Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
zurück
#75# 31 - Marx an Engels - 18. Februar 1865
-----
31
Marx an Engels
in Manchester
[London] 18. Febr. 65
Dear Fred,
Einliegend 2 Briefe von Liebknecht, 1 an Dich, 1 an mich. Ditto
einen f r ü h e r e n von Schweitzer.
Meine Ansicht ist die:
Da Liebknecht einmal gekündigt hat [103], so il faut en finir
1*). Hätte er die Sache aufgeschoben, so konnten wir, da Deine
Broschüre 2*) im Werk, auch aufschieben.
Ich halte den Schweitzer für unverbesserlich (wahrscheinlich im
geheimen Einverständnis mit Bismarck).
Was mich darin bestätigt, ist
1. die in seinem einliegenden Brief vom 15. (von mir) angestri-
chene Stelle [104];
2. die Z e i t, worin sein "Bismarck III" erschien. [105]
Um beides zu würdigen, teile ich Dir hier in w ö r t l i c h e r
A b s c h r i f t Stelle mit aus meinem Briefe an ihn vom 13.
Februar'129':
"... da durch die Korrespondenz des M. H[eß] in der heute ein-
treffenden Nr. 21 unsre Erklärung 3*) teilweise veraltet ist, mag
die Sache dabei ihr Bewenden haben. [83] Allerdings enthielt un-
sre Erklärung auch noch einen andern Punkt, Lob der antibonapar-
tistischen Haltung des Pariser Proletariats und Wink an die deut-
schen Arbeiter, dies Muster nachzuahmen. Es war dies uns wichti-
ger als der Ausfall gegen H[eß], Indes werden wir anderswo unsre
Ansicht über das Verhältnis der Arbeiter zur preußischen Regie-
rung ausführlich aussprechen. 4*)
In Ihrem Brief vom 4. Febr. heißt es, ich selbst habe den Lieb-
knecht gewarnt, nicht über die Stränge zu hauen, damit er nicht
zum Teufel gejagt werde. Ganz richtig. Ich schrieb ihm aber
zugleich, man könne alles sagen,
-----
1*) muß man damit Schluß machen - 2*) "Die preußische Militär-
frage und die deutsche Arbeiterpartei" - 3*) "An die Redaktion
des 'Social-Demokrat'. Erklärung" - 4*) siehe vorl. Band, S. 70
#76# 31 - Marx an Engels - 18. Februar 1865
-----
wenn man die rechte Form treffe. 5*) Eine selbst für den Berliner
Meridian 'mögliche' Form der Polemik g e g e n die Regierung
ist sicher sehr verschieden von Koketterie oder selbst Scheinkom-
promiß mit der Regierung! Ich schrieb Ihnen selbst, daß der
'Soc[ial]-Demok[rat]' selbst solchen Schein meiden müsse. 6*)
Ich sehe aus Ihrem Blatt, daß das Ministerium sich zweideutig und
Zeit suchend über die Abschaffung der Koalitionsgesetze aus-
spricht. Dagegen berichtet ein 'Times'-Telegramm, daß es Protek-
torisches über eine in Aussicht gestellte Unterstützung der Ko-
operativgesellschaften von Staats wegen fallenließ. [93] Es
sollte mich durchaus nicht wundern, wenn die 'Times' ausnahms-
weise einmal korrekt telegraphierte!
Koalitionen mit den aus ihnen erwachsenden trades unions sind
nicht nur als Mittel der Organisation der Arbeiterklasse zum
Kampfe mit der Bourgeoisie von der äußersten Wichtigkeit - diese
Wichtigkeit zeigt sich u.a. darin, daß selbst die Arbeiter der
United States trotz Wahlrecht und Republik derselben nicht ent-
behren können -, sondern in Preußen und Deutschland überhaupt ist
das Koalitionsrecht außerdem ein Durchbrechen der Polizeiherr-
schaft und des Bürokratismus, zerreißt die Gesindeordnung [94]
und die Adelswirtschaft auf dem Lande, kurz, es ist eine Maßregel
zur Mündigmachung der 'Untertanen', welche die Fortschrittspartei
[63], d.h. jede bürgerliche Oppositionspartei in Preußen, wenn
nicht verrückt, hundertmal eher gestatten könnte als die preußi-
sche Regierung und nun gar die Regierung eines Bismarck! Dagegen
andrerseits königlich preußische Regierungsunterstützung von Ko-
operativgesellschaften - und jeder, der die preußischen Verhält-
nisse kennt, kennt auch im voraus die notwendigen Zwergdimensio-
nen - ist als ökonomische Maßregel Null, während zugleich dadurch
das Vormundschaftssystem ausgedehnt, ein Teil der Arbeiterklasse
bestochen und die Bewegung entmannt wird. Wie die bürgerliche
Partei in Preußen sich namentlich dadurch blamiert und ihr jetzi-
ges Misère herbeigeführt hat, daß sie ernsthaft glaubte, mit der
'Neuen Ära' [107] sei ihr durch des Prinzregenten Gnade die Re-
gierung in den Schoß gefallen, so wird sich die Arbeiterpartei
noch viel mehr blamieren, wenn sie sich einbildet, durch die Bis-
marckära oder durch irgendeine andre preußische Ära werden ihr
von Königs Gnaden die goldnen Äpfel in den Mund fallen. Daß die
Enttäuschung über Lassalles unselige Illusion eines sozialisti-
schen Eingreifens einer preußischen Regierung kommen wird, ist
über allen Zweifel erhaben. Die Logik der Dinge wird sprechen.
