Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #131# 70 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 7. Oktober 1893
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       Engels an Friedrich Adolph Sorge
       in Hoboken
       
       London, 7. Okt. 1893
       Lieber Sorge,
       Freitag, 29.  Sept. sind wir wieder hier angekommen und erhielten
       bald darauf Deinen Brief vom 22. Ich war 2 Monate fort [909, fuhr
       mit L.  K[autsky] nach Köln, wo wir Bebel und Frau trafen, gingen
       zusammen über  Mainz und  Straßburg nach  Zürich, von wo ich mich
       auf 8  Tage nach  Graubünden drückte, wo ich einen Bruder 1*) von
       mir traf.  Aber ich  hatte versprechen  müssen, zum Kongreßschluß
       wieder dazusein,  und da  machten sie denn malgré moi 2*) mit mir
       die Schlußgeschichte,  von der  Du gelesen  hast. [177] Damit war
       aber auch  die Tonart  für die  ganze Reise gegeben und meine Ab-
       sicht, als purer Privatmann zu reisen, total versalzen. Ich blieb
       noch 14  Tage in  der Schweiz und reiste dann mit Bebel über Mün-
       chen und  Salzburg nach Wien. Hier fing die Paradegeschichte wie-
       der an. Erst mußte ich zu einem Kommers, aber da war nur Raum für
       etwa 600,  und die andern wollten mich auch sehn; also am letzten
       Abend noch  eine Volksversammlung,  wo ich  auch ein  paar  Worte
       sprechen mußte.  [164] Von  da über  Prag nach Berlin, und da kam
       ich, nach heftigem Protestieren gegen eine geplante Volksversamm-
       lung, mit  einem Kommers  davon, der 3-4000 Leute zusammenbrachte
       [170]. Das war ja alles sehr nett von den Leuten, ist aber nichts
       für mich, ich bin froh, daß es vorüber ist, und werde das nächste
       Mal a  written agreement 3*) verlangen, daß ich nicht vor dem Pu-
       blikum zu paradieren brauche, sondern als Privatmann in Privatan-
       gelegenheiten reise. Ich war und bin ja erstaunt über die Großar-
       tigkeit des  Empfangs, den  man mir  überall bereitete,  aber das
       überlasse ich  doch lieber  den Parlamentariern und Volksrednern,
       bei denen  gehört so  etwas zu   i h r e r  Rolle, bei meiner Art
       Arbeit aber doch kaum.
       Sonst aber habe ich Deutschland nach 17jähriger Abwesenheit [161]
       vollständig revolutioniert gefunden - die Industrie enorm entwic-
       kelt gegen  früher, den  Ackerbau - großen wie kleinen -  s e h r
       verbessert, und als Folge
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       1*) Hermann Engels  sen. -  2*) wider meinen  Willen  -  3*) eine
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       #132# 70 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 7. Oktober 1893
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       davon unsre  Bewegung ausgezeichnet  im Gang.  Unsre Leute  haben
       sich das bißchen Freiheit, das sie haben, selbst erobern müssen -
       ganz  speziell   erobern   gegenüber   Polizei   und   Landräten,
       n a c h d e m  die betreffenden Gesetze schon auf dem Papier pro-
       klamiert. Und daher findest Du ein sichres, festes Auftreten, wie
       es bei  den deutschen Bourgeois nie vorgekommen. Im einzelnen ist
       da natürlich  auch manches  auszusetzen -  z.B. die  Parteipresse
       steht namentlich  in Berlin  nicht auf der Höhe der Partei - aber
       die Massen sind vortrefflich und meist besser als die Führer oder
       wenigstens als viele, die in Führerrollen gekommen sind. Mit die-
       sen Leuten  ist alles  zu machen,  sie fühlen  sich nur  im Kampf
       recht glücklich, sie leben nur für den Kampf und langweilen sich,
       wenn die Gegner ihnen keine Arbeit schaffen. Es ist positive Tat-
       sache, daß  die meisten  ein neues  Sozialistengesetz  [143]  mit
       Hohngelächter, wenn  nicht mit  positivem Jubel begrüßen würden -
       da bekämen sie doch wieder tagtäglich was Neues zu tun!
       Neben unsern  Reichsdeutschen sind  aber  auch  die  Österreicher
       nicht zu  vergessen. Im  ganzen und großen sind sie nicht so weit
       wie die Reichsdeutschen, aber sie sind lebendiger, französischer,
       zu großen  Taten leichter  hinzureißen, aber  auch zu Dummheiten.
       Einzeln genommen  ist mir der Durchschnitts-Östreicher lieber als
       der Durchschnitts-Reichsdeutsche, der Durchschnitts-Wiener Arbei-
       ter als der Berliner, und was die Frauen angeht, so ziehe ich die
       Wiener Arbeiterinnen  bei weitem  vor; die  sind von einer naiven
       Ursprünglichkeit, gegenüber  der die  Berliner reflektierte  Alt-
       klugheit unerträglich  ist. Wenn  die Herren Franzosen sich nicht
       in acht nehmen und bald wieder an ihre alte Tradition der revolu-
       tionären Initiative  anknüpfen,  dann  kann  passieren,  daß  die
       Österreicher ihnen  den Wind  aus den  Segeln nehmen  und bei der
       nächsten Gelegenheit den ersten Anstoß geben.
       Im übrigen  sind Berlin und Wien neben Paris die schönsten Städte
       der Welt  geworden, London wie New York sind Drecknester dagegen,
       namentlich London,  das uns ganz verwunderlich vorkommt seit uns-
       rer Rückkehr.
       Messieurs les  Français 4*) werden im November zeigen müssen, was
       sie  können.  [178]  12  Marxisten  und  4  Blanquisten  [72],  5
       Allemanisten [71]  und 2  Broussisten  [53]  nebst  noch  einigen
       Unabhängigen und  etwa 24 socialistes radicaux 5*) à la Millerand
       sind ein  tüchtiger Klumpen  Hefenpilz in  der Kammer und sollten
       eine  hübsche   Gärung  zustande   bringen,      w e n n      sie
       zusammenhalten. Aber  ob das  geschieht? Die  12  Marxisten  sind
       großenteils  total  unbekannte  Leute,  Lafargue  fehlt,  wogegen
       Guesde drin ist, der ein
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       4*) Die Herren Franzosen - 5*) Radikalsozialisten
       
