Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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#586# 3 - Jenny Marx an Johann Philipp Becker - 29. Januar 1866
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Jenny Marx an Johann Philipp Becker
in Genf
[London, etwa 29. Januar 1866]
Mein lieber Herr Becker,
Seit einer Woche liegt mein Mann wieder an der frühern gefährli-
chen und höchst schmerzhaften Krankheit darnieder. Das Leiden
greift ihn dieses Mal um so mehr an, als es ihn von neuem in dem
eben begonnenen Abschreiben seines Buches 1*) unterbricht. Ich
glaube, daß dieser neue Ausbruch einzig und allein von Überarbei-
tung, anhaltenden Nachtwachen herkommt. Er bedauert sehr, den
Sitzungen der "Internationalen" nicht beiwohnen zu können, da es
sich in diesem Moment um die Existenz des "Workman's Advocate"
handelt, der bisher mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen
hatte und dem nun fonds von Philistern und Pfaffen angeboten
sind. Es gilt nun, die Gelder in die Hände zu bekommen, ohne den
"money lenders" 2*) Konzessionen in prinzipieller Hinsicht zu ma-
chen. 3*) Die den Engländern praktisch so naheliegende Reform-
frage nimmt auch sehr die Mittel, die Zeit und das Interesse der
Arbeiter in Anspruch und lenkt sie sehr von andern Dingen ab. 4*)
Ihr "Vorbote" hat Karl und mir außerordentlich Wohlgefallen. Das
ist männliche Sprache und männlicher Ernst! Leßners Brief [578]
über denselben lege ich diesen Zeilen bei. Der Agent, dem ich die
"Manifeste" 5*) zur Besorgung brachte, schreibt mir, daß es ihm
gelungen ist, sie der französischen Polizei zu entziehen, und daß
er sie jetzt nach Genf spedieren kann. Sie können aber nicht
frankiert werden, und daher bitte ich Sie, schreiben zu wollen,
wieviel Sie dafür ausgelegt haben. Das Geld kann dann zusammen
mit dem für die Abonnements des "Vorboten" Ihnen übersandt wer-
den.
In religiöser Hinsicht geht jetzt in dem verdumpften England auch
eine große Bewegung vor sich. Die ersten Männer der Wissenschaft,
Huxley (Darwins Schüler) an der Spitze, mit Tyndall, Sir Charles
Lyell, Bowring, Carpenter etc. etc., geben in St. Martin's Hall
(gloriosen Walzer-Angedenkens [579]) höchst aufgeklärte, wahrhaft
freisinnige und kühne Vorlesungen für das Volk, und zwar an den
Sonntagabenden, grade zu der Stunde, wo sonst die Schäflein zur
Weide des Herrn gingen; die Halle war
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1*) des ersten Bandes des "Kapitals" - 2*) "Geldverleihern" -
3*) siehe vorl. Band, S. 175 - 4*) siehe vorl. Band, S. 110/111 -
5*) "Manifest der Kommunistischen Partei"
#587# 3 - Jenny Marx an Johann Philipp Becker - 29. Januar 1866
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so massenhaft voll und der Jubel des Volkes war so groß, daß am
ersten Sonntagabend, wo ich mit den Mädchen zugegen war, 2000
Menschen keinen Einlaß mehr in den zum Ersticken angefüllten Raum
finden konnten. Dreimal ließen die Pfaffen das Entsetzliche ge-
schehen. - Gestern abend wurde der Versammlung angekündigt, daß
keine Vorlesungen mehr gehalten werden dürften, bis der Prozeß
der Pfaffen gegen die "Sunday evenings for the people" 6*) ent-
schieden sei. Die Entrüstung der Versammlung sprach sich ent-
schieden aus, und mehr als 100 £ wurden sogleich zur Führung des
Prozesses gesammelt. Wie dumm von den Pfäfflein, sich da einzumi-
schen. Zum Ärger der Bande schlossen die Abende auch noch mit Mu-
sik. Chöre von Händel, Mozart, Beethoven, Mendelssohn und Gounod
wurden gesungen und mit Enthusiasmus von den Engländern aufgenom-
men, denen bisher an Sonntagen nur erlaubt war, eine Hymne
"Jesus, Jesus meek and mild 7*)" zu grölen oder in den Ginpalast
zu wandern.
Karl, der heute in großen Schmerzen liegt, und meine Mädchen las-
sen Sie herzlich grüßen, besonders trägt mir die Kleine 8*) viel
Freundliches für den "guten Becker" auf. Ich aber reiche aus der
Ferne Ihnen die Hand.
Ihre Jenny Marx [580]
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6*) "Sonntagsvorträge für das Volk" - 7*) sanft und mild -
8*) Eleanor Marx
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