Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#118# 63 - Engels an Laura Lafargue - 31. August 1893
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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux
Zürich, 31. Aug. 1893
Mein liebes Löhr,
Dank für Deinen Brief und die Zeitungen, die gestern ankamen. Ich
bin mit August und St. Mendelson 6 Tage im Berner Oberland gewe-
sen - schönes Wetter und herrliche Landschaft. [909 Die Jungfrau
hatte für uns ein besonders sauberes, weißes Nachtgewand ange-
legt. Die Jungfrau, der Mont Blanc und der Monte Rosa sind die
drei schönsten M a s s i v e der ganzen Alpen.
Gestern waren wir auf dem Ütliberg, einem Hügel in der Nähe von
Zürich, von dem man, wenn auch nur von ferne, eine schöne Aus-
sicht auf die schneebedeckte Bergkette hat. Als der alte Thiers,
nach 1870, hier mit seiner Garde war, hat er ihr sofort alles er-
klärt; auf den Glärnisch zeigend (genau südöstlich vom Ütli)
sagte er, dies sei der Mont Blanc. Der Besitzer des Hotels auf
dem Berggipfel, ein ausgezeichneter Kenner der ganzen Gebirgs-
kette, wagte zu verstehen zu geben, daß dies der Glärnisch sei,
daß der Mont Blanc in ganz entgegengesetzter Richtung liege und
von diesem Punkt aus überhaupt nicht zu sehen sei. Aber das Männ-
lein versetzte: Monsieur, je suis Adolphe Thiers, et je dois sa-
voir cela! C'est bien là le Mont Blanc! 1*)
Ich freue mich, daß Du das Wahlergebnis vom 20. als einen Sieg
ansiehst. [52] Hoffen wir, daß dies am nächsten Sonntag durch die
Wahl Pauls und Delcluzes sowie einiger anderer bestätigt wird.
Sonst fürchte ich, wird unsere Partei im Palais Bourbon [98]
nicht die Rolle spielen können, die sie, wie ich und viele andere
es wünschen, spielen sollte. Wenn wir 8-10 Mann dort haben,
werden sie einen Kern bilden, der stark genug ist, die
Blanquisten [72], Possibilisten [53] und unabhängigen Sozialisten
zu zwingen, sich um sie zu scharen und so eine einheitliche
Gruppe vorzubereiten. Wenn wir aber nur 3 oder 4 sind, wird jede
der anderen Fraktionen etwa ebenso stark sein, und eine Einigung
nicht nur sehr viel schwieriger werden, sondern
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1*) Mein Herr, ich bin Adolphe Thiers, und ich muß es wissen! Das
dort ist der Mont Blanc!
#119# 63 - Engels an Laura Lafargue - 31. August 1893
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auch mehr den Charakter eines Kompromisses annehmen. Deshalb
hoffe ich, daß wir in voller Stärke in das Palais Bourbon einzie-
hen können.
Ich hoffe, daß der "Socialiste" Guesdes Brief an seine Wähler
nicht bringen wird. [159] Was man auch darüber in Frankreich den-
ken mag, jenseits der Grenzen würde es einfach grotesk klingen.
Seine Wahl als eine Revolution zu erklären, durch die der Sozia-
lismus im Palais Bourbon jait son entrée 2*) und durch die eine
neue Ära für die Welt im allgemeinen anbricht, ist für gewöhnli-
che Sterbliche wirklich etwas zu stark.
Ich füge einen deutschen Fünfmarkschein bei, damit Du uns das Er-
gebnis der Wahlen vom nächsten Sonntag telegraphieren kannst. Au-
gust und ich fahren von hier Montag morgen nach München ab und
werden den ganzen Dienstag dort bleiben. Wir nehmen an, daß Du
alle Ergebnisse, soweit für uns interessant, am Montag abend oder
spätestens Dienstag früh haben wirst. Bitte t e l e g r a-
p h i e r e, sobald Du kannst, aber nicht später als Dienstag
nachmittag, d i e N a m e n u n s e r e r L e u t e u n d
d i e O r t e, a l s d e r e n V e r t r e t e r s i e g e-
w ä h l t w o r d e n s i n d, und wenn das Geld reicht, jede
weitere interessante Information. Das Telegramm muß in deutscher
Sprache adressiert werden an:
B e b e l, H o t e l D e u t s c h e r K a i s e r, M ü n-
c h e n; aber es wäre vielleicht besser, den übrigen Text fran-
zösisch abzufassen, damit eine korrekte Übermittlung von franzö-
sischer Seite aus gewährleistet ist.
Dienstagabend oder Mittwoch fahren wir weiter nach Salzburg, von
dort nach Wien, wo wir einige Tage bleiben, und dann nach Berlin.
Wenn Du so freundlich wärst, weitere Informationen brieflich nach
Wien zu schicken (wo sie für die "Arbeiter-Zeitung" verwendet
werden können), so adressiere bitte an Frau L. Kautsky, Hirschen-
gasse 46, Oberdöbling, Wien, Österreich (ein zweiter Briefum-
schlag erübrigt sich, da sie weiß, daß es für mich ist).
Und nun viel Glück für alle unsere Kandidaten und besonders für
Paul! Ich habe wenig Vertrauen zu den Versprechungen von Opportu-
nisten [20], aber ich hoffe, daß sie sich in s e i n e m Fall
ausnahmsweise einmal als wahr erweisen möchten. [158]
Welchen Nutzen hat uns das Bündnis Millerand-Jaurès [69] in die-
ser Kampagne gebracht? Ich bin hier völlig außerstande, das zu
beurteilen.
Herzliche Grüße
von Deinem F. E.
Aus dem Englischen.
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2*) seinen Einzug hält
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