, an meinem Geburtstag, erhielt ich den ersten "Bogen" 4*)
zur Durchsicht. Ich fürchte, das Buch 5*) wird etwas zu dick wer-
den. Wegen des Ostergeschäftes konnte mit dem Druck nicht vor dem
29. April begonnen werden, und Meißner war wegen dieser Verzöge-
rung sehr wütend. Indessen, es war keine verlorene Zeit. Voran-
zeigen wurden in fast allen deutschen Zeitungen veröffentlicht.
Kugelmann hat sehr viele Beziehungen, die alle in Bewegung ge-
setzt wurden.
Deinen Geburtstag 6*) haben wir hier festlich begangen.
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1*) Edgar von Westphalen - 2*) in der Handschrift deutsch: "fal-
scher Bildung" - 3*) in der Handschrift deutsch: Kunstgeschwätz -
4*) in der Handschrift deutsch: "Bogen" - 5*) der erste Band des
"Kapitals" - 6*) 1. Mai
#547# 72 - Marx an seine Tochter Jenny - 5. Mai 1867
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Mit Ausnahme eines Teils der Bourgeoisie, Rechtsanwälten und der-
gleichen, herrscht hier in Hannover ein fanatischer Haß gegen die
Preußen, was mich sehr amüsiert.
Ich habe mich sehr gefreut, von Deiner polnischen Überraschung zu
hören. Wenn solche Dinge auch keinen kaufmännischen Wert haben,
so haben sie doch einen historischen. [445]
Der Aufschub des Krieges ist ausschließlich dem Derby-Kabinett zu
verdanken. Solange es in England an der Macht bleibt, wird Ruß-
land nicht ins Kriegshorn blasen - übrigens eine Redensart, die
im echten Colletian-Stil [555] abgefaßt ist.
Den Tag meiner Rückkehr kann ich nicht genau angeben. Ich muß
noch verschiedene Briefe abwarten. Von hier aus werde ich direkt
über Hamburg (wo ich noch eine Unterredung mit meinem Verleger
habe) nach London zurückreisen.
Gleich nach meiner Ankunft hier hatte ich an Liebknecht geschrie-
ben. Er hat geantwortet. Seine Frau ist nicht zu retten. Sie ist
der Katastrophe nahe. Sie läßt Euch alle grüßen und wurde durch
Eure Briefe ermuntert. [556]
Nach Hegels Photographie sehen wir uns um. In Hannover ist sie
nicht zu haben. Was seine "Philosophie der Geschichte" betrifft,
so werde ich versuchen, sie in London aufzutreiben.
Ich finde, Cacadou hätte schon längst ein paar Zeilen schreiben
können, ich entschuldige sie jedoch mit ihren Reitstunden.
Und nun, mit meinen besten Wünschen für Euch alle, Adio, meine
liebe "Joe" [557].
Dein Alter
Einige Zeilen für Tussy lege ich bei.
Aus dem Englischen.
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