Quelle: MEW 31 Briefe Oktober 1864 bis Dezember 1867
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Vorwort
Der einunddreißigste Band der Werke enthält den Briefwechsel zwi-
schen Marx und Engels von Oktober 1864 bis Dezember 1867 sowie
Briefe, die sie in diesen Jahren an dritte Personen richteten.
Die Geschichte des Marxismus und der internationalen Arbeiterbe-
wegung wird in dieser Zeitspanne durch zwei hervorragende Ereig-
nisse gekennzeichnet: Am 28. September 1864 wurde in London die
Internationale Arbeiterassoziation (I. Internationale) gegründet,
und drei Jahre später, im September 1867, erschien bei Otto Meiß-
ner in Hamburg der erste Band des "Kapitals".
Mit der weiteren Entwicklung des Kapitalismus in Europa und Ame-
rika traten die ihm innewohnenden Widersprüche immer offener zu-
tage. In engem Zusammenhang damit hielt die Belebung der Arbei-
terbewegung an, die Anfang der sechziger Jahre erneut eingesetzt
hatte. Die Zahl der Arbeiterorganisationen und ihrer Mitglieder
wuchs, und in den entwickelten kapitalistischen Ländern drängten
die fortgeschrittensten Arbeiter nach politischer und organisato-
rischer Trennung von der Bourgeoisie. Noch hielt der revolutio-
näre Aufschwung in wichtigen europäischen Ländern wie Frankreich
und Deutschland an. Die Klärung der Beziehungen der Arbeiter-
klasse zur demokratischen Bewegung und zum nationalen Befreiungs-
kampf der Völker stand erneut auf der Tagesordnung.
Obwohl Marx von der Leitung der Internationalen Arbeiterassozia-
tion stark in Anspruch genommen war und diese Tätigkeit viel Zeit
erforderte, setzte er seine ökonomischen Studien intensiv fort.
Die Grundlage dieser Arbeit bildete ein umfangreiches Manuskript,
das zwischen August 1861 und Juli 1863 entstanden war und einen
ersten systematischen, wenn auch noch nicht in Einzelheiten aus-
gearbeiteten Entwurf aller Teile des ökonomischen Hauptwerkes von
Marx darstellte. Zusätzlich studierte Marx zahlreiche ökonomische
und technische Schriften, darunter über Landwirtschaft, zu Fragen
des Kredits und des Geldumlaufs. Er studierte statistische
#VI# Vorwort
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Materialien, vertiefte sich in parlamentarische Untersuchungsbe-
richte, zum Beispiel über Kinderarbeit in der englischen Indu-
strie und über die Arbeits- und Lebensbedingungen des englischen
Proletariats. Die vorliegenden Briefe geben eine Vorstellung von
der gewaltigen Arbeit, die Marx zu leisten, und den zahllosen
Schwierigkeiten, die er dabei zu überwinden hatte. Von August
1863 bis Ende 1865 schrieb er ein neues, umfangreiches Manuskript
nieder; das war die erste bis ins einzelne ausgearbeitete Fassung
der drei theoretischen Bücher des "Kapitals".
Marx beschäftigte sich bis zu diesem Zeitpunkt mit allen Teilen
seines Hauptwerkes, da er die Absicht hatte, es als geschlossenes
Ganzes zu veröffentlichen. In diesem Sinne wurde auch eine vor-
läufige Vereinbarung mit dem Hamburger Verleger Otto Meißner ge-
troffen. Sie sah die Herausgabe aller Teile des "Kapitals" in
zwei gleichzeitig erscheinenden Bänden vor, deren Gesamtumfang 60
Druckbogen nicht überschreiten sollte. Der Hauptgrund, so zu ver-
fahren, lag für Marx in der ganzen Anlage seines Werkes. Die von
ihm entwickelte und angewandte Untersuchungsmethode erforderte
eine umfassende Analyse des Kapitalismus in seiner Entstehung und
Entwicklung und eine wissenschaftliche Erklärung aller objektiven
Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sowie der Tendenzen
ihrer weiteren Entwicklung. Die Widersprüche des Kapitalismus und
ihr antagonistischer Charakter sollten aufgedeckt und die Ursa-
chen und Bedingungen seines unvermeidlichen Untergangs geklärt
werden. Kurz bevor Marx das Manuskript zu den drei theoretischen
Büchern des "Kapitals" beendet hatte, schrieb er an Engels: "Ich
kann mich aber nicht entschließen, irgend etwas wegzuschicken,
bevor das Ganze vor mir liegt. Whatever shortcomings they may
have, das ist der Vorzug meiner Schriften, daß sie ein artisti-
sches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise,
sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen." (Siehe
vorl. Band, S. 132.)
Ende 1865 lag das Manuskript der drei theoretischen Bücher des
"Kapitals" fertig vor. Marx beabsichtigte, unmittelbar danach das
"historisch- literarische" (Marx) vierte Buch in Angriff zu neh-
men, das der Geschichte der Mehrwerttheorie gewidmet war. Er
hielt diese Arbeit für den relativ leichtesten Teil seines Wer-
kes, denn alle komplizierten theoretischen Probleme waren bereits
in den ersten drei Büchern behandelt und geklärt. Überdies war
schon der Hauptteil des Manuskripts von 1861-1863 den theoriege-
schichtlichen Fragen gewidmet, die in den meisten Fällen bis ins
Detail ausgearbeitet vorlagen. Zu dieser Zeit wurde es Marx und
Engels jedoch klar, daß zunächst und möglichst schnell der erste
Band des "Kapitals" erscheinen mußte.
#VII# Vorwort
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Auf nachdrücklichen Rat von Engels begann Marx im Januar 1866 mit
der Endbearbeitung des ersten Bandes des "Kapitals". Er verän-
derte die ursprüngliche Fassung grundlegend, um dem Band einen
abgeschlossenen und selbständigen Charakter zu geben. Aus den
Briefen dieser Zeit wird ersichtlich, wie sehr Marx bemüht war,
die neuesten Tatsachen, insbesondere über die Lage und den Kampf
der Arbeiterklasse in England und anderen Ländern, zu berücksich-
tigen, um seine theoretischen Schlußfolgerungen noch umfassender
zu begründen. Dazu zog er neben anderen Quellen weitgehend die
bis Anfang 1867 erschienenen offiziellen englischen "Blaubücher"
heran. Bei der sorgfältigen Analyse der neuen Materialien kam
Marx zu dem Schluß, daß die Entwicklung des Kapitalismus in Eng-
land in den letzten Jahrzehnten der Arbeiterklasse keinerlei Vor-
teile gebracht, sondern im Gegenteil ihre Lage in mancher Hin-
sicht verschlechtert hatte. Daher bat er Engels eindringlich,
eine zweite Auflage seines Werkes "Die Lage der arbeitenden
Klasse in England" vorzubereiten; denn seine eigene Darlegung im
Kapitel über den "Arbeitstag" sah Marx nur als eine skizzenhafte
und aktuelle Ergänzung zu Engels' Buch an. (Vgl. vorl. Band, S.
174.)
Während der endgültigen Bearbeitung des ersten Bandes des
"Kapitals" beobachtete Marx auch aufmerksam das Anwachsen des Mi-
litarismus in den europäischen Ländern. In diesem Zusammenhang
bat er Engels, einen besonderen Anhang zum ersten Band zu schrei-
ben, worin der Charakter des Militärs und der Kriege im Kapita-
lismus dargelegt werden sollte. "Unsre Theorie von der Bestimmung
der Arbeits o r g a n i s a t i o n d u r c h d a s P r o-
d u k t i o n s m i t t e l, bewährt sie sich irgendwo glänzen-
der als in der Menschenabschlachtungsindustrie?" schreibt er an
Engels (siehe vorl. Band, S. 234). In seinem "Konspekt zum Brief-
wechsel zwischen Karl Marx und Friedrich Engels 1844-1883" hob
W.I. Lenin die theoretische Bedeutung dieses Briefes hervor.
Engels war jedoch mit publizistischen Arbeiten für die Inter-
nationale und anderen wichtigen Angelegenheiten überlastet. Er
konnte dem Wunsch von Marx nicht nachkommen, wie gern dieser
seinen Freund auch als "Collaborateur direkt" des ersten Bandes
des "Kapitals" gesehen hätte.
Viele Briefe dieser Periode zeigen, daß Marx sich auch in anderen
Fragen ständig mit Engels beriet, dessen Bemerkungen sorgfältig
beachtete und sie für sein Buch verwertete. Engels hatte ihm am
29. Januar und 13. März 1867 von der kritischen Lage in der eng-
lischen Baumwollindustrie berichtet und den Kampf der Arbeiter
gegen die Fabrikanten geschildert, die versucht hatten, die Löhne
herabzusetzen. (Vgl. vorl. Band, S. 275 und 280.) Marx nahm die
dort von Engels gegebene Charakteristik fast wörtlich als Anmer-
kung in das "Kapital" auf. (Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S.