Aber die E h r e der
-----
5*) siehe vorl. Band, S. 52/53 - 6*) siehe vorl. Band, S. 52
#77# 31 - Marx an Engels - 18. Februar 1865
-----
Arbeiterpartei erheischt, daß sie solche Trugbilder zurückweist,
selbst bevor deren Hohlheit an der Erfahrung geplatzt ist. Die
Arbeiterklasse ist revolutionär oder sie ist nichts."
Well! Auf diesen meinen Brief vom 13. antwortet er durch seinen
Brief vom 15., worin er in allen "praktischen" Fragen meine Un-
terordnung unter seine Taktik verlangt, antwortet er mit
"Bismarck III" [103] als neuer Probe dieser Taktik!! Und es
scheint mir in der Tat jetzt, daß die patzige Manier, womit er
bei Gelegenheit der Erklärung gegen Heß die Kabinettsfrage
stellte, nicht der Zärtlichkeit für Moses geschuldet war, sondern
dem festen Entschluß, unsrem Wink an die deutschen Arbeiter unter
keinen Umständen im "Soc.-Dem." Platz zu geben.
Da also doch mit dem Kerl gebrochen werden muß, lieber jetzt
gleich. Was die deutschen Knoten angeht, so mögen sie schreien,
soviel sie wollen. Der brauchbare Teil darunter muß sich doch
früher oder später um uns ralliieren 7*). Wenn Dir die untenste-
hende Erklärung recht, schreib sie ab, unterzeichne und schicke
sie mir. Andre, da es rasch hingeschmiert, was Dir unpassend
scheint, oder mach sie ganz neu, wie Du willst.
Dein K. M.
Erklärung.
An die Redaktion des "Social-Demokraten".
Die Unterzeichneten versprachen ihre Mitarbeit am "Social-Demo-
krat" und erlaubten die Veröffentlichung ihrer Namen als Mitar-
beiter unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß das Blatt im Geist
des ihnen mitgeteilten kurzen Programms redigiert werde. Sie ver-
kannten keinen Augenblick die schwierige Stellung des "Soc.-De-
mok." und machten daher keine für den Meridian von Berlin unpas-
senden Ansprüche. Sie forderten aber wiederholt, daß dem Ministe-
rium und der feudal-absolutistischen Partei gegenüber eine wenig-
stens ebenso kühne Sprache geführt werde als gegenüber den Fort-
schrittlern. Die von dem "Soc.-Demok." befolgte Taktik schließt
ihre weitere Beteiligung an demselben aus. Die Ansicht der Unter-
zeichneten vom königlich preußischen Regierungssozialismus und
der richtigen Stellung der Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk
findet sich bereits ausführlich entwickelt in Nr. 73 der
"Deutschen-Brüsseler-Zeitung" vom 12. September 1847 8*), in
Antwort auf Nr. 206 des damals in Köln erscheinenden
-----
7*) scharen - 8*) "Der Kommunismus des 'Rheinischen Beobachters'"
#78# 31 - Marx an Engels - 18. Februar 1865
-----
"Rheinischen Beobachter", worin die Allianz des "Proletariats"
mit der "Regierung" gegen die "liberale Bourgeoisie" vorgeschla-
gen war. Jedes Wort unsrer damaligen Erklärung unterschreiben wir
noch heute.
Den Weydemeyer schicke ich Dir morgen zurück. Was sagst Du zu
"Freiligrath-Blindscher" E i d g e n o s s e n s c h a f t?
[108]
Seit ein paar Tagen habe ich einen Karbunkel unter dem Allerwer-
testen und einen Furunkel an der linken Lende. Auch angenehm.
zurück