Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #138# 72 - Engels an August Bebel - 12. Oktober 1893
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       72
       
       Engels an August Bebel
       in Berlin
       
       London, 12. Okt. 93
       Lieber August,
       Wir schicken  Dir die  Reevessche Ausgabe von "Woman". [175] Nach
       meiner Auffassung  ist die  j u r i s t i s c h e  Lage (auf die,
       einem Kerl  wie R[eeves]  gegenüber, es allein ankommen kann) die
       folgende:
       1. Das internationale  Autorrecht gegenüber  einem Übersetzer ist
       geschützt auf  3 Jahre  nach Erscheinen  des Originals, aber nur,
       wenn schon im  e r s t e n  Jahr ein  A n f a n g  mit Veröffent-
       lichung einer vom Autor genehmigten Übersetzung wirklich erschie-
       nen. Danach  wäre Dir jedes Klagerecht abgeschnitten, falls nicht
       die Walthersche  Übersetzung innerhalb  eines Jahrs  nach dem Er-
       scheinen einer  deutschen Neuauflage,  die  w e s e n t l i c h e
       Ä n d e r u n g e n   und Zusätze gegen frühere enthielt, heraus-
       gekommen ist; was schwerlich der Fall war.
       2. Bliebe das  Klagerecht der Frau A[dams] Walther. Ob diese eins
       hat, hängt  davon ab,  ob sie  bei Veröffentlichung der 1. engli-
       schen Ausgabe das literarische Eigentum sich reserviert hat, oder
       ob sie  es ausdrücklich oder stillschweigend an die Modern Press,
       den Verleger,  abgetreten. Dies  wäre festzustellen.  Hat sie  es
       nicht ausdrücklich  reserviert, so  ist 10 gegen 1 zu wetten beim
       Stand der  hiesigen Gesetzgebung,  daß es  stillschweigend in die
       Hände des Verlegers übergegangen ist und sie auch kein Recht mehr
       hat.
       3. Dieser, ein  gewisser Foulger,  hat, soviel ich weiß, sein Ge-
       schäft längst  einstellen müssen  und war  gewiß froh, mit Reeves
       irgendein Abkommen zu schließen.
       Hiernach ist  es fast  sicher, daß  Du juristisch  nichts  machen
       kannst, und nicht sehr wahrscheinlich, daß Frau A[dams] W[alther]
       etwas machen  kann, doch  wäre dies noch festzustellen. Kannst Du
       mir Abschrift  der Abmachung  zwischen Frau W[alther] und der Mo-
       dern Press  besorgen, so könnte ich einen Advokaten, falls nötig,
       konsultieren. Wenn  aber die  Sache nicht  s e h r  k l a r,  ist
       mit einem  Burschen wie Reeves nichts zu machen, er ist durch und
       durch unskrupulös in seinen Geschäftsspekulationen, und Geld
       
