Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#560# 81 - Marx an Ludwig Kugelmann - 11. Oktober 1867
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Marx an Ludwig Kugelmann
in Hannover
[London] 11. Oktober 1867
Lieber Kugelmann,
D'abord 1*) besten Dank für Ihre zwei Briefe. [563] Sie machen
mir großes Vergnügen, wenn Sie so oft schreiben, als Ihre Zeit
erlaubt. Nur müssen Sie nicht auf strenge Gegenleistung rechnen,
weil meine Zeit schon ohnehin für die vielseitige Korrespondenz,
die ich nach verschiednen Seiten hin leisten muß, kaum hinreicht.
Zunächst, ehe ich auf mein Buch 2*) zu sprechen komme, etwas Vor-
läufiges oder ein vorläufiges Etwas. Ich fürchte, daß Borkheim
malgré lui 3*) auf dem Punkt steht, mir einen sehr üblen Streich
zu spielen. Er läßt seine "Rede zu Genf" in 4 Sprachen drucken,
französisch, deutsch, englisch und russisch. Er hat sie außerdem
mit einer barocken und geschmacklos mit Zitaten überhäuften Vor-
rede ausgestattet. Unter uns - und im Parteiinteresse - muß ich
Ihnen nun reinen Wein einschenken. Borkheim ist ein tüchtiger
Mann und sogar homme d'esprit 4*). Aber, wenn er die Feder in die
Hand nimmt, wehe! Aller Takt und Geschmack fehlen ihm. Zudem alle
erforderliche Vorbildung. Er gleicht den Wilden, die sich das Ge-
sicht zu verschönern glauben, wenn sie es mit allen möglichen
schreienden Farben tätowieren. Banalität und Kladderadatsch
springen ihm immer zwischen die Beine. Fast jede Phrase setzt
sich bei ihm instinktiv die Schellenkappe auf. Wäre er nicht so
grundeitel, so hätte ich die Publikation verhindern und ihm
klarmachen können, wie es sein Glück war, daß man ihn zu Genf
nicht verstand, sondern nur einige gute points seines speech 5*).
Andrerseits bin ich ihm zu Dank verpflichtet wegen seines
Auftretens in der Vogtschen Affäre [564], und ist er mein
persönlicher Freund. Es sind in seiner Rede etc. einige Phrasen,
worin er mir an- gehörige Ansichten verkladderadatscht. Nun wird
es für meine Feinde (Vogt hat schon in der "N[euen] Zürcher-
Z[eitung]" m i c h als den Geheimverfasser der Rede [565]
angedeutet) ein sehr schönes Spiel sein, statt mein Buch
anzugreifen,
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1*) Zunächst - 2*) den ersten Band des "Kapitals" - 3*) ohne es
zu wollen - 4*) ein Mann von Geist - 5*) Stellen seiner Rede
#561# 81 - Marx an Ludwig Kugelmann - 11. Oktober 1867
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mich für den Herrn Borkheim, seine Narrheiten und Persönlichkel-
ten verantwortlich zu machen. Sollte etwas derart geschehn, so
müssen Sie durch Warnebold etc. in die Zeitungen, die Ihnen zur
Verfügung stehn, kurze Artikelchen einrücken, worin Sie diese
Taktik aufdecken und, ohne irgend den Borkheim zu beleidigen,
doch gradezu heraussagen, wie nur schlechte Absicht oder äußerste
Unkritik so Disparates 6*) identifizieren können. Die barocke und
konfuse Manier, worin sich in Borkheims Kopf unsre Ansichten wi-
derspiegeln (sobald er nicht spricht, sondern schreibt), bietet
natürlich dem gemeinen Preßgang 7*) die willkommenste Handhabe
zur Offensive und kann sogar ein Mittel für ihn werden, meinem
Buch indirekt zu schaden.
Sollte jedoch, was ich kaum hoffen darf, da Borkheim sein Kind
wohlverpackt allen Zeitungen zuschickt, die Presse darüber
schweigen, so unterbrechen Sie nur in keiner Weise dies
f e i e r l i c h e S t i l l s c h w e i g e n.
