Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#567# Engels an Ludwig Kugelmann - 8. und 20. November 1867
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Engels an Ludwig Kugelmann
in Hannover
Manchester, 8. und 20. Nov. 1867
Lieber Kugelmann,
Seit meinem letzten Brief 1*) hat weder M[arx] noch ich was von
Ihnen gehört, und ich kann doch kaum glauben, daß Sie so tief in
irgendeiner anteflexio uteri stecken, um ganz unzugänglich zu
sein. Auch habe ich einen Brief an Liebknecht zu schicken und
M[arx] rät mir, ihn Ihnen zuzusenden, da wir keine genaue Adresse
haben und nicht wissen, ob er in Berlin oder Leipzig ist 2*), ich
lege ihn daher bei.
Die deutsche Presse ist noch immer stumm über das "Kapital", und
es ist doch von der höchsten Wichtigkeit, daß was geschieht. Den
einen der Ihnen gesandten Artikel 3*) habe ich in der "Zukunft"
gefunden; es tut mir leid, nicht gewußt zu haben, daß er
eventuell für dies Blatt bestimmt war, dort hätte man wohl
frecher auftreten können. Indes daran liegt nichts. Die
Hauptsache ist, daß das Buch überhaupt wieder und immer wieder
besprochen wird. Und da M[arx] sich in der Sache nicht frei
bewegen kann und sich auch geniert wie eine Jungfer, so müssen
wir andern es eben tun. Sein Sie also so freundlich und lassen
Sie mich wissen, welchen Erfolg Sie in dieser Sache bisher
gefunden haben und welche Blätter Sie glauben noch benutzen zu
können. Wir müssen hier, um mit unserm alten Freunde Jesus
Christus zu sprechen, unschuldig tun wie die Tauben und klug sein
wie die Schlangen. Die braven Vulgärökonomen haben immer soviel
Verstand, daß sie sich vor diesem Buch in acht nehmen und
beileibe nicht davon sprechen, wenn sie nicht müssen. Und dazu
müssen wir sie zwingen. Wenn das Buch gleichzeitig in 15-20
Zeitungen besprochen wird - gleichgültig, ob günstig oder
ungünstig, ob in Artikeln, Korrespondenzen oder hinter dem Strich
in Eingesandtes - bloß als eine bedeutende Erscheinung, die Be-
achtung verdient, so heult nachher die ganze Bande von selbst
nach, und die
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1*) Siehe vorl. Band, S. 563 - 2*) siehe vorl. Band, S. 377 und
379 - 3*) Friedrich Engels: "Rezension des Ersten Bandes 'Das Ka-
pital' für die 'Zukunft'"
#568# Engels an Ludwig Kugelmann - 8. und 20. November 1867
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Fauchers, Michaelis, Roschers und Max Wirths werden dann eben
müssen. Es ist unsre verdammte Schuldigkeit, diese Artikel, und
zwar m ö g l i c h s t g l e i c h z e i t i g, in die Blätter
zu bringen, namentlich in die europäischen und auch in die
reaktionären. In letzteren könnte man darauf aufmerksam machen,
daß die Herren Vulgären in Parlamenten und volkswirtschaftlichen
Versammlungen das Maul sehr voll nehmen, hier aber, wo d i e
K o n s e q u e n z e n ihrer eignen Wissenschaft herausgekehrt
werden, gefälligst das Maul halten. Und so weiter. Halten Sie
meine Beihülfe für wünschenswert, so lassen Sie mich wissen, für
welches Blatt Sie etwas wünschen - ich bin wie immer im Dienst
der Partei bei der Hand. In dem Brief an L[iebknecht] handelt es
sich um dieselbe Geschichte, und Sie werden mich durch sichre
Beförderung daher ganz ungemein verbinden.
