Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #101# 55 - Engels an Rudolph Meyer - 19. Juli 1893
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       55
       
       Engels an Rudolph Meyer
       in Pruhonice bei Prag [141]
       
       London, 19. Juli 1893
       Lieber Herr Meyer,
       Das ist ja ganz interessant, daß die Herren Konservativen glauben
       (wünschen), Caprivi  möge  die  Sozialdemokratie  vernichten.  Er
       soll's nur  versuchen. [142]  Ein neues  Sozialistengesetz  [143]
       kann nur die Partei in demselben Maße verstärken, wie es Einzele-
       xistenzen vernichtet;  wer mit  Bismarck fertig geworden, braucht
       vor dem  Nachfolger keine  Furcht zu haben. Das allgemeine Stimm-
       recht beseitigen  oder fälschen?  Da kommt das alte Orakel wieder
       auf: "Krösus,  wenn du  den Halys  überschreitest, wirst  du  ein
       großes Reich  zerstören!" Wenn  Caprivi das allgemeine Stimmrecht
       vernichtet, so  wird er  ein großes  Reich zerstören, nämlich das
       der Hohenzollern.
       Also in Bebels "Frau" finden Sie seine Verstöße gegen die Theorie
       und Praxis  der Landwirtschaft.  [144] Nun  ist es  kaum möglich,
       eine Kritik  der verschwenderischen  und überhaupt unhaushälteri-
       schen heutigen  Wirtschaft in  Ackerbau und  Industrie zu  geben,
       nebst Winken,  wie bei  der sich aus den ökonomischen Bedingungen
       von selbst  ergebenden Gesellschaftsordnung das anders und besser
       gemacht und  gleichzeitig bei beschränkter Arbeitszeit jedes ein-
       zelnen doch  bedeutend mehr Produkt geliefert werden könnte - al-
       les das,  sage ich, ist kaum möglich, ohne Leuten, die mit dieser
       oder jener  Branche praktisch  vertraut sind, Blößen darzubieten.
       So hat  Bebel sich  offenbar schlecht ausgedrückt oder aber seine
       Autorität mißverstanden,  wenn er  meint, durch  volle Ausnützung
       des Proteingehalts  im Kleber  könne der  Ertrag eines Kornfeldes
       verdreifacht werden  und mehr. Davon kann keine Rede sein. Solche
       kleine Unrichtigkeiten  könnte ich  Ihnen da noch ein ganzes Dut-
       zend anführen; das ändert aber an der Hauptsache nichts.
       Ebenso mit  dem Fleischtransporte aus überseeischen Gegenden. Bis
       jetzt ist noch genug da, um in dieser oder jener Gestalt nach Eu-
       ropa geführt  zu werden;  aber bei  steigender Nachfrage  und bei
       steigender Verwandlung  - auch dort - von Viehweiden in Ackerland
       m u ß  dies bald sein Maximum
       
       #102# 55 - Engels an Rudolph Meyer - 19. Juli 1893
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       erreichen und  abnehmen. Ob  das ein  paar Jahrzehnte länger oder
       kürzer dauert, ist ziemlich einerlei.
       Der Haupteinwurf  aber, den  Sie erheben, ist der, daß Landarbeit
       nicht von  Industriearbeitern getan werden könne, und daß Verkür-
       zung des  Arbeitstages auf  ein für das ganze Jahr gleichförmiges
       Maß im  Ackerbau nicht möglich ist. Da aber haben Sie den Drechs-
       ler Bebel mißverstanden.
       Was die  Arbeitszeit angeht, so hindert uns nichts, zur Saat- und
       Erntezeit und jedesmal, wo rascher Zuschuß von Arbeitskraft nötig
       ist, soviel  Arbeiter anzusetzen,  wie erforderlich sind. Ist der
       Arbeitstag achtstündig,  so kann  man zwei, selbst drei Schichten
       per Tag  ansetzen; selbst wenn jeder nur zwei Stunden täglich ar-
       beiten sollte  - an  dieser Spezialarbeit  -, so  können 8, 9, 10
       Schichten nacheinander  angesetzt werden,  sobald wir Leute genug
       haben, die für solche Arbeit eingeschult sind. Und das und nichts
       anderes ist  es, was  Bebel sagt.  Auch in der Industrie wird man
       doch nicht so borniert sein, bei zweistündiger Arbeit, die, sage,
       auf Spinnereien  verwandt wird, nun die Zahl der Spindeln so ver-
       mehren zu  lassen, daß  der Bedarf bei zweistündiger Arbeit jeder
       Spindel befriedigt  wird. Sondern  man wird  die  Spindeln  10-12
       Stunden arbeiten  lassen, die  Arbeit aber  nur zwei, und nach je
       zwei Stunden eine neue Schicht ansetzen.
       Was nun Ihren Einwand gegen die armen Städter angeht, die lebens-
       lang für  die Landarbeit verdorben sind, so mag ja das ganz recht
       sein. Ich  will meine  Unfähigkeit zum  Pflügen, Säen,  Mähen und
       selbst Kartoffelausnehmen  gerne zugeben,  aber  glücklicherweise
       haben wir  ja in  Deutschland eine  so kolossale Landbevölkerung,
       daß bei  rationellem Betriebe wir schon ohne weiters die Arbeits-
       zeit eines jeden sehr stark herabsetzen und doch noch Überzählige
       behalten würden.  Verwandeln Sie ganz Deutschland in Betriebe von
       2000-3000 Morgen  - mehr oder weniger, je nach den Naturbedingun-
       gen -, führen Sie Maschinenbetrieb und alle modernen Verbesserun-
       gen ein: haben wir dann nicht gelernte Arbeiter unter der Bauern-
       bevölkerung mehr als genug? Nun aber reicht ja die Ackerbauarbeit
       nicht hin,  diese Bevölkerung  das ganze  Jahr  zu  beschäftigen.
       Lange Zeit würden große Massen auf der Bärenhaut liegen, wenn wir
       sie nicht  in der  Industrie beschäftigten. Und ebenso würden un-
       sere Industriearbeiter  körperlich verkümmern,  wenn ihnen  nicht
       Gelegenheit zur  Arbeit in  freier Luft und besonders im Landbaue
       gegeben würde.  Nun gut,  die jetzige  erwachsene Generation  mag
       dazu nicht  taugen. Aber  die Jugend  kann dazu angelernt werden.
       Gehen die  Jungen und Mädeln einige Jahre hintereinander den Som-
       mer, wo  was zu  tun ist, aufs Land - wieviel Semester müssen sie
       denn büffeln, bis sie im Pflügen, Ernten etc. promovieren können?
       Das
       