457/458.)
#VIII# Vorwort
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An diesem Beispiel wird deutlich sichtbar, wie Marx die Ausarbei-
tung seiner ökonomischen Theorie aufs engste mit den aktuellen
Aufgaben der Arbeiterbewegung verband.
Im November 1866 schickte Marx den ersten Manuskriptteil des er-
sten Bandes an Otto Meißner. Der Rest war am 27, März 1867 fer-
tiggestellt, und Marx brachte ihn bald darauf selbst nach Ham-
burg. Am 13. April 1867 vereinbarten Marx und Meißner in Hamburg,
das "Kapital" in drei Bänden herauszugeben, wobei das erste Buch
als erster Band, das zweite und dritte als zweiter Band und das
abschließende vierte Buch als dritter Band erscheinen sollte.
Diesen Plan legte Marx in einem Brief an Kugelmann sowie im Vor-
wort zur ersten Auflage dar. (Siehe vorl. Band, S. 534 und vgl.
Band 23 unserer Ausgabe, S. 17.) In der Korrespondenz aus dieser
Zeit wird der Leser viele weitere wichtige und interessante Ein-
zelheiten zur Geschichte des ersten Bandes des "Kapitals" finden.
Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels über den Inhalt des er-
sten Bandes des "Kapitals" sowie über seine einzelnen Kapitel und
Abschnitte ist außerordentlich aufschlußreich. Auf Marx' Bitte
las Engels die Korrekturbogen und teilte Marx freimütig und kame-
radschaftlich seine Ansichten mit. Er hob die Vorzüge des Werks
hervor, kritisierte Unvollkommenheiten in der Darstellung einzel-
ner Passagen und riet zu verschiedenen Verbesserungen am Text, im
Aufbau und in der Gliederung des Bandes. Marx seinerseits erläu-
terte dem Freunde in mehreren Briefen die schwierigsten Stellen
und teilte ihm die zur Begründung der theoretischen Verallgemei-
nerungen notwendigen Einzelheiten mit. Dieser Meinungsaustausch
hilft uns, in die Grundprobleme des ersten Bandes des "Kapitals"
tiefer einzudringen und die in ihm angewandte Untersuchungsme-
thode besser zu verstehen. So sind beispielsweise Engels' Brief
vom 16. Juni 1867 und Marx' Antworten vom 22. und 27. Juni über
die Entwicklung der Wertform wertvolle Ergänzungen für das Stu-
dium des ersten Abschnitts des ersten Bandes, der sich mit der
Analyse der Ware und des Geldes befaßt. Das gilt in gleichem Maße
für Engels' Brief vom 26. Juni und Marx' zweiten Brief vom 27.
Juni. Dort wird die Mehrwerttheorie erörtert, und es werden die
landläufigen Vorstellungen der Vulgärökonomie von der Entstehung
des Profits kritisiert. Von hohem wissenschaftlichen Wert ist
Marx' Brief vom 24. August des gleichen Jahres. Hier legte er
dar, worin der grundlegende Unterschied seiner ökonomischen Theo-
rie zur bisherigen bürgerlichen politischen Ökonomie bestehe und
was das Beste an seinem Buch sei (vgl. vorl. Band, S. 326/327).
Erstrangige theoretische Bedeutung haben Engels' Briefe zu ökono-
mischen Fragen. In einem Brief an Friedrich Albert Lange vom 29.
März 1865
#IX# Vorwort
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widerlegte Engels zum Beispiel die Thesen der bürgerlichen Ökono-
men, daß die ökonomischen Gesetze der Gesellschaft keine histori-
schen, sondern ewige Naturgesetze seien.
Als Engels den größten Teil des ersten Bandes des "Kapitals" ge-
lesen hatte, schrieb er an Marx: "...gratuliere zu der kompletten
Weise, in der die verzwicktesten ökonomischen Probleme durch blo-
ßes Zurechtrücken und Einstellen in den richtigen Zusammenhang
einfach und fast sinnlich klargemacht werden. Desgleichen zu der,
der Sache nach, höchst famosen Darstellung des Verhältnisses von
Arbeit und Kapital - im vollen Zusammenhange und komplett hier
zum erstenmal." (Siehe vorl. Band, S. 324.) Begeistert äußerte
sich Engels zur Analyse des Akkumulationsprozesses: "Das Theore-
tische ganz famos, auch die Entwicklung der Expropriationsge-
schichte... Sehr brillant ist das Résumé über die Expropriation
der Expropriateurs, das wird durchschlagen." (Siehe vorl. Band,
S. 334.) Engels gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß Marx'
Theorie über alle Theorien der bürgerlichen Ökonomen trium-
phierte. In allen seinen Äußerungen erwies sich Engels als her-
vorragender Theoretiker, er leistete Marx bei der Ausarbeitung
der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse große Hilfe. Marx
legte daher auch auf das Urteil seines Freundes den größten Wert
und bekannte in einem Brief an Engels, daß dessen Zufriedenheit
ihm wichtiger sei als alles, was die übrige Welt darüber sagen
möge. (Vgl. vorl. Band, S. 305.)
Spät in der Nacht des 16. August 1867 legte Marx den letzten Kor-
rekturbogen fertig aus der Hand. Die Arbeit am ersten Band des
"Kapitals" war getan. Und dann schrieb er einen kurzen Brief an
Engels: "Eben den letzten Bogen (49.) des Buchs fertig korri-
giert... Bloß Dir verdanke ich es, daß dies möglich war! Ohne
Deine Aufopferung für mich konnte ich unmöglich die ungeheuren
Arbeiten zu den drei Bänden machen. I embrace you, full of
thanks! ... mein lieber, teurer Freund!" Das ist einer der schön-
sten Briefe dieses Bandes.
Das Erscheinen des ersten Bandes des "Kapitals" war ein hervorra-
gendes Ereignis in der Geschichte des menschlichen Denkens. Die-
ses Werk bedeutete die vollständige Umwälzung aller bisherigen
politischen Ökonomie; sie fand ihre Fortsetzung und Vollendung im
zweiten und dritten Band des "Kapitals", welche Engels 1885 bzw.
1894 veröffentlichte. Der erste Band enthüllte schonungslos das
Wesen der kapitalistischen Ausbeutung und den unversöhnlichen
Charakter der kapitalistischen Widersprüche. Marx hatte die wich-
tigsten Bewegungsgesetze dieser Gesellschaftsordnung entdeckt,
aus deren Wirken sich der unvermeidliche Untergang
#X# Vorwort
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des Kapitalismus ergeben würde. Der erste Band des "Kapitals"
hatte großen Einfluß auf die Herausbildung des revolutionären Be-
wußtseins des internationalen Proletariats. Er half der Arbeiter-
klasse, sich ihrer historischen Rolle in der gesellschaftlichen
Entwicklung bewußt zu werden. "Solange es Kapitalisten und Arbei-
ter in der Welt gibt", schrieb Engels 1868 in einer Rezension des
"Kapitals", "ist kein Buch erschienen, welches für die Arbeiter
von solcher Wichtigkeit wäre, wie das vorliegende. Das Verhältnis
von Kapital und Arbeit, die Angel, um die sich unser ganzes heu-
tiges Gesellschaftssystem dreht, ist hier zum ersten Mal wissen-
schaftlich entwickelt." (Siehe Band 16 unserer Ausgabe, S. 235.)
Marx und insbesondere Engels unternahmen große Anstrengungen, um
den ersten Band des "Kapitals" in Europa und Amerika zu propagie-
ren. Dazu findet sich im Briefwechsel ausführliches Material. Sie
verschickten das Buch an Freunde und Kampfgefährten und baten
sie, ihre Meinung darüber öffentlich darzulegen; sie veranlaßten
den Verleger Otto Meißner, das Erscheinen des Werkes zu annoncie-
ren, und bereiteten Rezensionen für verschiedene Blätter vor. Es
war vorauszusehen, daß die mehr oder minder gelehrten Wortführer
der deutschen Bourgeoisie ebenso versuchen würden, das Werk tot-
zuschweigen, wie sie es früher mit anderen Schriften von Marx und
Engels versucht hatten. Daher kamen Marx und Engels überein, das
"Kapital" in der bürgerlichen Presse scheinbar vom Bourgeois-
standpunkt aus zu besprechen, um die Aufmerksamkeit auf das Buch
zu lenken. Engels schrieb etliche derartige Rezensionen und
brachte sie mit Hilfe von Ludwig Kugelmann, Carl Siebel und ande-
ren Kampfgefährten in mehrere Zeitungen. Die zu erwartende
"Verschwörung des Schweigens" der offiziellen ökonomischen Wis-
senschaft kam nicht zustande.