Die römische Geschichte [413] hat uns wieder famos weitergehol-
fen. Der edle Bonaparte scheint mir stark auf dem letzten Loche
zu schleimrasseln, und wenn diese Episode in Frankreich zu Ende
kommt, mit England in einer Lage, die täglich revolutionärer
wird, mit Italien in der Notwendigkeit, eine Revolution zu machen
-, dann wird auch wohl in Deutschland das Reich der "Europäer"
4*) am Ende sein. Hier in England geht die Bildung einer wirklich
revolutionären Partei rasch voran und gleichzeitig mit ihr die
Entwicklung revolutionärer Verhältnisse. Durch die Reformbill
[335] hat Disraeli die Tories aufgelöst und die Whigs
kaputtgemacht, ohne dabei mehr getan zu haben, als das
Beibehalten des alten Schlendrians unmöglich zu machen. Diese
Reformbill ist entweder nichts (und das ist jetzt unmöglich, die
Bewegung ist zu stark) oder sie muß noch ganz andre Bills sofort
nach sich ziehn, die viel weiter gehn. Verteilung der
Repräsentation nach der Bevölkerung und geheime Abstimmung sind
die nächsten Konsequenzen, die sofort gezogen werden müssen, und
damit ist hier der alte Kram am Ende. Das ist das große Verdienst
des Disraeli, daß er aus Haß gegen die country gentlemen 5*)
seiner eignen Partei und aus Haß gegen die Whigs die Entwicklung
hier in einen Fluß gebracht hat, der nicht mehr aufzuhalten ist.
Sie werden sich wundern und noch mehr werden die deutschen
Philister sich wundern, die England für begraben halten, über
das, was hier geschieht, sobald die Reformbill einmal in Kraft
ist. Die Irländer sind auch ein sehr wesentliches Ferment in der
Sache, und die Londoner Proletarier erklären sich mit jedem Tag
offener für die Fenier [202], also, was hier unerhört und
wirklich großartig ist, für eine erstens gewaltsame und zweitens
antienglische Bewegung.
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4*) siehe vorl. Band, S. 291 und 297 - 5*) Landedelleute
#569# Engels an Ludwig Kugelmann - 8. und 20. November 1867
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Haben Sie meinem ärztlichen Rat gefolgt und sich aufs Pferd ge-
setzt? Ich habe seit meiner Rückkehr [354] wieder die Gnadenwir-
kungen des Reitens sehr bewährt gefunden, und Sie werden sehen,
wie rasch alle Ihre Beschwerden und Bedenklichkeiten gegenüber
dem Getränk verschwinden vor einer Stunde täglichen Reitens. Sie
sind dies als Gynäkolog der Wissenschaft schuldig, denn die Gynä-
kologie hängt ja aufs engste mit dem Reiten oder Gerittenwerden
zusammen, und ein Gynäkolog muß also in jeder Beziehung sattel-
fest sein.
Schorlemmer hat sich in Frankfurt auf dem Naturforscherkongreß
nach Ihnen umgesehn, behauptet aber, Sie wären nicht da gewesen.
Also, lieber Freund, lassen Sie bald von sich hören. Die Photo-
graphie von Lupus ist bestellt und wird fertig, sobald schönes
Wetter da ist, wir haben hier im Winter leider selten Tageslicht.
Empfehlen Sie mich Ihrer Frau unbekannterweise bestens und beste
Grüße von
Ihrem F. E.
Adresse: Ermen & Engels, Manchester for F. E.
Den 20.Nov. Seit ich obiges schrieb, hat Marx mir Ihren Brief an
ihn mitgeteilt, und ich ersehe daraus leider, daß in Ihrer Gegend
wohl schwerlich auf weitere Preßnotizen zu rechnen ist. Wäre es
nicht möglich, durch Dritte etwa, A n g r i f f e auf das Buch,
sei es von bürgerlichem, sei es vom reaktionären Standpunkt in
Blätter zu bringen? Dies scheint mir ein Auskunftsmittel, und die
Artikel wären schon zu beschaffen. Ferner: Wie ist es mit wissen-
schaftlichen resp. ganz oder halb belletristischen Zeitschriften?
Wegen der "Rhein[ischen] Zeitung" schreibe ich nach Köln für den
Fall, daß noch immer nichts geschehen sein sollte. 6*)
Büchner sollte auch Sachen in Blätter bringen können, wegen der
Artikel können Sie ihn im Notfall an mich verweisen. Lassen Sie
ihm keine Ruhe.
Die Photographien habe ich noch nicht erhalten, sie folgen aber
dieser Tage sicher.
Nochmals freundschaftlichst
Ihr F. E.
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6*) siehe vorl. Band, S. 377
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