Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#114# 62 - Engels an Laura Lafargue - 21. August 1893
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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux
Merkurstr. 6, Zürich-Hottingen
21. August 1893
Mein liebes Löhr,
Ich bin seit einigen Wochen in der Schweiz. [90] Louise, Dr.
Freyberger und ich sind am 1. Aug. via Hoek van Holland ab-
gereist, trafen Bebel und seine Frau in Köln, verbrachten eine
Nacht in Mainz, die nächste in Straßburg, die dritte in Zürich.
Von dort ging ich nach Thusis in Graubünden, wo ich mich mit mei-
nem Bruder 1*) und seiner Familie traf und eine Woche blieb und
kehrte gerade noch rechtzeitig nach Zürich zum Schluß des Kon-
gresses [120] zurück, und jetzt bin ich hier bei meiner Cousine
Frau Beust.
Wir sind ganz ungewiß, wie die gestrigen Wahlen [52] ausgegangen
sind, und werden es bis heute nachmittag bleiben, da in Zürich am
Montag morgens keine Zeitungen erscheinen. So muß alles, was dazu
zu sagen wäre, bis zum Schluß dieses Briefes aufgeschoben werden.
Deutschland fand ich völlig verändert. Rauchende Dampfschlote im
ganzen Land, doch dort, wo ich vorbeifuhr, waren sie, verteilt
über einen schmalen Landstrich, nicht in so großer Zahl, daß sie
durch ihren Rauch belästigt hätten. Köln und Mainz sind verwan-
delt. Die Altstadt ist noch dort, wo sie war, aber ringsherum
oder daneben ist eine größere, modernere Stadt entstanden mit
prachtvollen, nach einem gut angelegten Plan errichteten Gebäuden
und mit großen Industrieunternehmen in besonderen Vierteln, damit
sie den Anblick und die Ruhe der übrigen Stadt nicht beeinträch-
tigen. Am meisten hat sich Köln entwickelt, dessen Einwohnerzahl
sich beinahe verdreifacht hat - der Ring ist eine Prachtstraße,
in ganz England gibt es nicht ihresgleichen. Mainz wächst, aber
langsamer. In Straßburg sieht man zu deutlich die Trennung zwi-
schen der Altstadt und dem neuen Bezirk aus Umversitäts- und Re-
gierungsgebäuden, ein äußeres Anhängsel, aber kein natürliches
Wachstum.
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1*) Hermann Engels
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Paul wird sicher sehr begierig sein, etwas über das Elsaß zu er-
fahren. Nun, die Franzosen können zufrieden sein. In Straßburg
hörte ich zu meinem Erstaunen nur deutsch sprechen. Einmal nur
sprachen zwei an mir vorübergehende junge Mädchen, Jüdinnen,
französisch. Aber das täuscht sehr. Ein sehr intelligenter junger
Sozialist, der dort wohnt, hat mir gesagt, daß die Leute, sobald
man aus den Stadtmauern herauskommt, geflissentlich nur franzö-
sisch sprechen. Auch in Mülhausen, so meinte er, sprechen 4/5 der
Bevölkerung französisch, und zwar nicht nur Arbeiter, sondern
auch andere. Vor der Annexion war dies jedoch nicht der Fall.
Seitdem es den Eisenbahnverkehr gibt, begann man auch in den
ländlichen Bezirken französisch zu sprechen; aber auch jetzt ist
das Französisch, das man dort spricht, größtenteils ihr eigenes
Produkt. Auf jeden Fall aber ist es Französisch und das zeigt,
was das Volk will. Als die Annexion erfolgte, sagte ich einmal zu
Mohr: die Folge all dieser Wiederverdeutschungsversuche wird
sein, daß man im Elsaß mehr französisch sprechen wird als je zu-
vor. Und so ist es gekommen. Der Bauer und der Arbeiter hielten
an ihrem deutschen Dialekt fest, solange sie Franzosen waren;
jetzt tun sie alles, um ihn abzuschütteln und sprechen franzö-
sisch.
Solche ausgesprochenen Esel wie diese Preußen hat man noch nie
gesehen. Sie schmeichelten dem Adel und der Bourgeoisie, die -
und das hätten sie eigentlich wissen müssen - hoffnungslos fran-
zösiert waren, und stießen die Arbeiter und Bauern vor den Kopf,
die, zumindest in der Sprache, Spuren der deutschen Nationalität
bewahrt hatten. Das Land ist unter die Diktatur von Bürgermei-
stern, Gendarmen und Steuereinnehmern gestellt, die, von der Zen-
tralregierung eingesetzt und zum größten Teil von außerhalb im-
portiert, tun, was sie wollen, und unter sich bleiben, vom Volke
getrennt und verachtet. All die alten despotischen Gesetze des
französischen Zweiten Kaiserreichs werden skrupellos beibehalten
und angewandt und bisweilen sogar noch durch aus der Zeit des an-
cien régime stammende alte Verordnungen verschärft, die von wei-
sen Beamtenseelen aus der Schublade hervorgeholt wurden, und die
entdeckt haben, daß die Revolution es vergessen hat, sie aus-
drücklich für aufgehoben zu erklären. Außerdem werden alle den
preußischen Beamten eigenen Schikanen importiert und aufge-
frischt. Die Folgen sind sonnenklar. Als ich meinen Freund
fragte: Heißt das also, daß die Franzosen, wenn sie aus diesem
oder jenem Grunde zurückkämen, von neun Zehnteln des Volkes mit
offenen Armen empfangen würden?, antwortete er mir, daß es so
wäre.