Vor allem waren Marx und Engels bestrebt, das "Kapital" unter den
Arbeitern zu verbreiten, um den in ihren Reihen noch vorhandenen
Einfluß der bürgerlichen Ideologie zurückzudrängen und ihnen eine
wissenschaftliche und revolutionäre Theorie zu vermitteln. Der
erste Band des "Kapitals" gehörte zu den wichtigsten theoreti-
schen Grundlagen im Kampf gegen den kleinbürgerlichen Proudhonis-
mus und Lassalleanismus, gegen Reformismus und Anarchismus. Marx
und Engels wandten sich mehrfach an die deutschen Arbeiterführer
und forderten sie auf, das "Kapital" als Waffe in diesem Kampf zu
benutzen. Am 30. November 1867 schrieb Marx an Ludwig Kugelmann:
"Über einen Punkt können Sie dem Liebknecht besser schreiben als
Engels oder ich. Und dies ist, daß es in der Tat seine Schuldig-
keit, in A r b e i t e r v e r s a m m l u n g e n die Aufmerk-
samkeit auf mein Buch zu lenken. Tut er's nicht, so bemächtigen
sich die Lassalleaner der Sache
#XI# Vorwort
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und in unrichtiger Weise." (Siehe vorl. Band, S. 575.) Nach fünf
Jahren waren die 1000 Exemplare der ersten Auflage vollständig
vergriffen, und Marx mußte in Eile die zweite Auflage vorberei-
ten, die auf 3000 Exemplare berechnet war. Im Frühjahr 1872 er-
schien die russische Übersetzung des Werkes, und die 3000 Exem-
plare derselben waren bis zum Jahresende fast verkauft. Etwa zur
gleichen Zeit kam die erste Lieferung der französischen Ausgabe
in einer Auflage von 10 000 Stück heraus.
Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes des "Kapitals" wandte
sich Marx sogleich dem zweiten Band zu, der den Zirkulationspro-
zeß des Kapitals behandelt. (Siehe vorl. Band, S. 327-330.) In
einigen Briefen vom August 1867 wird die Rolle des fixen Kapitals
im Reproduktionsprozeß erläutert. Sie helfen dem Leser, diesen
Band des "Kapitals" besser zu verstehen. Marx beabsichtigte, den
zweiten Band rasch fertigzustellen und zu veröffentlichen. Das
war ihm jedoch nicht mehr vergönnt.
Ein großer Teil der vorliegenden Briefe sind Quellen zur Ge-
schichte der Internationalen Arbeiterassoziation - der ersten in-
ternationalen Massenorganisation des Proletariats. Sie spiegeln
die Tätigkeit von Marx und Engels als Führer der I. Internatio-
nale, ihren Kampf für die Schaffung selbständiger proletarischer
Parteien in den entwickelten kapitalistischen Ländern wider.
Marx' theoretische Erkenntnisse und seine Erfahrungen als Begrün-
der und Führer der ersten revolutionären Partei, des Bundes der
Kommunisten, befähigten ihn, der neu geschaffenen Organisation,
der Internationalen Arbeiterassoziation, von vornherein die rich-
tige Orientierung zu geben und die Bewegung des internationalen
Proletariats zu leiten. Mit voller Berechtigung schrieb Engels
später: "Viele ... haben sich den Ruhm angemaßt, als Gründer die-
ser Assoziation zu gelten. Es ist selbstredend, daß so etwas
nicht von einem allein gegründet werden kann. Aber soviel ist si-
cher: Unter allen Beteiligten gab es nur einen, der sich klar war
über das, was zu geschehen hatte und was zu gründen war, das war
der Mann, der schon 1848 den Ruf in die Welt geschleudert: Prole-
tarier aller Länder, vereinigt euch!" (Siehe Band 22 unserer Aus-
gabe, S. 340/341.)
Marx verfaßte die Inauguraladresse und die Provisorischen Statu-
ten der Internationalen Arbeiterassoziation, die vom Provisori-
schen Komitee angenommen wurden. Beide Dokumente schufen die Vor-
aussetzung für den künftigen Sieg des Programms und der Organisa-
tionsprinzipien des Marxismus in der internationalen Arbeiterbe-
wegung. Bei der Abfassung dieser wichtigen programmatischen Doku-
mente berücksichtigte Marx, daß sich die verschiedenen Abteilun-
gen der internationalen Arbeiterklasse nur auf einer Grundlage
vereinigen konnten, die sowohl den englischen Trade-
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Unionisten, den französischen, belgischen und anderen Proudhoni-
sten sowie den deutschen Lassalleanern den Beitritt ermöglichte.
"Hätten wir von 1864 bis 1873 darauf bestanden, nur mit denen zu-
sammenzuarbeiten, die offen unsere Plattform anerkannten - wo wä-
ren wir heute?" schrieb Engels rückblickend am 27. Januar 1887 an
F. Kelley-Wischnewetzky. (Siehe Band 36 unserer Ausgabe.)
Gestützt auf die praktischen Erfahrungen der Massen arbeiteten
Marx und Engels das Programm und die Taktik für die internatio-
nale Arbeiterbewegung aus. "Es war sehr schwierig", schrieb Marx
an Engels, "die Sache so zu halten, daß unsre Ansicht in einer
Form erschien, die sie dem jetzigen Standpunkt der Arbeiterbewe-
gung acceptable machte... Es bedarf Zeit, bis die wiedererwachte
Bewegung die alte Kühnheit der Sprache erlaubt." (Siehe vorl.
Band, S. 16.) Marx war der Ansicht, daß gemeinsame Aktionen der
Mitglieder der Internationale, schöpferische Diskussion in der
Presse und auf den Kongressen zur Ausarbeitung eines Programms
führen müßten, das offen auf den Prinzipien des wissenschaftli-
chen Kommunismus basiert. Marx, der nach Lenins Worten "eine ein-
heitliche Taktik des proletarischen Kampfes der Arbeiterklasse in
den verschiedenen Ländern" schmiedete, knüpfte an den Kampf der
Arbeiter für ihre unmittelbaren und lokalen Forderungen an und
führte sie vom Kampf um ihre Tagesinteressen zum Verständnis der
allgemeinen Aufgaben des Klassenkampfes des Proletariats. Über
die von ihm vorbereitete Tagesordnung für den Genfer Kongreß
schrieb Marx an Ludwig Kugelmann, daß er sie absichtlich auf sol-
che Punkte beschränkt habe, "die unmittelbare Verständigung und
Zusammenwirken der Arbeiter erlauben und den Bedürfnissen des
Klassenkampfes und der Organisation der Arbeiter zur Klasse un-
mittelbar Nahrung und Anstoß geben" (siehe vorl. Band, S. 529).
Marx war der eigentliche Organisator, der Führer und die Seele
der Internationale. Er verfaßte alle wichtigen Dokumente des Ge-
neralrats, die die Strategie und Taktik des internationalen Pro-
letariats bestimmten. Eine gewaltige und mühevolle Organisations-
und Erziehungsarbeit lastete auf seinen Schultern. Die Leitung
der Internationale nahm viel Zeit und Kraft in Anspruch. Regelmä-
ßig nahm Marx an den Sitzungen des Generalrats und des Ständigen
Komitees teil, besuchte mit anderen Mitgliedern des Generalrats
Versammlungen der Trade-Unions, bereitete Reden zu verschiedenen
Fragen vor, nahm an Massenmeetings teil, korrespondierte mit Ver-
tretern der Arbeiterbewegung in den verschiedenen Ländern; er
leitete die Londoner Konferenz von 1865 und die Vorbereitung der
Kongresse in Genf (1866) und Lausanne (1867). Obwohl Marx ohne
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Zweifel die führende Rolle in der Internationale spielte, trat er
gegen jede Verherrlichung seiner Person und Tätigkeit auf und
verurteilte den der proletarischen Bewegung fremden Personenkult,
wie er vor allem von den Lassalleanern betrieben wurde.
Aus Engels' Briefen an Marx ist ersichtlich, daß er seinen Freund
bei der Leitung der Internationalen Arbeiterassoziation ständig
und wirksam unterstützte. Engels beteiligte sich von Anfang an an
der Tätigkeit der Organisation und erörterte in seinen Briefen
und bei persönlichen Begegnungen mit Marx alle wichtigen Fragen.
Er verteidigte die Prinzipien der Internationalen Arbeiterasso-
ziation in der Presse. Der Briefwechsel der beiden Freunde läßt
klar erkennen, daß Engels zu Recht als einer der Führer der In-
ternationale seit den ersten Jahren ihres Bestehens anzusehen
ist.