       #139# 72 - Engels an August Bebel - 12. Oktober 1893
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       aus ihm herauszuschlagen fast unmöglich; ich habe leider auch mit
       ihm zu  tun gehabt,  selbst ein angedrohter Prozeß hilft da nicht
       viel; solche  Burschen übertragen  in ähnlichen  Fällen alles auf
       den  Namen   ihrer  Frau  oder  fabrizieren  eine  bill  of  sale
       (Verschreibung ihres Lagerbestands usw. auf einen fingierten oder
       wirklichen Gläubiger).
       Gestern erhielten wir hier zwei famose Nachrichten.
       Erstens den  Anfang des  Endes vom Kohlenstreik. Nachdem der Aus-
       schluß der  Arbeiter, den die  g r o ß e n  Grubenbesitzer am 28.
       Juli ins  Werk gesetzt, um 1. die Preise zu steigern und die Pro-
       duktion einzuschränken,  2. um ruinöse Kontrakte auf Jahresliefe-
       rung an  Gasanstalten und andre städtische Werke, die sie leicht-
       sinnig eingegangen,   u n g e s t r a f t    b r e c h e n    z u
       k ö n n e n,   weil in  allen  solchen  Kontrakten    S t r i k e
       d e n   K o n t r a k t b r u c h   e n t  s c h u l d i g t,  3.
       die Löhne  zu drücken  und 4. die kleinen Zechen zu ruinieren und
       sie wohlfeil  aufzukaufen - dies wird mehr und mehr stehendes Mo-
       tiv aller  großen lock-outs  1*) -, nachdem also dieser Ausschluß
       über 2 Monate gedauert und die öffentliche Meinung auch der unter
       dem Kohlenmangel  leidenden Bourgeois sich gegen die Zechenbesit-
       zer zu wenden anfing, kam die Krisis. Mit der ersten Oktoberwoche
       lief die  Übereinkunft ab,  wodurch die  Zechenbesitzer sich  bei
       Strafe von  £ 1000  verpflichtet, ihre  Gruben nur  zu der vollen
       Lohnherabsetzung von  25% (auf den seit 1889 gewonnenen Aufschlag
       von 40% des alten Lohns, also zum Lohn von 1889 plus 15%) und bei
       Beendigung des  Strikes durch das Zechenkomitee wieder zu öffnen.
       Sofort fielen eine ganze Reihe der kleineren Zechen ab und nahmen
       die Arbeit auf zum Lohn von  v o r  Juli (also Lohn von 1889 plus
       40% Zuschlag).  Da traten  die Bürgermeister  der  Hauptorte  des
       Yorkshire und  Midland Kohlenbezirks  zusammen und  machten einen
       Vermittlungsvorschlag, der faktisch auf eine Lohnherabsetzung von
       10% herauskam.  Das war gefährlich, wenn die Masters annahmen; es
       konnte die  Arbeiter in die Zwickmühle bringen, entweder auch an-
       zunehmen oder die schlappe öffentliche Meinung, die ja jeden Kom-
       promiß bewundert,  gegen sich aufzubringen. Glücklicherweise aber
       lehnten die  Masters in  ihrer Verblendung  - die  großen an  der
       Spitze -  sofort ab,  und nun wurde der Zusammenbruch ihres Rings
       in 24  Stunden offenbar. Seit gestern sind 30-40000 Bergleute zum
       Lohn von  v o r  J u l i,  also unter vollständiger Preisgabe der
       Forderungen der Masters, wieder in Arbeit getreten, und der Klad-
       deradatsch des  Kohlenrings ist  entschieden. Dies  ist das erste
       Beispiel, daß ein von den Masters selbst, zu dem von ihnen selbst
       gewählten Zeitpunkt in Szene gesetzter
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       1*) Aussperrungen
       
