Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
zurück
#548# 73 - Marx an seine Tochter Laura - 13. Mai 1867
-----
73
Marx an seine Tochter Laura
in London
Hannover, 13. Mai 1867
Mein hübscher, kleiner Cacadou,
Meinen besten Dank für Deinen Brief und den der würdigen Quoquo
1*). Du beklagst Dich, daß ich kein Lebenszeichen von mir gegeben
habe, aber wenn Du die Sache noch einmal überlegst, wirst Du mer-
ken, daß ich, alles in allem, wöchentliche Signale gegeben habe.
Außerdem weißt Du, daß ich kein sehr "überschwenglicher" Charak-
ter bin, ich ziehe mich lieber zurück, bin ein nachlässiger
Briefschreiber, ein schwerfälliger Mensch oder, wie Quoquo es
ausdrückt, ein schüchterner Mann.
Aus Hannover werde ich übermorgen abfahren und wahrscheinlich von
Hamburg aus den ersten Dampfer nach London nehmen. Aber Du darfst
nicht erwarten, daß ich den Tag und die Stunde bestimme. Ich habe
noch einige Geschäfte mit meinem Verleger 2*) zu erledigen. Je-
denfalls ist dies die letzte Woche, die ich auf dem Kontinent
bleibe.
Ich bin sehr froh, daß mein Photogramm so gut gefallen hat. Mein
Konterfei ist immerhin weniger beunruhigend als das Original.
Was Frau Tenge betrifft, so wundere ich mich, daß Du fragst, wie
sie aussieht, ob sie hübsch ist? Ich habe ihr Photogramm Jenny
geschickt, das an meins angeheftet war. Wie konnte es verlorenge-
hen? So, nun will ich Deine Fragen beantworten: sie ist 33 Jahre
alt, Mutter von 5 Kindern, eher interessant als hübsch, und si-
cherlich keine Gelehrte. Aber sie ist eine hervorragende Frau.
Was das "Flirten" betrifft, so müßte es ein ziemlich kühner Mann
sein, wenn er es wagen wollte. "Bewunderung" - gebe ich zu, und
es mag vielleicht von ihrer Seite aus eine gewisse Überschätzung
Deines sehr ergebenen und "bescheidenen" Meisters geben. Du
weißt, ein Prophet gilt nichts auf seinem eigenen Misthaufen
(symbolisch gesprochen), wird aber leicht überschätzt von Frem-
den; die - legen sie nicht aus, so legen sie doch unter 3*) - in
jedem Kerl entdecken, was sie entdecken wollen. Sie ist letzten
Donnerstag aus Hannover abgereist.
-----
1*) Eleanor Marx - 2*) Otto Meißner - 3*) in der Handschrift
deutsch: legen sie nicht aus, so legen sie doch unter
#549# 73 - Marx an seine Tochter Laura - 13. Mai 1867
-----
Vor acht Tagen war das Wetter noch frostig und regnerisch. Jetzt
aber ist plötzlich der Sommer in voller Blütenpracht da. Im all-
gemeinen war das Wetter, seit meiner Abreise, hier ebenso
schlecht und unbeständig wie gewöhnlich in London. Nur ist die
Luft dünner, und das ist eine gute Sache.
Diese Kontinentalen führen ein bequemeres Leben als wir auf der
anderen Seite der Nordsee. Mit 2000 Talern (300 £) kann man hier
sehr komfortabel leben. Zum Beispiel gibt es hier die verschie-
denen Parks (à la Cremourn [558], aber für "respektable Leute",
wo sich alles mögliche trifft), viel geschmackvoller angelegt als
irgendwelche in London, wo jeden Abend gute Musik gemacht wird
usw., wo man mit seiner Familie das ganze Jahr für 2 Taler (6
sh.!) ein Abonnement nehmen kann. Das ist nur ein Beispiel des
billigen Lebens, das sich die Philister hier leisten. Die jungen
Leute amüsieren sich ungezwungener, und es kostet relativ wenig.
Natürlich hat die ganze Sache einen großen Nachteil - die Atmo-
sphäre ist zum Bersten langweilig. Das Lebensniveau ist zu nied-
rig. Das ist das Los des kleinen Mannes, und man muß nicht von
großer Statur sein, um sich wie Gulliver unter den Liliputanern
zu fühlen.
Heute morgen kamen ziemlich "erregte" Briefe aus Berlin. Es
scheint, daß ein Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Pickelhauben
4*) droht. Ich erwarte augenblicklich nicht viel, aber es braut
sich etwas zusammen. Die Arbeiterklasse in den größeren Zentren
Deutschlands fängt an, eine entschlossenere und drohendere Hal-
tung einzunehmen. Eines schönen Morgens wird es einen netten Tanz
geben!
Und nun, mein liebes kleines Vögelchen, Cacadou, Sekretär, Kö-
chin, Reiterin, Dichterin, auf Wiedersehn. Viele Grüße an Möhm-
chen 5*), Quoquo und Queque, Helen 6*) und - zu guter Letzt - an
unseren "gemeinsamen Freund" 7*).
Adio.
Dein Meister Old Nick
Einliegend Hegel 8*), ein Geschenk von Kugelm[ann] an Mons[ieur]
Lafargue.
Aus dem Englischen.
-----
4*) in der Handschrift deutsch: Pickelhauben - 5*) in der Hand-
schrift deutsch: auf Wiedersehn. Viele Grüße an Möhmchen (Frau
Jenny Marx) - 6*) Marx' Töchter Eleanor und Jenny sowie Helene
Demuth - 7*) Paul Lafargue - 8*) siehe vorl. Band, S. 547
zurück