Für die Internationale Arbeiterassoziation war es von entschei-
dender Bedeutung, daß sich um Marx und Engels ein fester Kern
proletarischer Revolutionäre zusammenschloß. Seit Gründung der
Assoziation war Marx um die proletarische Zusammensetzung des Ge-
neralrats bemüht. Er erreichte, daß im Führungsorgan der Interna-
tionale der revolutionär-proletarische Kern überwog. Die deut-
schen Mitglieder des Generalrats, Johann Georg Eccarius, Fried-
rich Leßner, Georg Lochner, Carl Pfänder u.a. - Kampfgefährten
von Marx und Engels noch vom Bund der Kommunisten her -, der Kor-
respondierende Sekretär für Frankreich Eugene Dupont, der Englän-
der Robert Shaw und der Korrespondierende Sekretär für die
Schweiz Hermann Jung unterstützten Marx auf jegliche Weise. Nicht
selten traten sie in seiner Abwesenheit in seinem Auftrag auf und
verfochten den Marxschen Standpunkt. Viele Briefe gerade dieser
Jahre sind an bekannte Vertreter der internationalen Arbeiterbe-
wegung gerichtet, die Marx bei der Leitung der Internationalen
Arbeiterassoziation zur Seite standen: an Johann Philipp Becker,
César De Paepe, Ludwig Kugelmann, Paul Lafargue, Wilhelm Lieb-
knecht, Sigfrid Meyer, Joseph Weydemeyer und andere. Marx und En-
gels gaben ihnen Hinweise, begrüßten ihre Erfolge, ermunterten
sie bei Rückschlägen, kritisierten aber auch ihre Fehler und Män-
gel (vgl. zum Beispiel Marx' Briefe an Engels vom 18.November
1864, an Sigfrid Meyer vom 30. April 1867, Engels' Briefe an Marx
vom 13. und 22. Oktober 1867 u.a.).
Die unmittelbare Verbindung mit den proletarischen Massen war für
Marx und Engels unentbehrlich. Immer wieder hoben sie hervor, wie
wertvoll es sei, enge Kontakte zu den Arbeitern in Deutschland,
England, Frankreich, Italien, in der Schweiz, in Spanien und an-
deren Ländern herzustellen. Oft wandten sich die Arbeiter selbst
an Marx und baten um Rat und Unterstützung.
#XIV# Vorwort
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Am 13. November 1865 ersuchten drei aktive Mitglieder der Berli-
ner Gemeinde des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins - Theodor
Metzner, Sigfrid Meyer und August Vogt - Marx, nach Berlin zu
kommen und die Leitung der dortigen Arbeiterbewegung zu überneh-
men. In demselben Brief beurteilten sie - wie Marx schrieb - "mit
Einsicht und Kritik den jetzigen Stand der deutschen Arbeiterbe-
wegung" (siehe vorl. Band, S. 493). Im Kampf mit falschen, dem
Proletariat schädlichen Auffassungen stützten sich Marx und En-
gels stets auf die fortgeschrittenen Arbeiter. Das taten sie, als
sie sich mit den sektiererischen Auffassungen der Proudhonisten
auseinandersetzten, und nicht minder, als sie die reformistische
Politik der Führer der englischen Trade-Unions scharf kritisier-
ten.
Die unversöhnliche Haltung von Marx und Engels gegenüber Elemen-
ten, die die Interessen der demokratischen und Arbeiterbewegung
verrieten, kommt in vielen Briefen zum Ausdruck. Entschieden
wandten sie sich auch gegen solche "Realpolitiker" wie Johannes
von Miquel, Heinrich Bürgers und andere. (Siehe Marx' Brief an
Ludwig Kugelmann vom 23. Februar 1865.)
Marx und Engels richteten in jener Zeit ihre Aufmerksamkeit vor
allem auch auf die Herausgabe einer unabhängigen proletarischen
Presse. Seit der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation
waren sie bestrebt, Presseorgane der Assoziation in Deutschland,
England, in der Schweiz und anderen Ländern zu schaffen. Soweit
es ihre Zeit erlaubte, arbeiteten sie an ihnen mit und halfen ih-
nen, einen revolutionären Standpunkt zu vertreten. Sie kümmerten
sich um die Zusammensetzung der Redaktionen und zogen ihre Gesin-
nungsgenossen zur Mitarbeit heran (vgl. Marx' Briefe an Engels
vom 2.Dezember 1864, 9.Mai und 26.Dezember 1865 u.a.). Marx war
stark daran interessiert, daß die Dokumente der Internationale in
den verschiedenen Presseorganen veröffentlicht wurden. Nicht sel-
ten übersetzte er sie selbst in fremde Sprachen. Durch seine
ständige Hilfe und seine Ratschläge trug Marx zur Herausbildung
einer ganzen Gruppe von Arbeiterpublizisten, Propagandisten der
Ideen der Internationale, bei.
Im Ringen um die Arbeitermassen nahmen die von der Internationa-
len Arbeiterassoziation organisierten Solidaritätsaktionen für
die Streikbewegung, die sich in den Jahren 1865-1867 in vielen
Ländern ausbreitete, einen hervorragenden Platz ein. Der General-
rat sorgte auf Marx' Veranlassung dafür, daß die Streikenden
durch das internationale Proletariat materiell und moralisch un-
terstützt wurden. Das geschah beispielsweise Anfang 1866, als die
Londoner Schneider fast sieben Monate für höhere Löhne und gegen
die rücksichtslose Behandlung durch die Unternehmer
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streikten. Der Generalrat setzte seine ganze Kraft ein, um den
Zuzug von Streikbrechern aus dem Ausland zu unterbinden. Seinen
Bemühungen war es zu verdanken, daß die Arbeiter aus den größeren
Ländern Europas und aus den USA den Londoner Schneidern in ihrem
zweiten Streik (April 1867) materielle Hilfe erwiesen. Als 1866
die Pariser Bronzearbeiter in den Streik traten und den General-
rat um Hilfe baten, erreichte dieser, daß die Trade-Unions eine
größere Geldsumme für die Streikenden zur Verfügung stellten und
auch Sektionen der Internationalen Arbeiterassoziation den Pari-
ser Arbeitern solidarisch zur Seite standen. Der Generalrat un-
terstützte die englischen Arbeiter in ihrem Kampf für die gesetz-
liche Beschränkung der Arbeitszeit, für die Festsetzung von Tari-
fen, gegen die Ausbeutung der Frauen- und Kinderarbeit mit Rat
und Tat. Dadurch wuchsen das Ansehen der Internationale unter den
Arbeitern und die Erkenntnis von der Notwendigkeit des gewerk-
schaftlichen Kampfes. Die proudhonistischen und lassalleanischen
Auffassungen, die sich gegen den ökonomischen Kampf der Arbeiter
richteten, wurden mehr, und mehr zurückgedrängt. Die Teilnahme an
gemeinsamen Aktionen zur Unterstützung der Streikbewegung war für
die europäischen Arbeiter eine große Schule der internationalen
Klassensolidarität und des proletarischen Internationalismus.
Der vorliegende Briefwechsel enthält reiches Material über die
verschiedenen Strömungen, mit denen sich Marx und Engels in der
Internationalen Arbeiterassoziation auseinanderzusetzen hatten.
Marx und Engels analysierten die charakteristischen Merkmale des
Sektierertums, seine Ursachen, seine verschiedenen Erscheinungs-
formen. Die Geschichte der Entstehung und Entwicklung der Sektio-
nen der Assoziation ist zugleich die Geschichte des Kampfes der
Begründer des Marxismus gegen die für das jeweilige Land spezifi-
sche Form des Reformismus und des Sektierertums in der Arbeiter-
bewegung.
Der ideologische Kampf auf den Kongressen der Internationale, in
den Spalten der Arbeiterpresse und innerhalb des Generalrats
spiegelte wider, wie das europäische Proletariat überlebte Vor-
stellungen und Sektierertum überwand, die dem frühen Stadium der
Arbeiterbewegung eigen waren.
Für das Schicksal der ersten internationalen Massenorganisation
des Proletariats war es besonders wichtig, ihre Positionen in
England, dem in jener Zeit entwickeltsten Industriestaat, zu
festigen. Marx schenkte deshalb der Entwicklung in England große
Aufmerksamkeit. Die englischen Gewerkschaftsführer, die
Zehntausende in den Trade-Unions organisierte Arbeiter vertraten,
waren im Generalrat eine beachtliche Kraft. In Marx' Briefen
finden wir Einschälzungen George Odgers, William R. Cremers und
anderer
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Persönlichkeiten der englischen Arbeiterklasse. Marx setzte sich
mit den bürgerlich-liberalen Auffassungen in den Trade-Unions
auseinander und war bemüht, die englische Arbeiterklasse zu revo-
lutionieren. Auf sein Drängen hin stellten sich die englischen
Mitglieder des Generalrats an die Spitze der Bewegung für eine
neue Wahlrechtsreform und übernahmen im Frühjahr 1865 gemeinsam
mit Vertretern der radikalen Bourgeoisie die Führung der Reform-
liga. Sie griffen die chartistische Losung vom allgemeinen Wahl-
recht auf. "Gelingt diese Reelektrisierung des political movement
der English working dass", schrieb Marx am 1. Mai 1865 an Engels,
"so hat unsre Association, without making any fuss, schon mehr
für die europäische Arbeiterklasse geleistet, als in any other
way möglich war. Und es ist alle Aussicht auf Erfolg vorhanden."
