Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #13# 7 - Engels an August Bebel - 24. Januar 1893
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       Engels an August Bebel
       in Berlin
       
       London, 24. Januar 93
       Lieber August,
       Ich fahre fort. [15] Aus Avelings mündlichen Erzählungen wird mir
       ein bereits  früher gehegter  Verdacht bestärkt,  nämlich, daß K.
       Hardie den  stillen Wunsch hegt, die neue Partei [9] in der Weise
       diktatorisch zu leiten, wie Parnell die Irländer leitete, und daß
       dabei seine  Sympathien sich mehr der konservativen als der libe-
       ralen Gegenpartei  zuneigen. Er spricht öffentlich davon, daß man
       bei der  nächsten Wahl  das Experiment Parnells, wodurch er Glad-
       stone zum  Umbiegen gebracht, wiederholen, und da, wo kein Arbei-
       terkandidat aufgestellt werden könne, für die Konservativen stim-
       men müsse, um den Liberalen die Macht zu zeigen. [16] Nun ist das
       eine Politik,  die ich  unter Umständen selbst von den Engländern
       verlangt habe,  aber wenn  man so  etwas von vornherein nicht als
       möglichen taktischen  Schritt, sondern  als  u n t e r  a l l e n
       U m s t ä n d e n   zu befolgende  Taktik  vorausproklamiert,  so
       riecht das  stark  nach  Champion.  Besonders  wenn  K.  H[ardie]
       gleichzeitig von  Ausdehnung des Wahlrechts und den andern Refor-
       men, die  das Arbeiterwahlrecht hier erst zur Wirklichkeit machen
       sollen,    mit     Verachtung    als     untergeordneten,    bloß
       p o l i t i s c h e n   Dingen spricht,  die hinter  die sozialen
       Forderungen, 8  Stunden, Arbeitsschutz etc. zurückzutreten haben.
       Wobei er  dann nicht  sagt, wie  er die sozialen Forderungen, auf
       deren   E r z w i n g u n g  durch Arbeitervertreter er also ver-
       zichtet, anders  als durch Gnade der Bourgeois, resp. durch indi-
       rekten Druck  der ausschlaggebenden  Arbeiterstimmen bei den Wah-
       len, durchsetzen  will. Ich  mache Dich  auf diesen dunklen Punkt
       aufmerksam, damit  Du eventualiter  informiert  bist.  Vorderhand
       lege ich  der  Sache  keine  übergroße  Wichtigkeit  bei,  da  K.
       H[ardie] sich  im schlimmsten Fall stark verrechnen dürfte an den
       Arbeitern der  nordenglischen Fabrikbezirke, die keine Schafherde
       sind, und  da er  schon in der Exekutive hinreichenden Widerstand
       finden würde.  Aber man  muß eine  solche  Strömung  nicht  total
       ignorieren.
       Auf das  Stenogramm von Singers Börsenrede bin ich sehr begierig,
       sie las  sich im  "Vorwärts" ganz vorzüglich. Ein Punkt aber wird
       von allen
       
