Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #134# 71 - Engels an Victor Adler - 11. Oktober 1893
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       71
       
       Engels an Victor Adler
       in Wien
       
       London, 11. Okt. 1893
       Lieber Victor,
       Am 29.  September sind  wir wieder hier angekommen [909 und haben
       uns mit steigender Todesverachtung in den Haufen Arbeit gestürzt,
       den wir vorfanden.
       Die "einen Ringstraßen hinter den anderen" in Berlin des Genossen
       Höger habe  ich zwar  nicht entdecken können, doch ist Berlin von
       außen wirklich  schön, selbst  in den Arbeitervierteln lauter Pa-
       lastfronten. Was aber dahinter ist, davon schweigt man am besten.
       Das Elend  der Arbeiterviertel  ist allerdings  überall, aber was
       mich überwältigt,  ist das "Berliner Zimmer", diese in der ganzen
       übrigen Welt  unmögliche Herberge  der Finsternis,  der stickigen
       Luft, und - des sich darin behaglich fühlenden Berliner Philiste-
       riums. 1*)  Dank' schönstens!  Augusts Wohnung hat keins, sie ist
       die einzige, die mir gefällt, in jeder anderen ging' ich kaputt.
       Dieser Schrei  aus gepreßter  Brust ist  aber nicht der Zweck des
       heutigen Briefes. Sondern vielmehr, Dir und den Wienern zu gratu-
       lieren.
       Zuerst zu  Deiner Schwenderrede,  die wieder  ein Beweis ist, wie
       sehr Du  die vertuckten und verzwackten österreichischen Verhält-
       nisse stets richtig zu fassen und in dem Gewirr stets den leiten-
       den Faden  festzuhalten verstehst.  [179] Und  das ist  gerade im
       jetzigen Moment von der höchsten Wichtigkeit.
       Nämlich zweitens  gratuliere ich  Dir und den Österreichern über-
       haupt zu  dem eklatanten Erfolg, den Eure Wahlrechtsagitation ge-
       habt hat: dem Wahlreformentwurf Taaffes. [180] Hier muß ich etwas
       weiter ausholen.
       Seit ich mir Euer Land und Volk und Eure Regierung angesehen, ist
       mir immer  klarer geworden, daß da für uns ganz besondere Erfolge
       zu holen  sind. Eine  in starker Entwicklung begriffene, aber in-
       folge langjährigen  hohen Zollschutzes  meist  noch  mit  zurück-
       gebliebenen Produktionskräften  arbeitende Industrie  (die böhmi-
       schen Fabrikanlagen, die ich sah, beweisen
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       1*) Siehe vorl. Band. S. 120
       