Da jedoch maßgebliche Führer der Trade-Unions eine versöhnleri-
sche Haltung einnahmen, zersplitterte die machtvolle Bewegung,
und das Ganze endete mit der Annahme der unzulänglichen Wahlre-
form von 1867, bei der die Mehrheit der werktätigen Bevölkerung
Englands ohne politische Rechte blieb. "Cremer und Odger haben
beide uns verraten in der Reform Ligue, wo sie gegen unsren Wil-
len Kompromisse mit den Bourgeois machten", schrieb Marx an Jo-
hann Philipp Becker (siehe vorl. Band, S. 524).
Mit der gleichen Konsequenz bekämpfte Marx die nationalistische
Haltung der Führer der Trade-Unions, die diese zur irischen Frage
einnahmen. Die umfassende Untersuchung der irischen Frage vom hi-
storischen und ökonomischen Standpunkt sowie vom Standpunkt ihrer
Bedeutung für die Entwicklung der internationalen Arbeiterbewe-
gung nahm in dieser Zeit im Briefwechsel von Marx und Engels
breiten Raum ein. Früher war Marx der Ansicht gewesen, die Be-
freiung Irlands vom englischen Joch werde das Ergebnis des revo-
lutionären Kampfes des englischen Proletariats sein. Etwa im
Herbst 1867 kam er jedoch zu einer anderen Schlußfolgerung. Am 2.
November 1867 schrieb er an Engels: "Ich habe früher Trennung Ir-
lands von England für unmöglich gehalten. Ich halte sie jetzt für
unvermeidlich, obgleich nach der Trennung F e d e r a t i o n
kommen mag." (Siehe vorl. Band, S. 376.) Die nationale Befreiung
Irlands und die revolutionär-demokratische Umwälzung des Agrarsy-
stems waren, davon war Marx überzeugt, für das englische Proleta-
riat selbst notwendige Voraussetzungen für einen erfolgreichen
Kampf. Marx entlarvte in seinen Briefen aus dieser Zeit die Maß-
nahmen der englischen Kolonisatoren in Irland: die sogenannte
"Lichtung der Güter", d.h. die Verdrängung kleiner Ackerwirt-
schaften durch große Weidewirtschaften, die gewaltsame Vertrei-
bung der irischen Bauern von Grund und Boden. "In keinem andren
europäischen Land hat die
#XVII# Vorwort
-----
Fremdherrschaft diese direkte Form der Expropriation der Einge-
bornen", schrieb Marx an Engels (siehe vorl. Band, S. 376).
Wie aktuell viele der im Briefwechsel behandelten Probleme sind,
macht der Brief von Marx an Engels vom 30. November 1867 deut-
lich. Hier entwickelte Marx die Grundsätze der Politik des Prole-
tariats bei der Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegungen
der unterdrückten Völker. Er legte die Prinzipien dar, von denen
sich die englischen Arbeiter in ihrer Haltung zur irischen Frage
leiten lassen müßten. (Siehe vorl. Band, S. 399/400.) Marx wirkte
im Generalrat für die Organisierung einer Solidaritätsbewegung
zur Verteidigung der Interessen des irischen Volkes. Er hielt Re-
den und Vorträge zur irischen Frage, inspirierte und verfaßte die
Resolutionen zur irischen Frage im Generalrat und setzte sich
leidenschaftlich für die kleinbürgerlich-revolutionäre Bewegung
der irischen Fenier ein. Gemeinsam mit Engels brandmarkte er das
brutale Vorgehen der englischen Regierung gegen die irischen Re-
volutionäre. Marx und Engels enthüllten die Machenschaften der
englischen Behörden, die im Prozeß gegen die Fenier mittels
falscher Zeugenaussagen, gefälschter Angaben u.ä. den politischen
Kampf der Fenier als kriminelles Verbrechen zu diskriminieren
versuchten. Gleichzeitig kritisierten Marx und Engels die klein-
bürgerlichen Illusionen und die Verschwörertaktik der Fenier, die
von der naiven Annahme ausgingen, Irland könne durch Terrorakte
befreit werden. (Siehe vorl. Band, S. 396, 409 und 413/414.) Das
konsequente Auftreten von Marx und Engels in der irischen Frage
führte zu einer engeren Verbindung der irischen Freiheitskämpfer
mit der englischen Arbeiterklasse. Am 8. November 1867 stellte
Engels mit Genugtuung fest, "die Londoner Proletarier erklären
sich mit jedem Tag offener für die Fenier, also, was hier uner-
hört und wirklich großartig ist, für eine erstens gewaltsame und
zweitens antienglische Bewegung". (Siehe vorl. Band, S. 568.)
Großen Anteil nahmen Marx und Engels an der Entwicklung der Ar-
beiterbewegung in Deutschland. Sie setzten hohes Vertrauen in die
deutsche Arbeiterklasse, in ihren theoretischen Sinn, ihre orga-
nisatorischen Fähigkeiten und ihre Aufgeschlossenheit für die
Ideen des proletarischen Internationalismus. Marx war im General-
rat der Internationalen Arbeiterassoziation Korrespondierender
Sekretär für Deutschland. Durch die Tätigkeit des Bundes der Kom-
munisten und den Einfluß der "Neuen Rheinischen Zeitung" war in
Deutschland der Boden für die Propagierung der Ideen des wissen-
schaftlichen Kommunismus vorbereitet. Dennoch stieß die Verbrei-
tung der Beschlüsse der Internationalen Arbeiterassoziation und
die Bildung von Sektionen der Internationale in Deutschland auf
#XVIII# Vorwort
-----
große Schwierigkeiten. Einerseits erschwerte die reaktionäre Ver-
einsgesetzgebung die Bildung von Sektionen, andererseits hemmte
der Lassalleanismus die Durchsetzung der Ideen der internatio-
nalen Klassensolidarität und des proletarischen Internationalis-
mus. Marx schrieb dazu an Engels, solange der Lassalleanismus
"obenauf in Deutschland, wird die 'International Association'
grade dort kein Feld haben" (siehe vorl. Band, S. 71). Um das
Klassenbewußtsein des deutschen Proletariats zu festigen und eine
revolutionäre Partei vorzubereiten, mußte der Lassalleanismus
überwunden werden.
Als die Internationale gegründet wurde, war Lassalle nicht mehr
am Leben. Nach seinem Tode kam der Allgemeine Deutsche Arbeiter-
verein in die Hände von Leuten, die die opportunistische Politik
Lassalles fortsetzten. Die Briefe im vorliegenden Band berichten
von dem unversöhnlichen Kampf der Begründer des Marxismus und von
ihrem Bemühen, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in eine
revolutionäre Partei umzuwandeln. Marx und Engels schätzten in
ihren Briefen die politische Tätigkeit Lassalles ein. Sie kriti-
sierten sein Programm und seine Taktik, sie verurteilten Lassal-
les Eitelkeit und Renommisterei, seinen "Respekt vor dem momenta-
nen Erfolg" (siehe vorl. Band, S. 423 und 451). Sie deckten auf,
daß Lassalle nicht begriffen hatte, welche ökonomischen Bedingun-
gen zur Befreiung der Arbeiterklasse notwendig sind. Lassalle
hatte zwar einige Gedanken und Formulierungen von Marx übernom-
men, da er jedoch von einer idealistischen Geschichts- und
Staatsauffassung ausging, begriff er nicht die von Marx und En-
gels begründete historische Mission der Arbeiterklasse, die poli-
tische Macht zu erringen und die sozialistische Gesellschaftsord-
nung aufzubauen. Lassalle verkündete das allgemeine Wahlrecht als
"Prinzip des Arbeiterstandes", als eigentliche proletarische Re-
volution. Angesichts der bonapartistischen politischen Praxis in
Frankreich sahen Marx und Engels voraus, daß die preußische Reak-
tion das allgemeine Wahlrecht in demagogischer Weise ausnutzen
würde. Das allgemeine Wahlrecht, so erläuterten Marx und Engels
dem deutschen Proletariat, konnte unter den derzeitigen Bedingun-
gen nur dann zu einer mächtigen Waffe im Kampf um Demokratie wer-
den, wenn das Landproletariat in die Bewegung der Industriearbei-
ter einbezogen würde. In seinem Brief an Engels vom 4. November
1864 verurteilte Marx mit aller Entschiedenheit Lassalles oppor-
tunistische Haltung gegenüber dem Bismarckregime und sein prinzi-
pienloses Bündnis mit dem Junkertum gegen die Bourgeoisie. Die
Vermutung von Marx und Engels, daß Lassalle direkte Abmachungen
mit Bismarck getroffen hatte, wurde 1928 nach der Veröffentli-
chung des Briefwechsels
#XIX# Vorwort
-----
zwischen Lassalle und Bismarck vollauf bestätigt. Marx enthüllte,
wie gefährlich die Illusionen waren, die Lassalle durch seine
Agitation verbreitet hatte: mit Hilfe Bismarcks und der preußi-
schen Regierung über das allgemeine Wahlrecht und durch die Bil-
dung von Produktivgenossenschaften die soziale Lage der Arbeiter
grundlegend verändern zu können. Am 13. Februar 1865 schrieb Marx
an J.B. von Schweitzer: "Daß die Enttäuschung über Lassalles un-
selige Illusion eines sozialistischen Eingreifens einer preußi-
schen Regierung kommen wird, ist über allen Zweifel erhaben. Die
Logik der Dinge wird sprechen. Aber die E h r e der Arbeiter-
partei erheischt, daß sie solche Trugbilder zurückweist, selbst
bevor deren Hohlheit an der Erfahrung geplatzt ist. Die Arbeiter-
klasse ist revolutionär oder sie ist nichts."
