Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867


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       #6# 2 - Engels an Marx - 2. November 1864
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       Engels an Marx
       in London
       
       Manchester, 2. Nov. 1864
       Lieber Mohr,
       Die Krisis und ihre zahllosen Scherereien müssen mich entschuldi-
       gen, daß  ich Dir nicht eher schrieb. So viel Judenschikanen hab'
       ich in meinem ganzen Leben noch nicht auf einem Haufen gehabt wie
       diesmal, und  was das  für eine Korrespondenz erfordert, magst Du
       Dir selbst ausmalen.
       Noch in  dieser Woche  gehe ich zu Borchardt und mache die Lupus-
       sche Erbschaftsgeschichte  ab, sie  ist jetzt  zum Abschluß reif.
       [2]
       Meine Reise  [1] hat sich bis nach Sonderburg erstreckt, nach Ko-
       penhagen ging ich nicht, teilweise aus Zeit- und Paßmangel, teil-
       weise, weil  der Redakteur des "Dagbl[adet]", Bille, grade in Lü-
       beck ankam,  als ich in Kiel war, und ich also in ganz Kopennagen
       keinen Anknüpfungspunkt  hatte, da  ich die  andern Journale nir-
       gends sah.
       Schleswig ist  ein kurioses  Land -  die Ostküste sehr hübsch und
       reich, die  Westküste auch  reich, in  der Mitte Heide und Wüste.
       Die Buchten  alle sehr  schön. Das  Volk ist entschieden eine der
       größten und  schwersten Menschenrassen  der Erde,  besonders  die
       Friesen der  Westküste. Man braucht nur durch das Land zu reisen,
       um sich  zu überzeugen,  daß  der  Hauptkern  der  Engländer  aus
       Schleswig kommt.  Du kennst die holländischen Friesen, namentlich
       diese kolossalen Friesinnen mit dem feinen weißen und frischroten
       Teint (der  auch in  Schleswig vorherrscht). Das sind die Urtypen
       der Nordengländer,  und namentlich haben die auch hier in England
       vorkommenden kolossalen  Weiber alle  den entschieden friesischen
       Typus. Mir  ist es  sicher, daß  die nach  England mit Angeln und
       Sachsen eingewanderten  "Jüten" (Eotena cyn angelsächsisch) Frie-
       sen waren, und in Jütland wie in Schleswig die dänische Einwande-
       rung erst  vom 7.  oder 8. Jahrhundert datiert. Der jetzige jüti-
       sche Dialekt ist allein Beweis.
       Diese Kerle  sind große Fanatiker und haben mir deswegen sehr ge-
       fallen. Du hast gewiß einiges von dem sonderlichen "Dr. K.J. Cle-
       ment aus  Nordfriesland" gelesen.  Der Bursche  ist der Typus der
       ganzen Race.  Der Kampf  mit den  Dänen ist diesen Kerlen bittrer
       Ernst und  ihre ganze
       