       #140# 72 - Engels an August Bebel - 12. Oktober 1893
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       großer Strike  so vollständig fehlgeschlagen ist, und darin liegt
       seine Bedeutung.  Sie werden's  so bald  nicht wieder  versuchen,
       aber auch  die Arbeiter  haben derart  gelitten und solches Elend
       durchgemacht, daß  ihnen die  Lust zu  einem "allgemeinen Strike"
       wohl etwas vergangen sein wird.
       (Soeben kommt Dein und Julies Brief.)
       Die zweite  Nachricht war  die vom  neuen östreichischen  Wahlge-
       setzentwurf [180].  Das ist ein brillanter Sieg unsrer Leute, und
       ich habe Victor sogleich dazu gratuliert. 2*) "Daily News" meint,
       die Wählerzahl  in Wien werde von 80 000 auf 350 000 steigen, und
       "Chronicle" schätzt  die Zahl für ganz Österreich dann auf 3 Mil-
       lionen -  das sind  natürlich Schätzungen aus Wiener Quellen. Je-
       denfalls eine Abschlagszahlung, die schon mitzunehmen ist, auf 20
       sozialdemokratische  Abgeordnete  rechnen  die  Wiener  Bourgeois
       jetzt schon.
       Wahrscheinlich genug,  daß Taaffe  auf Verschlimmbesserung seines
       Entwurfs durchs  Parlament rechnet,  aber das  ist  eine  gewagte
       Rechnung, und unsre Leute werden schon dem ein Stöckchen vorstec-
       ken. Kostbare Ironie der Geschichte, wenn unsre Leute in den Fall
       kommen, den  Premierminister gegen  sein Parlament und gegen sein
       eigenes geheimes  Selbst schützen  zu müssen! Die Hauptsache ist,
       daß der  Stein einmal ins Rollen gebracht ist; unsre Bewegung ist
       stark genug  in Österreich,  um ihn vor dem Stillhalten zu bewah-
       ren. Und  Taaffe kann  nicht gut  Demonstrationen   f ü r  seinen
       Vorschlag unterdrücken.
       Mein Eindruck von Österreich ist überhaupt der, daß wir dort noch
       viel Freude  in der  nächsten Zeit erleben werden. Bei der allge-
       meinen Erschlaffung aller Parteien, bei der allgemeinen Ratlosig-
       keit, dem Nationalitätenhader, bei einer Regierung, die nie weiß,
       was sie  will, und nur von der Hand in den Mund lebt, bei der nur
       papiernen  Existenz  der  meisten  Gesetze  und  der  allgemeinen
       Schlamperei der  Verwaltung, von  der ich  erst durch  den Augen-
       schein eine wirkliche Vorstellung bekommen -, da muß eine Partei,
       die weiß, was sie will und wie sie es will, und die dies wirklich
       will und  die hinreichende Zähigkeit besitzt, auf die Dauer unwi-
       derstehlich sein,  besonders wenn,  wie der  Fall ist,  alle ihre
       Forderungen sich in der Richtung bewegen wie die ökonomische Ent-
       wicklung des Landes selbst und nur ihr politischer Ausdruck sind.
       Unsre Partei  ist in Österreich [181] die einzige lebendige Kraft
       auf dem  politischen Gebiet,  die andern sind passive Widerstände
       oder stets  ermattende Anläufe,  und dies gibt uns eine ausnahms-
       weise günstige  Stellung in Österreich. Dazu kommt, daß die wech-
       selnden
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       2*) siehe vorl. Band, S. 134
       
       #141# 72 - Engels an August Bebel - 12. Oktober 1893
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       Gruppierungen der bürgerlichen Parteien es der Regierung von Zeit
       zu Zeit  unmöglich machen, konservativ zu sein, und daß, wenn sie
       aufhört konservativ zu sein, sie einfach unberechenbar wird, eben
       weil die  Parteigruppierungen, mit  denen sie  rechnen soll, auch
       unberechenbar sind.  Und dann  ist die  österreichische Regierung
       die eines  zwar heruntergekommnen Großstaats, aber immer noch ei-
       nes Großstaats,  und ist, gegenüber der des emporgekommnen Klein-
       staats Preußen,  immer noch großartiger Entschlüsse fähig, in den
       Momenten, wo  ihr der  Konservatismus, das einfache Festkleben am
       Bestehenden, unmöglich  wird. So  erkläre ich mir den "Sprung ins
       Dunkle" des Herrn Taaffe.
       Nun kommt  hinzu, daß das Anschwellen der proletarischen Bewegung
       in allen  Ländern auf eine Krise hinarbeitet, und daß also die in
       e i n e m  Land eroberten Erfolge auf alle andern mächtig zurück-
       wirken. Die Wahlrechtsbewegung erfocht den ersten Sieg in Belgien
       [184], jetzt  folgt Österreich,  das  sichert  uns  zunächst  die
       E r h a l t u n g   des allgemeinen Stimmrechts, spornt aber auch
       zu weitern Ansprüchen an - bei uns wie in Frankreich und Italien.
       Die Februarrevolution  [180] wurde  vorbereitet durch die inneren
       Kämpfe der  Schweiz und  die konstitutionellen Umschwünge in Ita-
       lien, bis  der Sonderbundskrieg  [182] und  das Bombardement  von
       Messina durch  die Neapolitaner  [183] (Febr. 1848) das unmittel-
       bare Signal  zum Ausbruch  der Pariser Revolution gaben. Wir sind
       vielleicht noch  5-6 Jahre vor der Krise, aber mir kommt vor, als
       sollten Belgien  und namentlich  Österreich diesmal die vorberei-
       tende Rolle  spielen zu der Entscheidung, die diesmal in Deutsch-
       land fallen wird.
       Daß die  Sache in Österreich nicht wieder einschlafen wird, dafür
       werden unsre Leute dort schon sorgen. Der österreichische Reichs-
       rat ist  ein noch  unendlich versumpfterer  Froschteich  wie  der
       deutsche Reichstag  und selbst die sächsische oder bayrische Kam-
       mer. Die Gegenwart von einem Dutzend sozialistischer Abgeordneter
       wird dort noch ganz anders einschlagen als bei uns, und besondres
       Glück haben  wir dabei,  daß wir  an Victor einen Kerl haben, der
       die österreichischen verzwackten Verhältnisse so klar durchschaut
       und so  scharf zu analysieren versteht. Seine Rede in der letzten
       "Arbeiter-Zeitung" ist ein wahres Prachtstück. [179]
       Ede und  Gina waren  heut morgen hier. Er ist noch gar nicht, wie
       er sein soll, hat die Manie der Kleinkrämereien und erinnert mehr
       und mehr an die Weisheit seines "Volks-Zeitungs"-Onkels 3*) - ich
       meine oft,  ich habe  den alten  Aaron leibhaftig  vor  mir.  Die
       Schweizer Geschichte hat er sich
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       3*) Aaron Bernstein
       