       #14# 7 - Engels an August Bebel - 24. Januar 1893
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       unsern Leuten  bei dem Thema leicht vernachlässigt: die Börse ist
       ein Institut,  wo die  Bourgeois nicht die Arbeiter, sondern sich
       u n t e r e i n a n d e r   ausbeuten; der  Mehrwert, der  an der
       Börse die Hände wechselt, ist bereits  v o r h a n d n e r  Mehr-
       wert, Produkt  v e r g a n g n e r  Arbeiterausbeutung. Erst wenn
       diese vollendet,  kann er  dem Börsenschwindel  dienen. Die Börse
       interessiert uns  zunächst nur  indirekt, wie  auch ihr  Einfluß,
       ihre Rückwirkung  auf die  kapitalistische  Arbeiter-Exploitation
       nur ein  indirekter, auf  Umwegen erfolgender  ist. Zu verlangen,
       daß die  Arbeiter sich  direkt interessieren und entrüsten sollen
       für die Schinderei, die den Junkern, Fabrikanten und Kleinbürgern
       an der  Börse passiert,  heißt verlangen, die Arbeiter sollen die
       Waffen ergreifen, um ihre eignen direkten Ausbeuter im Besitz des
       denselben Arbeitern  abgezwackten Mehrwerts zu schützen. Wir dan-
       ken schönstens.  Aber als  edelste  Frucht  der  Bourgeoisgesell-
       schaft, als  Herd der äußersten Korruption, als Treibhaus des Pa-
       nama [6] und andrer Skandäler - und daher auch als ausgezeichnet-
       stes Mittel  zur Konzentration  der Kapitale,  zur Zersetzung und
       Auflösung der  letzten Reste  von naturwüchsigem  Zusammenhang in
       der bürgerlichen  Gesellschaft und  gleichzeitig zur  Vernichtung
       und Verkehrung  in ihr  Gegenteil aller obligaten Moralbegriffe -
       als unvergleichlichstes  Zerstörungselement, als  mächtigste  Be-
       schleunigerin der  hereinbrechenden Revolution - in diesem histo-
       rischen Sinn interessiert uns die Börse auch direkt.
       Ich sehe, das Zentrum [17] beantragt Ruhen der Verjährung während
       der Zeit,  wo der Reichstag Verfolgungen suspendiert. Da das Zen-
       trum entscheidende  Partei, hat  der Antrag wohl Aussicht auf An-
       nahme. [18] In  d i e s e m  Fall wäre es meiner Ansicht nach an-
       gemessen, der  Regierung diese  Beschränkung der Reichstagsrechte
       nicht ohne Entgelt in den Schoß zu werfen. Das Entgelt müßte dann
       darin bestehn,  daß das  Suspensionsrecht des Reichstags auch für
       Straf h a f t  ausdrücklich anerkannt würde. Sonst wäre es wieder
       einmal ein  Rückzug des  Reichstags - mag der Schritt noch soviel
       juristische Plausibilität für sich haben.
       Der Kriegswauwau  fängt wieder  an. Inl. Dalziel-Depesche ist aus
       dem heutigen  "Daily Chronicle"  - Dalziel  als junger Konkurrent
       von Reuter, Wolff, Havas, ist solchen Reptilmanövern leichter zu-
       gänglich. Die  Sache selbst  ist absurd.  Die Russen sind absolut
       kriegsunfähig, sie  müßten rein  verrückt sein, jetzt anzufangen.
       Es wäre  ja möglich,  daß nach  dem Scheitern des letzten Pariser
       Pumps [19]  sie nur dann in Paris Geld erhalten könnten, wenn der
       Krieg wirklich  bevorstände oder  schon im  Gang wäre  - aber das
       wäre doch  die Situation  der Verzweiflung. Ganz unmöglich ist es
       nicht,  daß   die  Opportunisten   [20]  und  Radikalen  [21]  in
       Frankreich die Rettung aus dem
       
       #15# 7 - Engels an August Bebel - 24. Januar 1893
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       Panama durch  einen Krieg    a n s t r e b e n    oder  doch  als
       schlimmsten Rettungsfall im Auge behalten. Aber woher den Vorwand
       nehmen, der  sie vor der Welt rechtfertigt? Ich habe schon früher
       gesagt, im  nächsten Krieg  spielt England  vermöge der  Seeherr-
       schaft die  entscheidende Rolle. [22] Und England hat den Franzo-
       sen grade jetzt in Ägypten einen schlimmen Streich gespielt. [23]
       Um bei  dieser Spannung  zwischen beiden  Regierungen England  zu
       sich zu  ziehn, müßte  schon ein  dem Philister  als sehr  starke
       Provokation erscheinender  Kriegsgrund vorliegen, und den liefert
       Caprivi nicht.
       Je mehr  ich über  diesen Punkt  Nachrichten sammle,  desto  mehr
       fällt mir  auf, daß  Bismarck die östreichische Allianz resp. den
       Dreibund [24]  nur zu  dem Zweck gründete, um am Vorabend des un-
       vermeidlich werdenden Kriegs Östreich gegen Frankreich an Rußland
       auszutauschen: ihr  überlaßt mir  Frankreich, ich  überlasse euch
       Ostreich und  die Türkei  und hetze  obendrein noch  Italien  auf
       Ostreich durch  Triest und  Trient. Und  er bildete sich offenbar
       ein, das  würde gelingen.  Sieh Dir  auch eine  Zeitlang die  Ge-
       schichte seit  1878 an, ich glaube, Du wirst zu meiner Auffassung
       kommen.
       Unbegreiflich ist  mir im  Reichstagsbericht ("Vorwärts") vom 21.
       die Abzahlungsrede  Tutzauers. Der spricht ja nicht als Sozialde-
       mokrat, sondern  als Möbelhändler.  [25] Wie war das möglich? Die
       Jungen [26] werden jubeln.
       Gestern abend  war Konzert  und Ball  von Vereins wegen. [27] Ich
       war bis  11 Uhr da, habe jetzt wohl Ruhe für einige Zeit vor sol-
       chen Pflichtakten;  Louise mußte  wegen ihrer Rippen-Neuralgie zu
       Hause bleiben.  Sie ist  etwas besser, hat aber noch arge Schmer-
       zen, Freyberger  sagt, das  würde noch  ein paar  Tage  anhalten.
       Sonst ist  die Erkältung  am Schwinden,  die Stimme  und auch das
       Allgemeinbefinden besser.  Sie schickt  Dir und  Deiner Frau  die
       herzlichsten Grüße, denen sich anschließt
       Dein F. E.

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