Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #11# 6 - Engels an Louis Héritier - 20. Januar 1893
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       Engels an Louis Héritier
       in Genf [8]
       (Entwurf)
       
       [London] 20. Januar 93
       Lieber Bürger,
       Mit großer  Genugtuung ersehe  ich aus  Ihrem Schreiben  vom  25.
       Dez., daß  in Ihrem  Artikel der Passus über Becker 1*) durch die
       Übersetzung entstellt worden ist. Tatsächlich war ich, als ich am
       Ende des  Artikels Ihren  Namen las,  erstaunt. Man hatte mir von
       Ihnen mit  geradezu brüderlicher Zärtlichkeit gesprochen, und da-
       mit bildeten  diese abfälligen Worte einen geradezu schmerzlichen
       Kontrast. Leider  lassen Sie  zu, daß  diese Worte in der Öffent-
       lichkeit noch  immer als  die Ihren  gelten, wie der ganze übrige
       Artikel.
       Was Sie  in der  "V[olks-]T[ribüne]" auf  meine Bemerkungen erwi-
       dern, ändert  an meiner Ansicht nichts. Sie wissen sehr wohl, daß
       die Herren  Anarchisten die  Lüge von der im Hause von Marx abge-
       haltenen Konferenz  [14] einzig  und allein zu dem Zweck erfunden
       haben, um  behaupten zu können, dieser habe sich mit allen redli-
       chen und unredlichen Mitteln bemüht, die Delegierten seiner Herr-
       schaft unterzuordnen.  Diese Erfindung  fühlen Sie  sich bemüßigt
       wiederzugeben. Beweise  ich aber,  daß sie eine Fälschung ist, so
       ist das für Sie nur ein Detail ohne irgendwelche Bedeutung!
       Sie sagten,  daß die  Londoner Konferenz die Jurassier  u n t e r
       d a s  K o m m a n d o  d e s  G e n f e r  F ö d e r a l r a t s
       gestellt habe.  Ich beweise,  daß dies der Wahrheit widerspricht.
       Sie erwidern: "Was ich damals gesagt habe, scheint mir auch heute
       noch der   A u s d r u c k   d e r    s t r i k t e n    W a h r-
       h e i t."  Sie   ermahnen  mich,   ich  weiß   nicht  in  welchem
       Zusammenhang, zur Höflichkeit; wollen Sie vielleicht, daß ich Sie
       zur Aufrichtigkeit ermahne?
       Ihre Nr.  XIII 2*)  beweist wiederum, daß Sie fast nichts von dem
       wissen, was  sich außerhalb der anarchistischen Kreise zugetragen
       hat. Nach  Ihren  Bemerkungen  über  die  Genfer  Internationalen
       scheint es  mir unmöglich, daß Sie eine vollständige Sammlung der
       Genfer "Égalité"  eingesehen haben. Wenn die Genfer Internationa-
       len  z u m  T e i l  von kleinbürgerlichen
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       1*) Johann Philipp  Becker -  2*) im Entwurf der Handschrift: Nr.
       XII
       
       #12# 6 - Engels an Louis Héritier - 20. Januar 1893
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       Ideen angesteckt  waren, so  teilten sie  diesen Fehler mit ihren
       Gegnern, den  Anarchisten -  denen Sie jenen gegenüber den Vorzug
       geben, die  indessen nur  die Kehrseite der kleinbürgerlichen Me-
       daille bieten  -, ja  mit fast allen französischen und belgischen
       Internationalen, alles  Proudhonisten, mit wenigen Ausnahmen. Von
       allen Gruppen romanischer Sprache waren nur die spanischen Anhän-
       ger des Generalrats damals sozialistische Demokraten im eigentli-
       chen Sinne des Wortes. Haben übrigens die Genfer von heute bewie-
       sen, daß sie mehr wert sind als ihre Vorgänger?
       In derselben  Nr. XIII  3*) geben  Sie eine  beträchtliche  Menge
       anarchistischer Irrtümer  und Lügen wieder und messen ihnen einen
       Glauben bei,  der nach meinem deutlichen Hinweis etwas von seiner
       ursprünglichen Naivität  verloren haben  müßte. Sie kündigen eine
       zweite Arbeit über das gleiche Thema an. Ich hoffe, daß Sie sich,
       ehe Sie  sich mit  dem Stoff  befassen, die Dokumente beschaffen,
       welche die  Behauptungen und  Machenschaften der  Anarchisten  im
       rechten Licht  erscheinen lassen und es Ihnen ermöglichen, unpar-
       teiisch zu  urteilen. Wenn nicht, so würden Sie mich zwingen, Ih-
       nen abermals zu antworten. Es kümmert mich wenig, was die bürger-
       lichen Zeitungen  über die  alte Internationale  sagen, aber wenn
       man ihre  Geschichte sogar in den Parteiorganen zu entstellen be-
       ginnt, ist  das etwas  anderes. Ich verlange von Ihnen lediglich,
       daß Sie  sich nicht  über eine derartige Frage äußern, ohne beide
       Seiten der  Frage, die  einen wie die anderen Dokumente, studiert
       zu haben.  Unser Arbeiterpublikum muß die wenigen Stunden, die es
       der Lektüre  widmen kann,  der Ruhe  und dem Schlaf entziehen; es
       hat also ein Recht darauf zu fordern, daß alles, was wir ihm bie-
       ten, das  Ergebnis gewissenhafter Arbeit ist und nicht zu schwie-
       rigen Kontroversen Anlaß gibt, denen es unmöglich folgen kann.
       
       Aus dem Französischen.
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       3*) im Entwurf der Handschrift: Nr. XII

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