Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


       zurück

       #595# 9 - Jenny Marx an Ludwig Kugelmann - 24. Dezember 1867
       -----
       9
       
       Jenny Marx an Ludwig Kugelmann
       in Hannover [583]
       
       [London, 24. Dezember 1867]
       1, Modena Villas, Maitland Park
       Mein lieber Herr Kugelmann,
       Sie können  nicht ahnen,  welch große Freude und Überraschung Sie
       uns gestern  bereitet haben, und ich weiß wirklich nicht, wie ich
       Ihnen für all Ihre Freundschaft und Teilnahme danken soll und nun
       gar noch  für das  letzte sichtbare  Zeichen Ihres Andenkens, den
       göttlichen  Vater   Zeus,  der   nun  bei   uns  die  Stelle  des
       "Christkindchens" vertritt.  [584] Unser diesjähriges Weihnachts-
       fest ist  wieder ein sehr getrübtes, da mein armer Mann von neuem
       an seinem alten Leiden krank darniederliegt. Es haben sich wieder
       2 Ausbrüche  gezeigt, von denen der eine bedeutend und an peinli-
       cher Stelle ist, so daß Karl zum Liegen auf einer Seite gezwungen
       ist. Hoffentlich werden wir bald Herr über die Krankheit, und Sie
       werden im nächsten Briefe nicht mehr den interimistischen Privat-
       Sekretär erblicken.
       Wir saßen  gestern abend  alle zusammen  in den untern Räumen des
       Hauses, nach  englischer Einrichtung  dem Küchenrevier,  von  dem
       alle "creature  comforts" 1*)  für die  höheren Regionen ausgehn,
       beschäftigt, den  christmas pudding mit gewissenhafter Gründlich-
       keit zu präparieren. Da wurden Rosinen gekernt (eine sehr eklige,
       klebrige Arbeit), Mandeln, Orangen- und Zitronenschalen fein zer-
       schnitten, Nierenfett  zu Atomen  zerhackt  und  aus  dem  ganzen
       Mischmasch mit Eiern und Mehl ein sonderbares potpourri geknetet;
       da auf einmal klingelt es, ein Wagen hält vor der Tür, geheimnis-
       volle Tritte  gehn auf  und ab, ein Geflüster, ein Rauschen zieht
       durch das  Haus; endlich  ertönt es  von oben: "eine große Statue
       ist  angekommen".  Wenn  es  geheißen  hätte  "Feuer,  Feuer,  es
       brennt", die  "Fenians" sind  da, so hätten wir nicht bestürzter,
       verwirrter heraufstürzen können, und da stand er da in seiner ko-
       lossalen Herrlichkeit, in seiner idealen Reinheit, der alte Jupi-
       ter tonans  2*), unversehrt,  unbeschädigt (eine  kleine Kante am
       piédestal ist etwas abgebröckelt) vor unsern starrenden, entzück-
       ten Augen!!  In der  Zwischenzeit und nachdem die Verwirrung sich
       etwas gelegt hatte, lasen wir dann Ihre uns durch Borkheim  [585]
       übersandten freundlichen  Begleitschreiben, und nachdem wir Ihrer
       in herzlichster Dankbarkeit
       -----
       1*) "leiblichen Genüsse" - 2*) donnernde Jupiter
       
       #596# 9 - Jenny Marx an Ludwig Kugelmann - 24. Dezember 1867
       -----
       gedacht, begannen  gleich die Debatten, wo wohl die würdigste Ni-
       sche aufzufinden  sei für  den neuen  "lieben Gott, der da ist im
       Himmel und  auf Erden".  Über diese  große Frage sind wir noch zu
       keinem Resultat  gekommen, und  es wird  noch mancher Versuch ge-
       macht werden,  ehe das  stolze Haupt  seinen  Ehrenposten  finden
       wird.
       Auch für  Ihr großes  Interesse und Ihre rastlosen Bemühungen für
       Karls Buch  3*) danke  ich Ihnen  herzlich. Es  scheint, daß  die
       Deutschen ihren Beifall am liebsten in Stillschweigen und gänzli-
       chem Verstummen ausdrücken. Sie haben alle den Nölern tüchtig auf
       die Beine geholfen.
       Sie können  mir glauben,  lieber Herr  Kugelmann, daß wohl selten
       ein Buch  unter schwierigeren  Umständen geschrieben  worden ist,
       und ich  könnte wohl  eine geheime Geschichte dazu schreiben, die
       viel, unendlich viel stille Sorgen und Angst und Qualen aufdecken
       würde. Wenn  die Arbeiter eine Ahnung von der Aufopferung hätten,
       die nötig  war, dies Werk, das nur für sie und in ihrem Interesse
       geschrieben ist,  zu vollenden,  so würden  sie vielleicht  etwas
       mehr Interesse zeigen. Die Lassallianer scheinen sich am schnell-
       sten des  Buchs akkapariert  4*) zu  haben, um es gehörig zu ver-
       ballhornen. Schadet aber nichts. -
       Nun noch am Schluß muß ich ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Warum
       reden Sie  mich so formell, sogar mit "gnädig" an, mich, einen so
       alten Veteranen,  ein so bemoostes Haupt in der Bewegung, solchen
       ehrlichen Mit-Läufer  und Mit-Bummler?  Ich hätte  Sie  und  Ihre
       liebe Frau  und Fränzchen 5*), von denen mein Mann nicht aufhören
       kann, so  viel Liebes  und Gutes zu sagen, so gerne diesen Sommer
       besucht, so  gern Deutschland nach 11 Jahren einmal wiedergesehn.
       Ich war  in dem letzten Jahr viel leidend und habe auch leider in
       der letzten Zeit viel von meinem "Glauben", meinem Lebensmut ein-
       gebüßt. Es  war mir  oft schwer,  mich aufrechtzuhalten. Da meine
       Mädchen aber  eine große  Reise machten - sie waren zu den Eltern
       Lafargues nach  Bordeaux eingeladen -, so ließ sich meine Rutsch-
       fahrt nicht  gleichzeitig ausführen,  und ich  habe nun  also die
       schöne Hoffnung für das nächste Jahr vor mir.
       Karl sendet  Ihrer Frau  und Ihnen  die herzlichsten Grüße, denen
       sich die Mädchen aufrichtig anschließen, und ich reiche Ihnen und
       Ihrer lieben Frau aus der Ferne die Hand.
       Ihre Jenny Marx
       nicht gnädig und nicht von Gottes Gnaden.
       -----
       3*) den  ersten   Band  des   "Kapitals"   -   4*) bemächtigt   -
       5*) Franziska Kugelmann

       zurück