       #103# 55 - Engels an Rudolph Meyer - 19. Juli 1893
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       werden Sie  doch nicht  behaupten wollen, daß man sein Leben lang
       nichts anderes  treiben darf,  daß man  sich so dumm arbeiten muß
       wie unsere Bauern, bis man was Brauchbares von der Landwirtschaft
       gelernt hat? Und das und nichts anderes ist es, was ich in Bebels
       Buch lese: "daß die Produktion selbst, ebenso wie die Ausbildung,
       geistige und  körperliche der Menschen, erst dann auf die höchste
       Stufe entwickelt  werden kann,  wenn die  alte Teilung der Arbeit
       von Stadt und Land, Ackerbau und Industrie beseitigt ist".
       Was nun die Frage der Rentabilität von Latifundien gegen Kleinbe-
       trieb angeht,  so löst  sie sich  einfach dahin,  nach meiner An-
       sicht, daß  der Latifundienbetrieb auf die Dauer den Kleinbetrieb
       und dieser wieder ebenso sehr und ebenso notwendig jenen erzeugt.
       Gerade wie die ungefesselte Konkurrenz das Monopol hervorruft und
       dieses wieder  jene. Dieser  Kreislauf ist aber unvermeidlich mit
       Krisen, akuten  wie chronischen Leiden und dem periodisch wieder-
       kehrenden Ruin ganzer Volksschichten verbunden und ebenso mit ei-
       ner kolossalen  Verschwendung von  Produktionsmitteln und Produk-
       ten; und  da wir  jetzt glücklicherweise  soweit sind, die Herren
       Latifundienbesitzer und  nicht minder  die bäuerlichen Eigentümer
       entbehren zu können, und auch die Ackerbauproduktion nicht minder
       als die  Industrie auf einer Entwicklungsstufe angelangt ist, die
       nach unserer Ansicht die Übernahme durch die Gesellschaft en bloc
       nicht nur  zuläßt, sondern fordert, so haben wir den Circulus vi-
       tiosus zu durchhauen. Dazu sind uns Latifundien und große Ritter-
       güter ebensosehr  eine bessere Handhabe als Kleinbauerngüter, wie
       in der  Industrie große  Fabriken sich  dazu leichter  eignen als
       kleine Handwerksbetriebe. Und dies reflektiert sich politisch da-
       hin, daß  die Landproletarier  der großen  Güter Sozialdemokraten
       werden, ganz  wie die städtischen Proletarier, sobald diese letz-
       teren ihnen erst auf den Pelz steigen können, während der verkra-
       chende Bauer  und städtische Handwerker zur Sozialdemokratie erst
       kommt auf dem Umwege des Antisemitismus. [122]
       Daß der aus dem Feudalismus hervorgewachsene Rittergutsbesitzer -
       Lord oder  Squire -  je lernt, als Bourgeois zu wirtschaften, und
       wie dieser  es für  seine erste Pflicht ansehen kann, unter allen
       Umständen jährlich einen Teil des ergatterten Mehrwertes zu kapi-
       talisieren - das widerspricht aller Erfahrung in allen exfeudalen
       Ländern. Daß  die Herren,  durch Not  gezwungen, sich manches ab-
       zwacken müssen,  was zur  standesgemäßen Lebensweise  gehört, das
       glaube ich  Ihnen gern;  aber daß  sie je  lernen to  live within
       their incomes and lay beyond something for a rainy day 1*), das
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       1*) in den  Grenzen ihres  Einkommens  zu  leben  und  etwas  für
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       #104# 55 - Engels an Rudolph Meyer - 19. Juli 1893
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       muß ich erst selbst erleben, das ist noch nie passiert, höchstens
       bei Ausnahmen, sicher nicht bei der Klasse als solcher. Die Leute
       leben ja seit 200 Jahren nur von der Staatshilfe, die sie ja über
       jede Krisis hinübergeschleppt hat ...
       Ihr Friedrich Engels
       
       Nach: "Monatsschrift für Christliche Social-Reform",
       Wien-Leipzig 1897, Heft 3.

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