Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#120# 64 - Engels an Laura Lafargue - 18. September 1893
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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux
Berlin W., den 18. Sept. 1893
Großgörschen-Straße 22a [160]
Mein liebes Löhr,
Enfin! 1*) Samstagabend hier angekommen, nach 6 Tagen in Wien und
1 in Prag [90] (wo wir Deinen alten Verehrer Rudolph Meyer tra-
fen). Wien ist eine außerordentlich schöne Stadt mit seinem
prachtvollen Boulevard (Ringstraße), und der riesige Platz zwi-
schen Rathaus und dem gegenüberliegenden neuen Burgtheater, mit
dem Parlament zur Rechten und der Universität zur Linken, hat in
der Welt nicht seinesgleichen. Aber Wien ist zu groß für seine
Bevölkerung, sie fängt erst an zu l e r n e n, diese Boulevards
zu nutzen; in etwa 10 Jahren wird alles zehnmal schöner sein,
weil 10mal mehr belebt.
Alles in allem hat der Kontinent geradezu eine Revolution durch-
gemacht, seit ich ihn zuletzt gesehen. [161] Überall Leben, Ge-
schäftigkeit, Entwicklung; verglichen damit scheint England zu
stagnieren. Von Berlin habe ich nicht viel gesehen (bis jetzt
noch keinen Quadratfuß von dem Berlin, das ich 1842 verlassen
habe [162], alles, was ich bis jetzt gesehen habe, ist neu ent-
standen), allerdings ist es von außen wirklich prachtvoll, obwohl
ich fürchte, daß es innen voller Unbehaglichkeit ist. Bebel (bei
dem Louise und ich wohnen) hat eine sehr schöne und gemütliche
Wohnung, aber Library, bei dem wir den gestrigen Abend verbrach-
ten, lebt in einer Wohnung mit Räumen, die so schrecklich verbaut
sind, daß ich entsetzt war. Hier in Berlin hat man das "Berliner
Zimmer" 2*) erfunden, mit kaum einer Spur von Fenster, und darin
verbringen die Berliner den größten Teil ihrer Zeit. Nach vorn
hinaus gehen das Eßzimmer (die gute Stube, die nur bei großen An-
lässen benutzt wird) und der Salon (noch vornehmer und noch sel-
tener benutzt), dann die "Berliner" Spelunke 3*), dahinter ein
finsterer Korridor, ein paar Schlafzimmer, donnant sur la cour
4*), und eine Küche. Unbequem
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1*) Endlich! - 2*) in der Handschrift deutsch: "Berliner Zimmer"
3*) in der Handschrift deutsch: "Berliner" Spelunke - 4*) die
nach dem Hof hinausgehen
#121# 64 - Engels an Laura Lafargue - 18. September 1893
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und schrecklich lang, echt berlinerisch 5*) (das heißt
b ü r g e r l i c h berlinerisch 5*): Aufmachung und sogar Glanz
nach außen, Finsternis, Uebehaglichkeit und schlechte Anordnung
nach innen; die Palastfront nur als Fassade und zum Wohnen die
Unbehaglichkeit. Jedenfalls ist das mein b i s h e r i g e r
Eindruck; hoffen wir, daß er sich bessert.
Gestern waren wir in der Freien Volksbühne [163] - das Lessing-
Theater, eins der schönsten und besten Theater Berlins, war dafür
gemietet worden. Die Plätze werden von den Abonnenten wie in der
Lotterie gezogen, und man sieht Arbeiter und Arbeiterinnen in den
Orchestersesseln und Logen, während die Bourgeois auf den Olymp
verbannt sind. Das Publikum ist von einer Aufmerksamkeit, einer
Hingabe, ich möchte sagen, von einer Begeisterung sans égal 6*).
