Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #126# 67 - Engels an Julie Bebel - 3. Oktober 1893
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       67
       
       Engels an Julie Bebel
       in Berlin
       
       London, 3. Okt. 1893
       Liebe Julie,
       Unsre Postkarte  von Freitag werdet Ihr erhalten haben. [172] Ich
       fand einen  kolossalen Haufen  Arbeit vor und habe mich bis jetzt
       durch das  Allerdringendste durchgequält, mit Hülfe Louisens, die
       noch mit  beiden Armen bis zum Ellenbogen in den Drucksachen her-
       umwühlt. Dafür  komme ich  denn dazu,  Euch ein  paar  Zeilen  zu
       schreiben.
       Also am  Donnerstag, nach  unsrer Abfahrt [90], sahen wir noch am
       Bahnhof Zoologischer  Garten für einen Augenblick Adolf Braun und
       fuhren dann  weiter. Im  Coupé hatten wir zwei schäbig aussehende
       Burschen, die  sich etwas  zudringlich entwickelten; glücklicher-
       weise aber  war der eine, ein Engländer, bereits vor 10 Uhr total
       besoffen, und  dann brachten  sie beide den Rest des Tags auf dem
       Korridor des Wagens zu.
       In Hannover  aßen wir  Suppe und  Fleisch, darüber  kam dann  der
       teure Kugelmann  mit seiner  Tochter 1*), die viel netter ist als
       er. Er  gab mir  wieder eine lange Reihe medizinischer Ratschläge
       für meines  Lebens Regel, aber auch ein Körbchen mit Fleischbröt-
       chen, Äpfeln  und 1/2  Flasche Wein.  Wir jauchzten auf bei ihrem
       Anblick: Rotwein!  - aber  ach, es  war angeblicher  "roter Port-
       wein", eine süßliche Mischung, die wir dem Schaffner zum Dank für
       seine Liebenswürdigkeit überantworteten.
       Bald darauf entspann sich zwischen verschiednen Reisenden und dem
       Schaffner eine lebhafte Debatte über die Frage : ob die Reisenden
       nach Hoek  van Holland  nicht in  Löhne wechseln und über Rheine-
       Salzbergen fahren  müßten. Wir  hielten stramm an Oberhausen, wie
       wir denn  wegen Louisens Billet keine andre Wahl hatten. Nun aber
       hatten wir in Minden schon über eine halbe Stunde Verspätung, und
       da in  Oberhausen nur 17 Minuten Zeit gegeben war, alle Aussicht,
       den Anschluß zu verfehlen. Hier war uns die Karte von großem Nut-
       zen, die  mir August  am Morgen gegeben. Wir fuhren auf der alten
       Köln-Mindener Bahn, die ich als eine der bestgebauten
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       1*) Franziska Kugelmann
       