       #7# 2 - Engels an Marx - 2. November 1864
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       Lebensaufgabe,  und die schleswig-holsteinsche Theorie  ist ihnen
       nicht Zweck,  sondern Mittel.  Sie sehen sich als  eine den Dänen
       physisch und moralisch  überlegne Race an und sind  es auch.  Mit
       dieser Art Leute in seiner Weise fertig werden zu können, war ei-
       ne wirklich schöne Illusion von Bismarck.
       [3] Wir  haben fünfzehn  Jahre gegen  die Dänen  ausgehalten  und
       unser Terrain  behauptet, und  wir sollten  uns von  diesen preu-
       ßischen Bürokraten unterkriegen lassen? so sprachen die Kerle.
       Die Sprach-  und Nationalitätsverhältnisse  sind sehr  eigen.  In
       Flensburg, wo  nach Angabe der Dänen der ganze Norderteil dänisch
       ist, besonders  am Hafen,  sprachen alle Kinder, die dort massen-
       haft am Hafen spielten, plattdeutsch. Dagegen nördlich von Flens-
       burg ist  Dänisch -  d.h. der  plattdänische Dialekt, von dem ich
       fast kein  Wort verstand  - Volkssprache. Im , Sundewitt sprachen
       die Bauern  im Wirtshaus  indes abwechselnd dänisch, plattdeutsch
       und hochdeutsch,  und weder  dort noch  in Sonderburg, wo ich die
       Leute stets  dänisch ansprach,  bekam ich andre als deutsche Ant-
       worten. Jedenfalls  ist Nordschleswig  von der Verdeutschung sehr
       angefressen und  würde sehr  schwer wieder ganz dänisch zu machen
       sein, sicher schwerer als deutsch. Ich wollte lieber, es wäre dä-
       nischer, denn  man wird  später doch  hier den  Skandinaviern an-
       standshalber etwas abtreten müssen.
       Ich habe  in der  letzten Zeit  etwas friesisch-anglisch-jütisch-
       skandinavische Philologie  und Archäologie  getrieben  und  komme
       auch hier zu dem Resultat, daß die Dänen ein reines Advokatenvolk
       sind, die  aus Parteiinteresse  auch in wissenschaftlichen Fragen
       d i r e k t   u n d  w i s s e n t l i c h  l ü g e n.  Herr Wor-
       saae on  the Danes  etc. in  England to wit. 1*) Dagegen will ich
       Dir, wenn  Du nächstens  herkommst, ein  in der  Hauptsache  sehr
       gutes Buch  von dem tollen Clement aus Nordfriesland über Schles-
       wig und  die Einwanderung  nach England im 6.-8. Jahrhundert zei-
       gen. Der  Kerl hat  viel fonds  2*) bei  aller Sonderbarkeit. Er,
       scheint mir aber sehr stark zu trinken.
       Die Preußen  in Schleswig  sahen zu  meiner Verwunderung sehr gut
       aus, namentlich  die Westfalen, die neben den Östreichern wie die
       Riesen aussahen, aber freilich auch viel plumper. Die ganze Armee
       lief total  unrasiert herum, auch unzugeknöpft und überhaupt sehr
       unkamaschenmäßig, so  daß die geschniegelten Östreicher hier fast
       die Rolle  der Preußen  spielten. Unter den' preußischen Artille-
       rie- und  Genieoffizieren fand  ich einige  sehr nette Kerle, die
       mir allerhand  hübsche Sachen  erzählten; aber die Infanterie und
       Kavallerie hielt  sich sehr vornehm zurück und stand auch bei der
       Bevölkerung in  sehr schlechtem  Ruf. Über  die Kriegführung  des
       Prinzen Fr[iedrich]
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       1*) Herr Worsaae  über die  Dänen  usw.  in  England  nämlich.  -
       2*) Wissen
       
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       Karl herrschte  durchaus keine Begeisterung, und über die Vertei-
       lung der  Belohnungen schimpften  alle ohne  Ausnahme, selbst die
       Dekorierten. Die Unteroffiziere benahmen sich anständig gegen die
       älteren Soldaten  und auch sonst in Gesellschaft; dagegen sah ich
       einen von  den brandenburgischen Pionieren, der in Sonderburg Re-
       kruten exerzierte,  der ganze  alte infame Preuß. Übrigens ist es
       merkwürdig zu sehn, welch verschiedner Ton in dieser Beziehung im
       3. und  7. Armeekorps herrscht. Der märkische Stamm, um mit Georg
       Jung zu  reden, läßt sich arschtreten und hudeln, während bei den
       Westfalen (die  sehr stark mit Rheinländern von der rechten Seite
       vermischt sind)  die Unteroffiziere  meist d'égal  à égal 3*) mit
       den Leuten verkehren.
       Was hältst  Du von  der Handelskrisis? Ich denk', es ist vorüber,
       d.h. das Schlimmste. Es ist schade, daß so was jetzt nie mehr or-
       dentlich reif wird.
       Was heißt: Rüm Hart, klar Kimmang?
       Grüß Deine Frau und die Mädchen bestens.
       Dein F. E.
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       3*) als Gleiche unter Gleichen

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