In Straßburg hält sich die alte Bourgeoisie ganz für sich und
vermischt sich in keiner Weise mit den Eindringlingen. Bei der
übrigen Bevölkerung
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ist Bebel sehr populär; wo immer er erkannt wurde, kamen sie an
die Ladentüren und begrüßten ihn. Du kannst gewiß sein, daß er
die Lage der Dinge im Elsaß vor den Reichstag bringen wird, und
zwar ganz anders als diese protestierenden Esel, die sich, wie es
scheint, über jede neue Unterdrückungsmaßnahme freuen, aus Angst,
das Volk k ö n n t e sich mit dem neuen Regime aussöhnen, und
die infolgedessen fast ihren ganzen Einfluß auf die Bevölkerung
verloren haben. In diesem wie in jedem anderen Fall wird sich
herausstellen, daß unsere Partei die einzige ist, die das tun
kann und will, was wirklich notwendig ist.
(Soeben Telegramm aus Roubaix, an Greulich adressiert, daß Guesde
gewählt ist. Hurra! Hoffe heute nachmittag zu erfahren, daß Paul
gesiegt hat [155].)
Was den Kongreß betrifft, so war es bedauerlich, daß unsere Leute
nicht wenigstens 5-6 Mann dort hatten. [156] Eins ist erreicht
worden: Blanquisten [721] und Allemanisten [71] haben sich un-
sterblich blamiert und lächerlich gemacht devant le monde socia-
liste 2*). Aber jetzt f ä l l t d a s a u f d e n
f r a n z ö s i s c h e n S o z i a l i s m u s
i n s g e s a m t z u r ü c k; die anderen sprechen jetzt ein-
fach von "den Franzosen", und das ist wirklich sehr bedauerlich.
Wäre dort wenigstens eine kleine Minderheit von Marxisten gewe-
sen, so wäre das nicht passiert. Aber wenn Du jetzt feststellst,
daß man in den sozialistischen Zeitungen Englands und des Konti-
nents die französischen Sozialisten wie eine Sippschaft behan-
delt, die alle Augenblicke ihre Meinung ändert und mit Applaus
dem größten Unsinn zustimmt, wenn sie glauben, "les allemands"
3*) dadurch reizen zu können, so brauchst Du Dich nicht zu wun-
dern. Ich habe gehört, wie Schweizer Sozialisten erklärten (und
die Schweizer D e u t s c h e n haben sehr starke Sympathien
für die F r a n z o s e n), jetzt wäre es offensichtlich, daß
der Chauvinismus aus den Franzosen nicht herauszukriegen sei. Und
ich mußte ihnen erzählen, was für Dinge ich in französisch in Eu-
rem Almanach ohne irgendwelche schlimmen Folgen sagen konnte 4*),
Dinge, die für jeden Chauvinisten mehr als bitter sind. Du siehst
also, daß das Fiasko dieser Schreihälse auf ganz Frankreich zu-
rückfällt, auch auf unsere Leute. Und Jaclard mit seinen bissigen
Artikeln in "La Justice" macht die Sache nur noch schlimmer. Nun,
ich hoffe, die Wahlen werden uns in die Lage versetzen, ganz Eu-
ropa zu zeigen, daß Jaclard und Allemane ne sont pas la France
5*). Und doch glaube ich, daß Jaclard in sehr vielen Fällen mit
Bonnier und der verschwindend kleinen Minderheit gestimmt hat.
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2*) vor der sozialistischen Welt - 3*) "die Deutschen" -
4*) Friedrich Engels: "Der Sozialismus in Deutschland" - 5*)
nicht Frankreich sind
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Die Frauen waren ausgezeichnet vertreten. Außer Louise sandte
Österreich die kleine Dworak, ein in jeder Hinsicht charmantes
junges Mädchen; ich habe mich ganz und gar in sie verliebt, und
wann immer Labriola 6*) mir eine Chance gab, entfloh ich mit ihr
dem Wirrwarr seiner schwerfälligen Konversation. Diese Viennoises
sont des Parisiennes nees, mais des Parisiennes d'il y a 50 ans
7*). Richtige Grisetten. Und die russischen Frauen! Es waren vier
oder fünf da, mit wunderschönen leuchtenden Augen 8*), und außer-
dem auch Vera Sassulitsch und Anna Kulischowa. Dann Clara Zetkin
mit ihrer ungeheuren Schaffenskraft und ihrer leicht hysterischen
Begeisterung, aber ich habe sie sehr gern. Sie hat den Glärnisch
erstiegen, einen Berg voller Gletscher, das ist eine sehr große
Anstrengung für eine Frau ihrer Konstitution. Kurzum, ich hatte
das glückliche Los, aus den Armen der einen in die Arme der ande-
ren zu fliegen usw.; Bebel wurde ganz eifersüchtig - er, der Mann
der "Frau" [157], dachte, er allein hätte ein Recht auf ihre
Küsse!
Nun lasse ich noch etwas Platz für die Neuigkeiten dieses Nach-
mittags. Die Jungen von Beusts lassen sich empfehlen. Louise ist
in Österreich, Bebel und Bernstein sind noch hier. U m d e n
4. S e p t. fahren Bebel und ich nach Wien; bis dahin erreichst
Du mich unter obiger Adresse.
Viel Glück für Paul!
Immer Dem alter General
4 Uhr nachmittags. Nachricht, daß Paul en ballotage 9*), - bitte
laß mich wissen, welche Chancen er hat [158] -, daß Ferroul ge-
schlagen ist und Jourde in der Stichwahl. Einige Zeilen über die
allgemeinen Ergebnisse würden sehr willkommen sein, da die bür-
gerlichen Blätter nicht glaubwürdig sind.
Aus dem Englischen.
6*) Antonio Labriola - 7*) Wienerinnen sind geborene Pariserin-
nen, aber Pariserinnen von vor 50 Jahren - 8*) in der Handschrift
deutsch: leuchtende Augen - 9*) in der Stichwahl
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