       #127# 67 - Engels an Julie Bebel - 3. Oktober 1893
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       in Deutschland  kannte. An  den durchfahrnen Strecken konnten wir
       sehn, wie  hier ein  gut Stück  der Verspätung  wieder  eingeholt
       wurde, und so erreichten wir rechtzeitig Oberhausen.
       Der Kohlendistrikt  von Hamm  bis Oberhausen ist ein Stück engli-
       sches Black  Country. Die  Luit und  Städte  ebenso  rauchig  und
       schwarz wie  in England,  die Häuser,  weil meist  hell getüncht,
       noch unangenehmer geschwärzt wie die englischen nackten Ziegel.
       Nachdem wir auch in Holland noch wegen Anschlußversäumnis mehrere
       Male von  Reisenden und  Schaffnern allerhand Dunkles hatten mun-
       keln hören,  kamen wir  in Rotterdam  an 8.42    h o l l ä n d i-
       s c h e,   d.h. 9.42  deutsche Zeit.  Die Stunde  Zeitunterschied
       hatte alles  in Ordnung  gebracht (aus Augusts Aufstellung hatten
       wir nicht  genau ersehn  können,   w o   der  Zeitunterschied  in
       Wirksamkeit trat, und waren daher der Sache nicht sicher).
       Dahingegen mußten  wir nun in Rotterdam von einem Bahnhof zum an-
       dern marschieren  - ca.  10 Minuten  weit, hatten noch Zeit übrig
       und kamen  an   v o r  den über Löhne-Rheine-Salzbergen gereisten
       Leuten.
       Louise hatte außer ein bißchen Kugelmannscher Kost nur eine Tasse
       Bouillon in  Arnheim und  eine zweite in Rotterdam genossen, wäh-
       rend ich von Kugelmännern und Bier lebte. Es blies ganz nett, als
       wir abfuhren. Ich legte mich bald ins Bett und schlief unter ganz
       erfreulichem Schaukeln  ein, dachte  aber nichts  Arges, bis  ich
       nach 8  Stunden bei  hellem Tageslicht  erwachte  -,  wir  hätten
       längst in Harwich sein sollen! Ich stand auf - ich hatte eine Ka-
       bine ganz  für mich  allein - niemand auf dem Schiff rührte sich.
       Ich ging aufs Deck, alles leer, überall nasses Deck und Anzeichen
       einer vergangnen  rauhen Nacht.  Em junger  Deutscher kam endlich
       und vertraute  mir an, daß wir einen entsetzlichen Sturm durchge-
       macht. Bald darauf einige Dämchen, dann auch Louise, die Arme war
       mit 5  andern in  einer engen  Kabine zusammengepfercht  gewesen,
       hatte das Ärgste heroisch überstanden trotz der hysterischen see-
       kranken Umgebung, war aber auch endlich, als nach der Hauptschau-
       kelei die  kleinen kurzen Wellen kamen, den Zudringlichkeiten des
       alten Neptun einen Augenblick unterlegen.
       Mit zwei  Stunden Verspätung kamen wir in London an - Avelings am
       Bahnhof -, fanden alles in schönster Ordnung und stürzten uns mit
       der Todesverachtung,  die auf einen heroisch überstandnen kleinen
       Sturm zu  folgen pflegt,  in die Arbeit. Neues scheint hier nicht
       viel passiert  zu sein,  über die in der hiesigen Bewegung vorge-
       gangnen kleinen Wendungen und Wandlungen müssen wir uns erst all-
       mählich unterrichten.
       Apropos. Ede  B[ernstein] behauptet,  Paul  S[inger]  mißverstehe
       seinen Artikel [173] total. Er habe nie gesagt, man solle je nach
       Umständen mit
       
       #128# 67 - Engels an Julie Bebel - 3. Oktober 1893
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       Konservativen [108], Nationalliberalen [109], Ultramontanen [174]
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       g e   V o l k s p a r t e i   [127]   i m   A u g e  g e h a b t.
       Ich sagte  ihm, daß   i c h   das  aus seinem  Artikel nicht habe
       herauslesen können;  jedenfalls ließ  er auch  diese  Möglichkeit
       offen.
       Nun aber,  liebe Julie, danke ich Dir und August nochmals für die
       viele Liebe  und Freundschaft,  die Ihr  uns nicht nur in Berlin,
       sondern auch  in Zürich  - und  August mir auf der ganzen Reise -
       erwiesen habt,  und kann  Dich nur  an Dein Versprechen erinnern,
       uns im  Frühjahr hier zu besuchen, damit wir Dir auch einmal Lon-
       don zeigen können. Herzliche Grüße Euch beiden und allen Freunden
       Dein F. Engels
       
       [Nachschrift von Louise Kautsky]
       Liebste Julie,
       Ich stecke  wirklich bis über die Ellbogen in Arbeit und sehe bis
       jetzt auch  noch keinen Weg herauszukommen, soweit nur, um Briefe
       zu schreiben. G[eneral], der ans Schreiben geht, hat Dir erzählt,
       wie es uns auf der Fahrt ergangen, hat aber vergessen, daß er al-
       lein die  Brötchen von Dir aufaß. Es ist ihm gut ergangen auf der
       Reise, er war immer munter und guter Dinge, immer besorgt, ob wir
       noch Anschluß  hätten, und  voll Leben.  Ich selbst  bin  Sonntag
       gleich wieder in meine alte Hausbesorgungsrolle gefallen. Die Gä-
       ste aber  verfuhren gnädig  mit mir.  Bitte sage August, über die
       englische 2te Ausgabe [175] konnte ich noch nichts Bestimmtes er-
       fahren. Ich will das Buch selbst sehen und lasse es mir besorgen,
       mir persönlich aber würde Reeves das Buch gar nicht verkaufen.
       Ich schließe  mich von  Herzen G[enerals] Dank an, ich hatte noch
       nicht Zeit,  über alles Erlebte nachzudenken, und lebe wie in ei-
       nem Traum, der durch Arbeit unterbrochen wird. Und Ihr Armen, Ge-
       plagten, wie geht's Euch? Herzliche Küsse August und Dir.
       Deine Louise

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