Kein Applaus, bevor der Vorhang fällt - dann aber ein wahrer Or-
kan. Und in pathetischen Szenen Ströme von Tränen. Kein Wunder,
daß die Schauspieler dieses Publikum jedem anderen vorziehen, Das
Stück war ganz gut und das Spiel weit besser als ich erwartet
hatte. Die Kleinbürgerei 7*) von ehemals ist von der deutschen
Bühne verschwunden, sowohl in der Darstellung als auch im Charak-
ter der Stücke. Ich werde Dir eine kurze Beschreibung des letzte-
ren schicken.
In Wien mußte ich zweimal vor der "Partei" erscheinen! [164] Ich
bin ganz begeistert von ihnen. Sie sind so lebhaft und erregbar
wie die Franzosen, nur ein bißchen solider. Besonders die Frauen
sind entzückend und begeistert; sie arbeiten sehr aktiv, was, zum
großen Teil, Louise zu danken ist. Adler hat Wunder getan; der
Takt, die ständige Wachsamkeit und Aktivität, mit der er die Par-
tei zusammenhält (keine leichte Sache bei so lebhaften Menschen
wie den Wienern), sind über jedes Lob erhaben, und wenn man über-
dies seine persönlichen Schwierigkeiten in Betracht zieht - eine
Frau, die an nervösen Störungen leidet, drei Kinder und die sich
daraus ergebenden unablässigen pekuniären Schwierigkeiten - so
ist es nahezu unbegreiflich, wie er sich über Wasser halten kann.
Und diese Österreicher - eine kelto-germano-slawische Rassenmi-
schung - sind weit weniger lenkbar als unsere Norddeutschen.
Library sieht sehr gut aus; er beginnt, einen Schmerbauch anzu-
setzen; seine Frau machte uns eine Bowle aus Wem und Früchten; es
war eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft versammelt. Er wohnt au
quatrième 8*) außerhalb des eigentlichen Zentrums von Berlin, in
Charlottenburg, aber seine Wohnung kostet ihn an die 1800 Mark
2250 frs.
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5*) in der Handschrift deutsch: berlinerisch - 6*) ohnegleichen -
7*) in der Handschrift deutsch: Kleinbürgerei - 8*) im vierten
Stock
#122# 64 - Engels an Laura Lafargue - 18. September 1893
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Was Eure Wahlen [52] betrifft, so hoffe ich, daß Pauls Erwartun-
gen sich erfüllen werden. [158] Da die meisten gewählten Leute
mir völlig unbekannt sind, kann ich mir kein Urteil erlauben.
Vaillants Brief in der "Petite Rép[ublique] fr[ançaise]" sieht
vielversprechend aus [165]; hoffen wir, die Umstände mögen dazu
beitragen, daß er auf dem richtigen Wege bleibt. Wenn
u n s e r e 1 2 L e u t e wirklich u n s e r e und nicht so
wie Thivrier und Lachize sind, dann kann ein guter Kern gebildet
werden.
Als wir nach Prag kamen, herrschte dort der kleine état de siège
9*). [166] N i e m a n d i n u n s e r e m H o t e l
d a c h t e a u c h n u r d a r a n, n a c h u n s e r e n
N a m e n z u f r a g e n! Voilà ce que c'est que l'Autriche
10*): Despotismus, gemildert durch Schlamperei. 11*)
Amitiés à Paul! 12*)
Immer Dein F. Engels
Louise, Bebel und Frau grüßen Euch beide herzlichst. 13*) Deine
Abschrift von Pauls Artikel und Pauls Brief haben wir Adler gege-
ben, der sie für seinen sehr guten Artikel in der "A[rbeiter]-
Z[eitung]" verwendet hat. [167]
Aus dem Englischen.
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9*) Belagerungszustand - 10*) Das ist echt Österreich - 11*) in
der Handschrift deutsch: Despotismus gemildert durch Schlamperei.
- 12*) Herzliche Grüße an Paul! - 13*) dieser Satz in der Hand-
schrift deutsch
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