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       mir das); die Industriellen selbst der Mehrzahl nach - die größe-
       ren meine  ich -  ebensosehr mit der Börse verwachsen wie mit der
       Industrie  selbst;   ein  politisch  ziemlich  indifferentes,  in
       Phäakentum aufgehendes Philistertum in den Städten, das vor allem
       seine Ruh' und seine Genüsse haben will; auf dem Land rapide Ver-
       schuldung,  respektive  Aufsaugung  des  Kleingrundbesitzes;  als
       wirklich herrschende  Klassen den  Großgrundbesitz, der  aber mit
       seiner politischen  Stellung, die  ihm eine  mehr indirekte Herr-
       schaft sichert, ganz zufrieden ist, und eine Großbourgeoisie, we-
       nig zahlreiche haute finance 2*) und damit eng verknüpfte Großin-
       dustrie, deren politische Macht  n o c h  v i e l  i n d i r e k-
       t e r  zur Geltung kommt, die aber ebenfalls damit ganz zufrieden
       ist; unter  den besitzenden  Klassen, also  bei den  Großen, kein
       Wunsch, die  indirekte Herrschaft  in eine  direkte, konstitutio-
       nelle zu verwandeln, und bei den Kleinen kein ernsthaftes Streben
       nach wirklicher  Beteiligung an  der politischen Macht; Resultat:
       Indifferenz und  Stagnation,  die  nur  gestört  wird  durch  die
       Nationalitätskämpfe  der  verschiedenen  Adeligen  und  Bourgeois
       untereinander und durch die Entwicklung des Verbands mit Ungarn.
       Darüber schwebend eine Regierung, die formell nur wenig und meist
       nur scheinbar  in ihren  absolutistischen Gelüsten  gehemmt, auch
       sachlich wenig  Hindernisse findet. Denn sie ist ihrer Natur nach
       konservativ, und  das ist  der Adel, der Bourgeois und der Phili-
       ster bonvivant  auch. Der  Bauer aber kommt bei seiner ländlichen
       Zersplittertheit nicht  zur organisierten Opposition. Was von der
       Regierung verlangt  wird,  ist    l e b e n    u n d    l e b e n
       l a s s e n,   und das hat die österreichische von jeher verstan-
       den. Daher  die, auch aus anderen Gründen erklärliche, aber hier-
       durch auf die Spitze getriebene und zum Prinzip erhobene Fabrika-
       tion von nur papierenen Gesetzen und Vorschriften und die wunder-
       volle administrative  Schlamperei, die  in der  Tat  alles  über-
       trifft, was ich mir davon vorgestellt hatte.
       Nun gut. In einem solchen stagnierenden Staatszustand, wo die Re-
       gierung trotz ihrer überaus günstigen Stellung gegenüber den ein-
       zelnen   K l a s s e n  dennoch in ewigen Schwierigkeiten ist: 1.
       weil diese  Klassen in  x Nationalitäten  geteilt sind und daher,
       gegen die  strategische Regel, vereint marschieren (gegen die Ar-
       beiter), aber  getrennt schlagen  (nämlich aufeinander), 2. wegen
       der ewigen  Finanznot, 3. wegen Ungarn, 4. wegen auswärtiger Ver-
       wicklungen -  kurz in  dieser Situation,  sagte ich mir, muß eine
       Arbeiterpartei, die  ein Programm  und eine Taktik hat, die weiß,
       was sie  will und  wie sie es will, die die hinreichende Willens-
       kraft hat und dazu das
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       2*) Hochfinanz
       
       #136# 71 - Engels an Victor Adler - 11. Oktober 1893
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       lustige, erregbare, der glücklichen kelto-germano-slawischen Ras-
       senmischung mit Vorwiegen des deutschen Elements geschuldete Tem-
       perament -  die muß da nur die hinreichende Fähigkeit entwickeln,
       um ganz besondere Erfolge zu erlangen. Unter lauter Parteien, die
       nicht wissen,  was sie wollen, und einer Regierung, die ebenfalls
       nicht weiß,  was sie will, und von der Hand in den Mund lebt, muß
       eine Partei,  die weiß,  was sie will, und dies mit Zähigkeit und
       Ausdauer will, schließlich immer siegen. Und dies um so mehr, als
       alles, was die österreichische Arbeiterpartei [181] will und wol-
       len   k a n n,   nur das ist, was die fortschreitende ökonomische
       Entwicklung des Landes ebenfalls verlangt.
       Hier also  ist die  Lage eine  so günstige für rasche Erfolge wie
       nirgendwo, selbst  in Deutschland,  wo die  Entwicklung zwar  ra-
       scher, und  die Partei stärker, aber auch der Widerstand weit fe-
       ster. Dazu  kommt noch  eins: der herabgekommene Großstaat Öster-
       reich schämt  sich noch vor Europa, ein Gefühl, das dem heraufge-
       kommenen Kleinstaat  Preußen stets  fremd geblieben ist. Und seit
       man 1866  in die Reihe der "modernen" Staaten eingetreten, schämt
       man sich in Österreich auch von wegen  i n n e r e r  Blößen, was
       beim offen  reaktionären Österreich  von früher  nicht nötig war.
       Ja, je weniger man Lust hat, wirklich ein moderner Staat zu sein,
       desto mehr  möchte man einer scheinen, und je strammer sich die -
       dort weit mehr als in Österreich gebändigte - Reaktion in Preußen
       auf die  Hinterbeine bäumt,  desto liberaler  stillt man sich aus
       Schadenfreude in Österreich.
       Nun nähert sich die europäische Lage - ich meine die  i n n e r e
       der einzelnen  Staaten - immer mehr der von 1845. Das Proletariat
       nimmt mehr und mehr die Stellung ein wie dazumal die Bourgeoisie.
       Damals fingen die Schweiz und Italien an; die Schweiz mit dem in-
       nern Krakeel  der demokratischen und katholischen Kantone, der im
       Sonderbundskrieg zum Austrag kam [182]; Italien mit Pio Nonos li-
       beralen Versuchen,  den liberalnationalen  Wandlungen in Toskana,
       den kleinen  Herzogtümern, Piemont, Neapel, Sizilien; der Sonder-
       bundskrieg und das Bombardement von Palermo [183] wurden bekannt-
       lich die  unmittelbaren Vorspiele  der Pariser  Februarrevolution
       1848.
       Heute, wo  die Krisis  auch schon  in fünf  bis sechs Jahren reif
       werden kann,  scheint Belgien  die Rolle  der Schweiz, Österreich
       die von Italien, und Deutschland die von Frankreich übernehmen zu
       wollen. Der Wahlrechtskampf fängt in Belgien an [184] und wird in
       großartigem Maßstab aufgenommen von Österreich. Daß die Sache mit
       einer beliebigen  halben Wahlreform abgemacht werden könne, davon
       kann keine  Rede sein;  ist der  Stein einmal im Rollen, so wirkt
       der Anstoß nach allen Seiten fort, und ein
       