Marx und Engels bemühten sich, im Allgemeinen Deutschen Arbeiter-
verein eine revolutionäre Politik gegenüber dem preußischen Mili-
tärstaat durchzusetzen. Als im Dezember 1864 J.B. von Schweitzer,
einer der einstigen Vertrauten Lassalles, in Berlin den "Social-
Demokrat" gründete und Liebknecht in die Redaktion aufnahm, sag-
ten Marx und Engels ihre Mitarbeit zu. Sie sahen darin eine Mög-
lichkeit, die ideologischen, politischen und organisatorischen
Prinzipien einer revolutionären proletarischen Partei in Deutsch-
land zu popularisieren und den Allgemeinen Deutschen Arbeiterver-
ein zum Anschluß an die Internationale Arbeiterassoziation zu be-
wegen. Sie forderten Schweitzer wiederholt zu einer konsequenten
Politik gegenüber Bismarck auf. Als sich Schweitzer jedoch immer
mehr als ein Parteigänger Bismarcks erwies, brachen Marx und En-
gels in aller Öffentlichkeit mit dem "Social-Demokrat". (Siehe
vorl. Band, S. 52-54, 59 und 444-446.)
Doch auch jetzt gab Marx seine Hoffnung nicht auf, im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein eine Politik durchzusetzen, die sich ge-
gen den Hauptfeind der deutschen Arbeiterklasse - den preußischen
Militärstaat - richtete. Als Engels seine Broschüre "Die preußi-
sche Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei" schrieb, in
der er die Taktik erläuterte, die das deutsche Proletariat ein-
schlagen mußte, um Deutschland auf revolutionär-demokratischem
Wege zu einigen, unterstützte ihn Marx dabei. Anfang Februar 1865
war Engels' Arbeit beendet. In der Broschüre, deren Plan und In-
halt Marx und Engels bis ins Detail in ihren Briefen erörterten,
untersuchte Engels die preußischen Militärreformpläne. Die preu-
ßischen Junker wollten mit der Reform ihrer Armee die Blut- und
Eisen-Politik zur Einigung Deutschlands unter der Hegemonie Preu-
ßens einleiten. Engels verband mit seiner Untersuchung der Mili-
tärreformpläne eine Analyse der Klassenkräfte in Deutschland und
entwickelte die Konzeption der Arbeiterklasse zur Lösung der na-
tionalen Frage. Das Proletariat brauchte für den
#XX# Vorwort
-----
Kampf um die Errichtung seiner eigenen Macht, aber auch bereits
für die Lösung seiner Aufgaben in der demokratischen Revolution
eine politisch und organisatorisch selbständige Partei. Die Ar-
beiterklasse mußte im Interesse ihrer eigenen Zukunft, die mit
den nationalen Interessen des Volkes übereinstimmte, ein enges
Bündnis mit den Bauern, dem Kleinbürgertum und den demokratischen
Kräften der Bourgeoisie eingehen und selbst dann aktiv für die
bürgerlich-demokratische Revolution kämpfen, wenn die Bourgeoisie
sich mit den Junkern einigte und ihrer Führungsaufgabe in dieser
Revolution untreu würde. Hierbei entwickelte Engels Elemente der
Lehre von der Hegemonie des Proletariats in der bürgerlich-demo-
kratischen Revolution. Nachdrücklich hob er die Notwendigkeit des
Kampfes um demokratische Rechte und Freiheiten hervor. Engels
setzte sich eingehend mit den opportunistischen und sektiereri-
schen Doktrinen des Lassalleanismus auseinander. Engels' Bro-
schüre übte auf die deutsche Arbeiterbewegung, auf die sich for-
mierende Opposition im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sowie
auf die Herausbildung der späteren Eisenacher Partei nachhaltige
Wirkung aus.
Marx und Engels standen in enger Verbindung mit den deutschen Ar-
beitern und unterstützten Wilhelm Liebknecht und August Bebel
ständig in ihrem Kampf für einen konsequent revolutionär-demokra-
tischen Weg zur Einigung Deutschlands und für die Formierung ei-
ner revolutionären proletarischen Massenpartei. Die Opposition im
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, die auf der Grundlage des
Widerspruchs zwischen den Erfordernissen des Klassenkampfes und
den Doktrinen Lassalles entstanden war, entwickelte sich vor al-
lem auch durch den wachsenden Einfluß des Marxismus auf ihre füh-
renden Köpfe.
Liebknecht war Marx' engster Vertrauensmann in Deutschland. Marx
wiederum unterrichtete Liebknecht über die Entwicklung in der In-
ternationalen Arbeiterassoziation und schickte ihm die Veröffent-
lichungen des Generalrats. Da ihre Briefe wiederholt von der Po-
lizei geöffnet oder unterschlagen wurden, schrieb Marx unter dem
Decknamen A. Williams und Liebknecht zeichnete mit J. Miller.
Wilhelm Liebknecht traf kaum eine für die Arbeiterbewegung
wichtige Entscheidung, ohne sich vorher mit Marx darüber beraten
zu haben. Unter den in Deutschland wirkenden Arbeiterführern
leistete Liebknecht in jenen Jahren das meiste für die
Verbreitung des Marxismus, wenngleich er mitunter von Marx und
Engels wegen bestimmter taktischer Fehler kritisiert werden
mußte. Marx und Engels hatten auch zahlreiche andere zuverlässige
Freunde in Deutschland. Sie standen in engem Briefwechsel mit
Carl Klings in Solingen, Carl Siebel in Barmen,
#XXI# Vorwort
-----
Paul Stumpf in Mainz, Ludwig Kugelmann in Hannover und vielen an-
deren Gesinnungsfreunden, die dazu beitrugen, daß in Deutschland
die ersten Sektionen der Internationale entstanden.
Nachdem es sich als unmöglich erwiesen hatte, den Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein als Ganzes an die Internationale heran-
zuführen, konzentrierte sich Marx in Deutschland auf die Gewin-
nung von Einzel- mitgliedern und die Bildung von Sektionen der
Internationale.. Mitglieder der Internationale waren nicht nur in
den Gemeinden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sondern
auch in den unter bürgerlichem Einfluß stehenden Arbeiterbil-
dungsvereinen sowie in den gewerkschaftlichen Organisationen tä-
tig. Sie traten sowohl gegen die Politik der lassalleanischen
Führer als auch gegen die Bevormundung der Arbeiterbildungsver-
eine durch die Liberalen auf. Dadurch wirkten die Sektionen der
Internationale als Ferment im politisch-ideologischen Klärungs-
prozeß unter den deutschen Arbeitern. Sie spielten eine wichtige
Rolle bei der Verbreitung der Ideen des wissenschaftlichen Kommu-
nismus in der deutschen Arbeiterbewegung und bei der Vorbereitung
einer revolutionären proletarischen Partei, wie sie 1869 unter
der Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach
gegründet wurde.
Viel Energie mußte Marx in den Auseinandersetzungen mit den
Proudhonisten aufwenden. Proudhon hatte eine kleinbürgerliche,
den Interessen des Proletariats feindliche Theorie entwickelt. Er
stand der industriellen Revolution ablehnend gegenüber. Für ihn
waren alle ökonomischen Kategorien des Kapitalismus "ewige Ge-
setze... und nicht historische Gesetze, die nur für eine be-
stimmte historische Entwicklung, für eine bestimmte Entwicklung
der Produktivkräfte gelten". (Marx an P. Annenkow vom 28.Dezember
1846, Band 27 unserer Ausgabe, S. 457.) Proudhon erkannte nicht
den historischen und vorübergehenden Charakter der Produktions-
verhältnisse. Er wollte nicht den Kapitalismus und seine Grundla-
gen beseitigen, sondern ihn nur von seinen Auswüchsen säubern. Er
wollte als Ideologe des Kleinbürgertums die Gesellschaft durch
Reformen zur einfachen Warenproduktion zurückführen. Proudhon be-
griff nicht die historische Rolle des Proletariats, war ein Geg-
ner des proletarischen Streikkampfes und lehnte den politischen
Kampf überhaupt als für das Proletariat schädlich ab. Demzufolge
waren Proudhon und die Vertreter seiner Lehre, die Proudhomsten,
der Auffassung, daß die Arbeiterklasse in keiner Weise etwas mit
der nationalen Frage zu tun habe. Die proudhonistischen Anschau-
ungen hatten in der französischen, belgischen und zum Teil auch
in der Schweizer Arbeiterbewegung noch bedeutenden Einfluß.