Wäre B[orkheim] nicht persönlicher Freund, so würde ich ihn öf-
fentlich desavouieren. Sie begreifen meine fausse Position 8*)
und zugleich meinen Ärger. Wenn man ein mühsam ausgearbeitetes
Werk (und es ist vielleicht nie ein Werk der Art unter
schwierigeren Verhältnissen geschrieben worden) dem Publikum
vorlegt, um die Partei so hoch als möglich zu heben und durch die
Art der Darstellung selbst die Gemeinheit zu entwaffnen, wenn
dann im selben Augenblick ein Parteimitglied in der bunten Jacke
und mit der Schellenkappe sich dicht neben einen auf den Markt
drängt und faule Apfel und Eier provoziert, die einem selbst In
der Partei an den Kopf fliegen können!
Ihre Manöver gegen Vogt zu Genf haben mich sehr satisfait 9*).
[385] Es freut mich, daß mein Buch Ihnen gefällt.
Was Ihre Frage betrifft:
Ernest Jones hatte in Irland als Parteimann zu Irländern zu spre-
chen, also, da das große Grundeigentum dort identisch mit dem Ei-
gentum Englands an Irland ist, gegen das große Grundeigentum. Sie
müssen in Hustings speeches 10*) englischer Politiker nie etwas
Prinzipielles suchen, sondern nur das zum nächsten Zweck Brauch-
bare.
Peonage ist Vorschuß von Geld auf künftige Arbeit. Es geht dann
mit diesen Vorschüssen wie beim gewöhnlichen Wucher. Der Arbeiter
bleibt nicht nur sein ganzes Leben der Schuldner, also Zwangsar-
beiter des Gläubigers, sondern dies Verhältnis vererbt sich auf
die Familie und spätere Generation, die also tatsächlich dem
Gläubiger gehört. [566]
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6*) Verschiedenartiges - 7*) Preßklüngel - 8*) mein Dilemma -
9*) ergötzt - 10*) Wahlreden
#562# 81 - Marx an Ludwig Kugelmann - 11. Oktober 1867
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Das Fertigmachen meines zweiten Bandes hängt großenteils ab von
dem Erfolg des ersten. Dieser ist mir nötig, um einen Buchhändler
in England zu finden, und ohne letzteren bleiben meine materiel-
len Verhältnisse so schwierig und störend, daß ich weder Zeit
noch Ruhe zum raschen Fertigmachen finden kann. Dies sind natür-
lich Dinge, die ich Herrn Meißner nicht zu wissen wünsche. Es
hängt also jetzt von dem Geschick und der Tätigkeit meiner Par-
teifreunde in Deutschland ab, ob der II. Band lange oder kurze
Zeit zum Erscheinen braucht. Gediegene Kritik - sei es von Freund
oder Feind - kann nur nach und nach erwartet werden, da ein so
umfangreiches und teilweis schwieriges Werk Zeit zum Durchlesen
und Verdauen fordert. Aber der nächste Erfolg ist nicht durch ge-
diegene Kritik bedingt, sondern, um es platt herauszusagen, durch
Lärmschlagen, durch Rühren der Trommel, welches die Feinde auch
zwingt zu sprechen. Es ist zunächst nicht so wichtig, was gesagt
wird, als d a ß gesagt wird. V o r a l l e m k e i n e
Z e i t v e r l i e r e n!
Ihren letzten Brief habe ich an Engels geschickt 11*), damit er
Ihnen die nötigen Winke zukommen lasse. Er kann besser über mein
Buch schreiben als ich selbst.
Ihrer lieben Frau meine herzlichsten Grüße. Ich werde ihr einen
dieser Tage ein Rezept zum Lesen des Buchs schicken. 12*)
Ihr K. M.
Halten Sie mich au fait 13*) von allem, was in Deutschland mit
Bezug auf Band I vorfällt.
Da Paul Stumpf (Mainz) mir einen Brief [567] geschrieben, worin
er Borkheims Rede "meine" Rede nennt, und da ich in diesem Augen-
blick keine Zeit habe, an St[umpf] zu schreiben, so schreiben Sie
ihm doch gefälligst, klären ihn auf, empfehlen ihm S t i l l-
s c h w e i g e n beim Erscheinen der B[orkheim]schen Broschüre.
Stumpf selbst wird fatal, wenn er die Feder in die Hand nimmt -
entre nous 14*)!
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11*) siehe vorl. Band, S. 360 - 12*) siehe vorl. Band, S. 575/576
- 13*) auf dem laufenden - 14*) unter uns gesagt
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