       #142# 72 - Engels an August Bebel - 12. Oktober 1893
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       selbst verdorben:  man hatte  ihm in Bern gesagt, einen würde man
       wohl hineinlassen,  zwei aber auf einmal nicht - da war seine Po-
       litik doch  klar: den kranken Julius vorzuschieben und dann, nach
       6 Monaten, sich hierauf stützend, wiederzukommen; dann konnte man
       ihn schwerlich  oder doch nur für kurze Zeit abweisen. Aber seine
       Ungeduld litt  das nicht. Das schönste ist, daß er jetzt manchmal
       sagt,  e r  bliebe lieber hier, nur Gina dränge nach der Schweiz.
       Sein Traum  ist und  bleibt die  Rückkehr nach  Berlin, er bildet
       sich wirklich  ein, er könne das fertigbringen und verhandelt mit
       allen Juristen darüber. Abwarten!
       Wenn Schlüter gescheit ist, so tut er sich selbst und seiner Frau
       den Gefallen und läßt die Scheidung einleiten. Ein solcher Prozeß
       gegen eine   a b w e s e n d e   Frau  wegen böslicher Verlassung
       hat für beide Teile wenig unangenehme Seiten, und die volle Frei-
       heit muß  ihm selbst doch auch erwünscht sein. Allerdings pflegte
       er sich  auch sonst  die Freiheit  selbst zu  nehmen, wo  er  nur
       konnte. Im  übrigen ist  es immer  erfreulich zu  hören, daß eine
       Frau, die  man kennt, sich zur Selbständigkeit aufrafft. Der Ent-
       schluß, sich endgültig von ihrem Hermann zu trennen, mag ihr sehr
       lange Kämpfe  mit sich  selbst gekostet und damit ihren Charakter
       früher als  unentschlossen haben  erscheinen lassen. Was für eine
       Verschwendung von Energie doch die bürgerliche Ehe ist - erst bis
       man soweit ist, dann solang der Kram dauert, und dann bis man sie
       wieder los ist.
       Eben sind  wir von  einem Gang  durch den Park zurück, prächtiges
       Herbstwetter, hübscher Sonnenuntergang bei wolkenlosem Himmel und
       schöne Laubfärbung. Unten wird der Tisch gedeckt, es gibt walisi-
       sche Hammelkeule  als Wildbraten  behandelt und  die bewußten Nu-
       deln. Darum  eile ich zum Schluß. Louise und ich danken Julie für
       ihre lieben  Briefe und behalten uns deren Beantwortung auf näch-
       stens vor. Herzliche Grüße von uns beiden an Euch beide, ditto an
       Singer und  Schwester, Liebknechts  und alle  die lieben Freunde,
       deren Namen  ich nur  nicht aufzählen kann, weil sonst der Braten
       kalt wird.
       Dein F. Engels

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