#XXII# Vorwort
-----
Am 20. Juni 1866 schilderte Marx seinem Freund Engels eine Dis-
kussion im Generalrat über den Krieg, in deren Verlauf mehrere
französische Mitglieder, darunter auch Paul Lafargue, einen
proudhonistischen Standpunkt vertraten und Nationen und alle Na-
tionalität "des préjugés surannés" genannt hatten. Marx erläu-
terte am Schluß seines Briefes, wie er die Verfechter dieser
schädlichen Ansicht zurechtgewiesen hatte.
Als konsequente proletarische Internationalisten maßen Marx und
Engels der nationalen Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker
für die revolutionäre Umgestaltung Europas große Bedeutung bei.
Ihr besonderes Interesse galt dem nationalen Befreiungskampf des
polnischen Volkes. Marx und Engels stellten fest, daß die natio-
nale Befreiungsbewegung in Polen ein Bestandteil des Kampfes für
die demokratische Umgestaltung Europas ist, weil ein unabhängi-
ges, demokratisches Polen ein zuverlässiger Verbündeter der revo-
lutionären Demokratie im Kampf gegen den russischen Zarismus und
die anderen reaktionären Kräfte in Europa sein würde. Die Forde-
rung nach Wiederherstellung eines demokratischen, unabhängigen
Polens gab den Arbeitern in jedem Land die Möglichkeit, die reak-
tionäre Außenpolitik ihrer Regierungen zu entlarven. Die Wieder-
herstellung eines unabhängigen, demokratischen Polens war eine
der Losungen, unter der die Aktionseinheit der verschiedenen Ab-
teilungen des Proletariats in der Internationale hergestellt wer-
den konnte.
Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels läßt erkennen, daß es
ihnen zu verdanken ist, wenn der Zentralrat in der polnischen
Frage eine konsequent internationalistische Haltung einnahm. Der
Generalrat unterstützte von Anfang an den revolutionär-demokrati-
schen Flügel der nationalen Befreiungsbewegung in Polen und ent-
hüllte die verräterische Rolle des "gemäßigten" bürgerlich-ari-
stokratischen Flügels, der die Interessen des polnischen Volkes
verriet.
Marx und Engels untersuchten eingehend die Ursachen für die Nie-
derlage des polnischen Aufstands von 1863/1864. In seinem Brief
an Engels vom 1. Februar 1865 stellte Marx erneut fest, "daß eine
Restauration Polens ohne Bauernerhebung unmöglich sei" (siehe
vorl. Band, S. 50). Und am 24. November 1864 schrieb Engels an
Joseph Weydemeyer, eine weitere Ursache für die Niederlage des
polnischen Aufstands seien die Handlangerdienste der herrschenden
Klassen Preußens und Frankreichs, die diese dem reaktionären Za-
rismus bei der blutigen Niederwerfung des polnischen Volkes
geleistet hatten.
Auf öffentlichen Meetings bekundete der Generalrat der polnischen
nationalen-Befreiungsbewegung seine Sympathie und Unterstützung.
Marx
#XXIII# Vorwort
-----
wirkte bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Veranstaltun-
gen aktiv mit (vgl. z.B. Marx" Brief an Engels vom 4. März und an
Hermann Jung vom 13.April 1865 u.a.). Er informierte Engels auch
über andere Maßnahmen des Generalrats zur Verteidigung des pol-
nischen Unabhängigkeitskampfes. Auf Marx' Bitte schrieb Engels
die Artikelreihe "Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?",
die den proletarischen Standpunkt zur nationalen Frage begrün-
dete. (Siehe Band 16 unserer Ausgabe, S. 153-163.) Marx zollte
dieser Arbeit hohe Anerkennung und teilte Engels mit, daß sie
Aufsehen erregt habe und die Polen auf die Fortsetzung warten.
(Vgl. Marx' Brief an Engels vom 17. Mai 1866.)
Marx richtete in diesen Jahren sein Augenmerk unablässig auf die
Entwicklung der Arbeiterbewegung in den verschiedenen europäi-
schen Ländern, darunter auch in der Schweiz, in Belgien und Spa-
nien. Im vorliegenden Band gibt es eine Reihe von Briefen, die
zeigen, wie sehr Marx um die Gründung von Sektionen der Interna-
tionalen Arbeiterassoziation in diesen Ländern bemüht war. (Vgl.
z.B. Marx' Briefe an Leon Fontaine vom 15. April und 25. Juli
1865.) Aber auch die Lage in den USA beobachteten Marx und Engels
aufmerksam und begrüßten mit Genugtuung jeden neuen Erfolg der
amerikanischen Arbeiter. Marx nutzte z.B. seine Verbindungen zu
den nach Amerika emigrierten Kampfgefährten Joseph Weydemeyer,
Sigfrid Meyer u.a., um diese bei der Bildung von Sektionen tat-
kräftig zu unterstützen. So äußerte sich Marx im Oktober 1866 in
einem Brief an Ludwig Kugelmann sehr anerkennend über den Arbei-
terkongreß in Baltimore: "Organisation zum Kampf gegen das Kapi-
tal war hier das Losungswort, und merkwürdigerweise wurden die
meisten von mir für Genf aufgestellten Forderungen dort ebenfalls
von dem richtigen Instinkt der Arbeiter aufgestellt." (Siehe
vorl. Band, S. 530.)
Zu dieser Zeit war der Amerikanische Bürgerkrieg in seine letzte
Etappe getreten. Ebenso wie in den vorhergehenden Jahren schenk-
ten Marx und Engels diesem Ereignis große Aufmerksamkeit. Engels
verfolgte gespannt die Kriegshandlungen und kam zu dem Schluß,
daß die wirtschaftliche und moralisch-politische Überlegenheit
des Nordens unvermeidlich zur Niederlage und Kapitulation des
sklavenhaltenden Südens führen werde. (Vgl. Engels an Marx am 7.
Februar, 3. März, 16. April und 3. Mai 1865.) Beide Freunde er-
kannten, daß der Amerikanische Bürgerkrieg auf die internationa-
len Beziehungen und die Entwicklung der demokratischen und Arbei-
terbewegung revolutionierenden Einfluß ausübte. Sie sahen aber
auch die Grenzen der bürgerlichen Demokratie in den Nordstaaten
sowie die antidemokratischen, konterrevolutionären Tendenzen, die
während und
#XXIV# Vorwort
-----
nach dem Kriege bei den herrschenden Kreisen des Nordens zutage
traten. Marx und Engels tauschten regelmäßig ihre Gedanken aus
über die Aspekte der Entwicklung in den USA nach dem Bürgerkrieg.
Treffend charakterisierte Marx in seinem Brief an Engels vom 24.
Juni 1865 die Politik des Präsidenten Johnson, des Nachfolgers
von Lincoln. Diese Politik widerspiegelte das Streben der Groß-
bourgeoisie des Nordens nach einem Kompromiß mit den Plantagenbe-
sitzern des Südens und bedrohte daher viele während des Krieges
erkämpfte demokratische Errungenschaften des amerikanischen Vol-
kes. Johnson erließ für die aufständischen Südstaatler eine teil-
weise Amnestie und leistete dadurch einem zügellosen Terror und
der Rassendiskriminierung gegenüber den "befreiten" Negern der
Südstaaten Vorschub. Engels teilte Marx ebenfalls seine Bedenken
gegen eine solche Politik mit: "Die Politik des Mr. Johnson ge-
fällt mir auch immer schlechter. Der Niggerhaß tritt immer hefti-
ger hervor, und gegen die alten Lords im Süden gibt er sich alle
Macht aus den Händen." (Siehe vorl. Band, S. 128.)
Schließlich war der amerikanische Kongreß unter dem Druck der
Massen und auf Drängen des linken Flügels der Republikanischen
Partei gezwungen, gegen den Willen Johnsons den Kriegszustand
über die Südstaaten zu verhängen und Maßnahmen gegen die ehemali-
gen Sklavenhalter zu ergreifen ("Rekonstruktion des Südens"). Im
Zusammenhang mit der Wahlniederlage von Johnson im Herbst 1866
stellte Marx in einem Brief an François Lafargue fest: "Die Ar-
beiter des Nordens haben endlich sehr gut begriffen: die Arbeit
in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in
schwarzer Haut gebrandmarkt wird." (Siehe vorl. Band, S. 536.)
Im Briefwechsel nehmen die Probleme der internationalen Politik
einen breiten Raum ein. Schon bei der Gründung der Internationa-
len Arbeiterassoziation hatten Marx und Engels darauf hingewirkt,
daß diese proletarische Klassenorganisation ihre eigene Linie in
der Außenpolitik vertreten, ihre selbständige, gegen die Interes-
sen der herrschenden Ausbeuterklassen gerichtete Außenpolitik
entwickeln und durchsetzen muß. Am 25. Februar 1865 schrieb Marx
an Engels über seine Polemik mit den bürgerlichen Radikalen, "daß
die Working Class its own Foreign Policy habe, die sich durchaus
nicht danach kehre, was die Middle Class für opportune halte".
