Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #550# 74 - Marx an Ludwig Kugelmann - 10. Juni 1867
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       74
       
       Marx an Ludwig Kugelmann
       in Hannover
       
       London, 10. Juni 1867
       Lieber Freund,
       Die Verspätung dieses Briefes bringt mich in den mehr oder minder
       "gegründeten Verdacht", ein "schlechter Kerl" zu sein. Als Milde-
       rungsgrund habe ich nur anzuführen, daß ich erst seit wenigen Ta-
       gen in  London "wohne". In der Zwischenzeit war ich zu Manchester
       bei Engels.  [341] Aber Sie und Ihre liebe Frau kennen mich jetzt
       wohl hinreichend,  um Briefsünden  bei mir  normal zu finden. Ich
       war trotzdem  jeden Tag  bei Ihnen.  Den Aufenthalt  in  Hannover
       zähle ich  zu den  schönsten und  erfreulichsten Oasen in der Le-
       benswüste.
       In Hamburg  hatte ich  kein andres  Abenteuer, außer, trotz aller
       Vorsichtsmaßregeln, mit  Herrn Wilhelm Marr bekannt zu werden. Er
       ist, seiner persönlichen Manier nach, ins Christliche übersetzter
       Lassalle, natürlich  viel weniger wert. Auch spielte Herr Niemann
       während der  wenigen Tage,  die ich  dort noch zubrachte. Ich war
       aber zu  sehr durch die Gesellschaft in Hannover verwöhnt, um ei-
       ner Theatervorstellung in minder guter Kompanie beiwohnen zu wol-
       len. So entging mir Herr N[iemann],
       Apropos. Meißner ist bereit, Ihre beabsichtigte medizinische Bro-
       schüre zu  drucken. Sie  haben ihm nur das Manuskript einzusenden
       und sich auf mich zu beziehn. Über die näheren Bedingungen müssen
       Sie selbst das Weitere vereinbaren.
       Die Überfahrt  von Hamburg  nach London  war, etwas rauhes Wetter
       den ersten Tag abgerechnet, im ganzen günstig. Einige Stunden vor
       London erklärte ein deutsches Fräulein, das mir schon durch seine
       militärische Haltung  aufgefallen war,  sie wolle denselben Abend
       von London  nach Weston  supra Mare abfahren und wisse nicht, wie
       sie das mit ihrem vielen Gepäck anstellen solle. Der casus war um
       so schlimmer,  als am  Sabbat hilfreiche Hände in England fehlen.
       Ich ließ mir die Eisenbahnstation zeigen, wohin das Fräulein sich
       in London  zu verfügen.  Freunde hatten  selbe auf eine Karte ge-
       schrieben. Es war die North Western Station, an der ich auch vor-
       beizufahren hatte.  Ich bot  also, als guter Ritter, dem Fräulein
       an, sie an
       
       #551# 74 - Marx an Ludwig Kugelmann - 10. Juni 1867
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       Stelle abzusetzen.  Akzeptiert. Bei  näherem Nachdenken  fiel mir
       jedoch ein,  daß Weston  supra Mare  südwestlich, die  von mir zu
       passierende und  dem Fräulein  niedergeschriebene Station dagegen
       nordwestlich liege.  Ich konsultierte  den Sea-Captain 1*). Rich-
       tig, es  fand sich,  daß sie  an einem mir ganz entgegengesetzten
       Teil Londons zu deponieren sei. Doch ich war einmal engagiert und
       mußte bonne  mine à  mauvais jeu 2*) machen. Um 2 Uhr nachmittags
       kamen wir  an. Ich brachte la donna errante 3*) zu ihrer Station,
       wo ich  erfahre, daß  ihr Zug erst 8 Uhr abends abgeht. So, I was
       in for  it 4*) und hatte 6 Stunden mit Mademoiselle durch Spazie-
       rengehn im  Hyde-Park, Niederlassen  in Ice shops 5*) etc. totzu-
       schlagen. Es  ergab sich,  daß sie  Elisabeth von Puttkamer hieß,
       Nichte Bismarcks,  bei dem sie eben einige Wochen in Berlin zuge-
       bracht hatte.  Sie hatte  die ganze Armeeliste bei sich, da diese
       Familie unser  "tapferes Kriegsheer" überreichlich mit Herren von
       Ehr' und  Taille versieht.  Sie war ein munteres, gebildetes Mäd-
       chen, aber  aristokratisch und  schwarzweiß bis  zur Nasenspitze.
       Sie war  nicht wenig  erstaunt, als sie erfuhr, daß sie in "rote"
       Hände gefallen sei. Ich tröstete sie jedoch, daß unser Rendezvous
       "ohne Blutverlust"  abgehen werde, und sah sie saine et sauve 6*)
       nach ihrem  Bestimmungsplatz abfahren. Denken Sie, welches Futter
       dies wäre für Blind oder andre Vulgär-Demokraten, meine con- spi-
       raey with 7*) Bismarck!
       Ich habe heute den 14. Korrekturbogen 8*) expediert. Die Mehrzahl
       derselben empfing  ich bei  Engels, der außerordentlich zufrieden
       mit der  Sache ist  und, mit Ausnahme von Bogen 2 und 3, sie sehr
       leicht verständlich  geschrieben findet.  9*) Sein Urteil war mir
       beruhigend, da  meine Sachen  mir gedruckt  immer sehr mißfallen,
       namentlich bei erster Ansicht.
       Ich schicke  Ihrer lieben  Frau, der ich noch meinen spezifischen
       Dank für  ihre freundschaftliche  und liebenswürdige  Aufnahme zu
       erstatten bitte,  das Photogramm  meiner 2.Tochter  Laura, da die
       andern Ph[otogramm]s  vergriffen sind und erst neu gemacht werden
       müssen. Engels  läßt ditto  für Sie  sein eignes  und Wolffs 10*)
       Photogramm neu abziehn. Ihre Sendungen haben ihn sehr amüsiert.
       Empfehlen Sie  mich bestens  dem "Madämchen" 11*). Eleanor ist in
       Schule, würde ihr sonst schreiben.
       And now 12*), Adio!
       Ihr Karl Marx
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       1*) Schiffskapitän - 2*) gute Miene zum bösen Spiel - 3*) die um-
       herirrende  Donna   -  4*) nun   saß  ich   in  der   Patsche   -
       5*) Eiskonditoreien -  6*) gesund und  munter -  7*) Verschwörung
       mit -  8*) des  ersten Bandes  des "Kapitals"  - 9*) siehe  vorl.
       Band, S.  303/304 - 10*) Wilhelm Wolff - 11*) Franziska Kugelmann
       - 12*) Und nun

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