       #133# 70 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 7. Oktober 1893
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       weit bedeutenderer  Redner, aber  auch ein viel leichtgläubigerer
       Optimist ist.  Ich bin  sehr begierig. Unsre Marxisten hatten vor
       der Wahl schon eine Art Kartell mit Millerand und Co. abgeschlos-
       sen [69], dem jetzt auch die Blanquisten, speziell Vaillant, sich
       durch Mitarbeit  an Millerands  "Petite  Républ[ique]  française"
       sich angeschlossen zu haben scheinen. Auch treten die Blanquisten
       jetzt sehr  entschieden gegen die russische Allianz auf. Aber ich
       habe keine  direkten Nachrichten  über den augenblicklichen Stand
       der verschiednen  Parteien, wahrscheinlich  weil sie  selbst noch
       nicht klarsehn.
       Hoffentlich geht es Dir und Deiner Frau gesundheitlich gut. Herz-
       liche Grüße an Euch beide von
       Deinem F. Engels
       
       De Leon und Sanial sah ich in Zürich. Haben mir nicht imponiert.
       
       [Nachschrift von Louise Kautsky]
       Lieber Herr Sorge,
       Ich möchte  Sie gern  wieder plagen.  Ist es Ihnen möglich, mir 2
       Exemplare von "Woman's Journal" zu senden, oder halten Sie es für
       vorteilhafter, es  direkt für  eine Freundin von mir nach Wien zu
       bestellen - wenn, wie zahlt man dann die Amerikaner am besten und
       an wen  soll ich  mich wenden?  Das ist  aber noch  nicht  alles.
       Bitte, kann ich nicht einmal eine 3-Cents-Kolumbusmarke bekommen,
       wenn es  Ihnen nicht  zu viel  Mühe macht,  dann bitte darum. Ich
       habe soviel Markenabnehmer, die mich darum bestürmen. Besten Dank
       im voraus und die herzlichsten Grüße an Sie und Ihre Frau von
       Ihrer L. K[autsky]

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