Marx und Engels lehrten, daß das Proletariat im Interesse der ei-
genen und somit auch der anderen Völker jeden Kampf um nationale
Unabhängigkeit und demokratischen Fortschritt unterstützen muß.
Es müsse deshalb gegen Eroberungskriege ebenso konsequent auftre-
ten, wie es den bewaffneten Kampf zur Abschüttelung oder Abwehr
eines fremden Jochs unterstützen muß. Dabei wiesen sie nach, daß
der Kampf des Proletariats um
#XXV# Vorwort
-----
seine ökonomische und politische Befreiung mit dem Kampf für
Frieden und Demokratie untrennbar verbunden ist.
Bei der Festlegung der Aufgaben des Proletariats gingen Marx und
Engels stets vom realen Verhältnis der Klassenkräfte aus. Als
1866 im Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland der Preußisch-
Österreichische Krieg ausbrach, standen Marx und Engels vor der
Aufgabe, den Standpunkt der Internationalen Arbeiterassoziation
zu diesem Ereignis zu bestimmen. Da es ein Krieg für dynastische,
volksfeindliche Ziele war, kam Marx zu dem Ergebnis, daß die Ar-
beiter sich neutral verhalten, sich untereinander verbinden soll-
ten, um durch ihre Einigung zu einer solchen Kraft zu werden, die
imstande ist, die politische und soziale Befreiung zu erringen.
Marx vertrat den Standpunkt, daß man bei diesem Krieg "jede De-
monstration verhindern muß, die unsre Gesellschaft in einer ein-
seitigen Richtung involvieren würde" (siehe vorl. Band, S. 229).
Damit lenkte Marx die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf die Festi-
gung ihrer Klassenorganisation, um dem Proletariat die Möglich-
keit zu geben, realen Einfluß auf die lebenswichtigen Fragen von
Krieg und Frieden zu nehmen.
Marx und Engels bewiesen durch Wort und Tat - das kommt auch in
vielen ihrer Briefe zum Ausdruck -, daß die Internationale Arbei-
terassoziation der konsequenteste Kämpfer gegen Eroberungskriege
war. Während sie die diplomatischen Machenschaften der herrschen-
den Klassen schonungslos enthüllten, waren sie gleichzeitig be-
reit, mit den fortschrittlichen bürgerlichen Kräften im Kampf für
den Frieden zusammenzuarbeiten, auch wenn deren Bestrebungen auf
kleinbürgerlichen Illusionen beruhten und oft bloß deklamatori-
schen Charakter trugen. Dabei betonten Marx und Engels jedoch
nachdrücklich, daß die politische und organisatorische Selbstän-
digkeit der Arbeiterbewegung stets gewahrt bleiben muß.
Die Korrespondenz der beiden großen Gelehrten gibt ein eindrucks-
volles Bild von der Vielseitigkeit ihrer wissenschaftlichen In-
teressen. Eingehend beschäftigten sie sich mit der Entwicklung
der Naturwissenschaften, der Biologie, Agrochemie, Geologie, der
Medizin, Physik, Astronomie und Mathematik. Sie befaßten sich mit
der Geschichte und Ökonomie der verschiedenen Länder Europas und
Amerikas, mit Ethnologie und Philosophie, tauschten ihre Ansich-
ten zu aktuellen wissenschaftlichen Fragen aus und diskutierten
über neue Hypothesen, Entdeckungen und Neuerscheinungen der ver-
schiedenen Wissenschaftszweige. Die im vorliegenden Band veröf-
fentlichten Briefe widerlegen die immer wieder erhobene Behaup-
tung bürgerlicher Historiker, Marx und Engels hätten in den sech-
ziger Jahren auf die Entwicklung der Arbeiterbewegung und auf die
Klärung von Grundfragen
#XXVI# Vorwort
-----
des proletarischen Klassenkampfes in Deutschland keinerlei oder
zumindest keinen nennenswerten Einfluß ausgeübt. Und schließlich
führen die Briefe von Marx und Engels dem Leser erneut die Ent-
stehungsgeschichte einiger ihrer Werke vor Augen, sie zeigen die
Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus als unbeugsame Revo-
lutionäre, große Denker und als Menschen, denen nichts Menschli-
ches fremd war. Sie zeugen von der festen Freundschaft dieser
beiden Führer des internationalen Proletariats.
*
Unserem Vorwort diente als Grundlage das Vorwort zum Band 31 der
zweiten russischen Ausgabe.
Die Herausgeber waren in der Lage, anhand der Photokopien der
Handschriften die in früheren Ausgaben gedruckten Texte zu über-
prüfen. Diese Arbeit war besonders bei dem Briefwechsel zwischen
Marx und Engels erschwert, in dem eine fremde Hand, wahrschein-
lich die Eduard Bernsteins, viele Wörter, Satzteile, ganze Passa-
gen und Absätze durchgestrichen und in vielen Fällen "korrigiert"
hatte. Ende der zwanziger Jahre haben die mit der Herausgabe des
Marx-Engels-Briefwechsels betrauten Mitarbeiter des Marx-Engels-
Instituts in Moskau bereits die Urfassungen der Briefe wiederher-
gestellt und in den ersten vier Bänden der dritten Abteilung der
Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) ungekürzt veröffentlicht. In den
seither vergangenen Jahrzehnten sind jedoch des öfteren Hinweise
auf dubiose Textstellen erfolgt, die es den heutigen Herausgebern
zur Pflicht machten, auch die bisher veröffentlichten Texte noch
einmal gründlich zu überprüfen. Das Ergebnis dieser Arbeit führte
zur Verifizierung einiger Textstellen. So waren zum Beispiel Wör-
ter zu korrigieren wie: "Armeereorganisation" statt "Armeeorgani-
sation" (S. 45), "Beobachter" statt "Botschafter" (S. 135),
"Schulgeld" statt "Schuldgeld" (S. 216), "Erbfolge" statt
"Erfolge" (S. 209), "Monate" statt "Wochen" (S. 298), "einen
Schaden" statt "keinen Schaden" (S. 15), "neuen" statt "reinen"
(S. 318), "gesehen" statt "gelesen" (S. 113), "bevorstehn" statt
"bestehn" (S. 10) u.a.m. Bisher fehlende, in den Handschriften
jedoch vorhandene Wörter konnten eingefügt bzw. in ihnen nicht
enthaltene Wörter gestrichen werden.
Die von Marx und Engels angeführten Zitate sind - soweit Quellen
zur Verfügung standen - überprüft worden. Fremdsprachige Zitate
und fremdsprachige Sätze, Satzteile oder Wörter sind in Fußnoten
übersetzt.
Rechtschreibung und Zeichensetzung sind - soweit vertretbar - mo-
dernisiert. Der Lautstand und die Silbenzahl der Wörter in den
deutschsprachigen Texten wurden nicht verändert. Allgemein übli-
che Abkürzungen wurden beibehalten. Alle anderen in der Hand-
schrift abgekürzten Wörter sind ausgeschrieben, wobei immer dann,
wenn das abgekürzte Wort nicht völlig eindeutig ist, die vorge-
nommene Ergänzung durch eckige Klammern kenntlich gemacht wird.
Abgekürzte Personennamen und Titel von Zeitungen und Zeitschrif-
ten werden stets in eckigen Klammern gebracht. Alle Wörter und
Wortteile in eckigen Klammern stammen von der Redaktion. Offen-
sichtliche Schreib- und Druckfehler wurden stillschweigend korri-
giert; in Zweifelsfällen wird in Fußnoten die Schreibweise der
Handschrift angeführt.
Die vollständig in fremden Sprachen abgefaßten Briefe wurden ins
Deutsche übersetzt, wobei bereits vorhandene Übersetzungen Be-
rücksichtigung fanden. Alle eingestreuten Wörter anderer Sprachen
blieben jedoch in der Originalfassung. Sie werden in Fußnoten er-
klärt.
Zusätze von dritten Personen zu Briefen von Marx und Engels wer-
den in kleinerem Druck gebracht. Pseudonyme sowie Deck- und
Spitznamen sind entweder durch Fußnoten oder durch Verweise im
Personenverzeichnis erklärt.
Zur Erläuterung ist der Band mit Anmerkungen versehen, auf die im
Text durch hochgestellte Zahlen in eckigen Klammern hingewiesen
wird. In einer Reihe von Anmerkungen wurden - soweit es zum Ver-
ständnis der Briefe erforderlich ist - erstmals auch Auszüge aus
Briefen Dritter an Marx und Engels wiedergegeben. Der Band ent-
hält ferner ein Literatur- und ein Personenverzeichnis, ein Ver-
zeichnis der literarischen und mythologischen Namen sowie eine
Aufstellung der Briefe, deren Datierung gegenüber früheren Ausga-
ben verändert wurde.
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED
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