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       Land wirkt  dann sofort aufs andere. Neben der Möglichkeit großer
       Erfolge ist  also auch die Gelegenheit, also auch die Wahrschein-
       lichkeit gegeben.
       Das ist  so ungefähr  der Inhalt dessen, was ich gestern nachmit-
       tags der  Louise als meine Ansicht vom nächsten Beruf Österreichs
       auseinandersetzte. Und  abends 8  Uhr brachte  der "Evening Stan-
       dard" die  - noch ganz unbestimmt gehaltene - Nachricht von Taaf-
       fes Kapitulation,  und heute  kennen wir den Vorschlag wenigstens
       in seinen allgemeinsten Umrissen. Nun, jetzt  i s t  der Stein im
       Rollen, und  Ihr werdet  schon dafür sorgen, daß kein Moos darauf
       wächst. Ich  will über den Entwurf nichts sagen, ehe ich mehr da-
       von weiß,  nur das  scheint mir  sicher, daß Taaffe à la Bismarck
       die städtische  Repräsentation aus  einer liberalen  in eine  ge-
       teilte verwandeln,  die Arbeiter gegen die Bourgeoisie ausspielen
       will. Das  kann uns  soweit recht  sein; die Liberalen und andere
       Bourgeoisparteien werden  versuchen, die  Zulassung zum Wahlrecht
       noch mehr zu beschneiden, so daß Ihr in die angenehme Lage kommen
       könnt, den  biederen Taaffe gegen sein Parlament zu unterstützen.
       Jedenfalls ist  die Abschlagszahlung  schon  anzunehmen,  und  so
       wirst Du  wohl, ehe  ich wiederkomme,  wohlbestallter Reichsrats-
       abgeordneter sein.  Der "Daily  Chronicle" spricht  schon von  20
       s i c h e r e n   Arbeitervertretern. Mit 20 und selbst mit weni-
       ger ist  der Reichsrat  eine ganz andere Körperschaft als bisher.
       Die Herren  werden sich  wundern über  das Leben, was dann in die
       wackelige Bude  kommt. Und  wenn es  gelingt, neben den deutschen
       ein paar tschechische Leute hineinzubringen, dann wird der Natio-
       nalitätenhader einen  Damm vorgesetzt bekommen, und Jungtschechen
       und Alttschechen  [185] und  Deutschnationale werden einander mit
       ganz anderen Augen ansehen. Hier kann man sagen: vom Eintritt der
       ersten Sozialdemokraten in den Reichsrat datiert eine neue Epoche
       für Österreich.
       Und das habt Ihr fertiggebracht, und weil jetzt diese neue Epoche
       anbricht, deshalb  sind wir  alle froh,  daß wir  einen so klaren
       Kopf in den Reichsrat bekommen wie Dich.
       Herzliche Grüße von Louise und
       Deinem F. Engels
       
       Gruß von  Louise an Dich und auch von mir an Popp, Reumann, Adel-
       heid, Ulbing und tutti quanti.
       
       Nach: Victor Adler,
       "Aufsätze, Reden und Briefe",
       Heft I, Wien 1922.

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