Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#143# 73 - Engels an Paul Lafargue - 13. Oktober 1893
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Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux
London, den 13. Okt. 1893
Mein lieber Lafargue,
Ist die Korrespondenz aus Paris im heutigen "Vorwärts" von Ihnen?
[187] Und zwar frage ich deshalb:
Als ich in Berlin war, sagte mir Liebk[necht], daß er Sie als
Korrespondent für den "V[or]wärts" verpflichten wolle, das Geld
dafür aber noch vom Parteikomitee bewilligt werden müßte; indes-
sen hat er mich gebeten, Ihnen zu sagen, daß es sich um eine re-
gelmäßige Arbeit handeln würde, und zwar um Briefe, die zu einem
vereinbarten Termin, einmal wöchentlich zum Beispiel, oder alle
vierzehn Tage, eingesandt werden sollen, was er bisher bei seinen
französischen Korrespondenten nicht erreichen konnte. Ich habe
ihm versprochen, Ihnen diesbezüglich zu schreiben, sobald er mir
mitteilen würde, daß die Sache zwischen Ihnen beiden beschlossen
ist.
Ich habe die Gelegenheit benutzt, um ihm meine Meinung darüber zu
sagen, daß er jeden antirussischen Artikel Vaillants [188] für
wichtig hält und immer wörtlich abdruckt, während die bedeutend
besseren antirussischen Artikel, die "Le Socialiste" seit langem
veröffentlicht, von ihm fast unbeachtet blieben. Er entschuldigte
sich und versprach, sich zu bessern.
Aber hinsichtlich Ihrer Korrespondenz hat er mir noch kein Wort
geschrieben und fährt fort, die Erklärungen der Blanquisten zu
übersetzen und viel Wesens von ihnen zu machen; er hat sogar den
Chauvière übersetzt.
Außerdem hat er einen Artikel des kleinen Arndt abgedruckt [189],
obwohl dieser in Zürich immer mit Argyriadès und Co. gegen die
Deutschen gestimmt hat. [156] Und Arndt gehört zum revolutionären
Zentralkomitee der Blanquisten.
Sie sehen also, daß L[ie]bk[necht] stark zu den Blanquisten [72]
hinneigt, ich suche keineswegs nach den Gründen dafür, ich stelle
nur die Tatsache fest. Es ist also wichtig, daß Sie, trotz Lieb-
knecht, alles tun, um die Position, die Sie der deutschen Partei
gegenüber immer eingenommen haben, aufrechtzuerhalten: die Posi-
tion ihres Hauptverbündeten in Frankreich, der ein Recht darauf
hat, als erster in den Beziehungen der deutschen Partei zu
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den französischen Sozialisten im allgemeinen berücksichtigt zu
werden. Und deshalb ist es notwendig, daß Sie im "Vorwärts" ver-
treten sind, damit die Pariser Korrespondenz wenigstens zum Teil
in Ihren Händen liegt.
Jetzt wird die Sache nicht mehr von der Redaktion allein ent-
schieden. Der Parteivorstand hat ein Wort mitzusprechen. Und ich
bin überzeugt, daß Sie dort, wenn notwendig, Unterstützung finden
werden. Selbstverständlich werde ich mein Möglichstes tun, um das
enge Bündnis zwischen der deutschen Partei und Ihrer Partei in
Frankreich weiterhin zu sichern (das verpflichtet Sie nicht, ihr
Geld zu nehmen, das könnte immer an die Blanquisten gehen, wenn
Sie, wie Sie sagen, es nicht mehr wollen; die werden es mit Ver-
gnügen nehmen). [190] Teilen Sie mir also mit, wie weit Sie mit
L[ie]bk[necht] hinsichtlich Ihres Engagements als ständiger
Korrespondent des "Vorwärts" gekommen sind; aber unverzüglich,
denn wenn es Schwierigkeiten gibt, müßte ich v o r dem Partei-
tag in Köln, vor dem 22. dieses Monats [191], eingreifen.
Nach dem, was im "Socialiste" stand, rechnete ich mit 12 Abgeord-
neten von uns. Ehrlich gesagt, hatte ich meine Zweifel an ihrer
Zuverlässigkeit, da ich mehr als die Hälfte nicht einmal dem Na-
men nach kenne. Aber Ihrem Brief nach zu urteilen, scheinen auch
Sie von weit mehr als der Hälfte nicht zu wissen, ob sie zu uns
gehören oder nicht. Das ist bedauerlich. Mit 12 zuverlässigen,
von Guesde geführten Leuten hätten wir die Blanquisten, Allemani-
sten usw. bald gezwungen, uns zu folgen. Aber wenn wir nur über
ein halbes Dutzend zuverlässiger Leute verfügen, dann müssen wir
diese Herren als gleichberechtigt betrachten, und dann bestände
die alte Zersplitterung weiter, oder aber, wenn eine Einigung zu-
stande käme, geschähe das nur auf Kosten der Aufgabe von Prinzi-
pien.
Es ist richtig, daß Vaillant nach seiner Wahl viel vernünftiger
scheint als vor sechs Monaten; aber wird er immer der Mehrheit in
seinem Zentralkomitee sicher sein? Oder wird er, um sie sich zu
sichern, gezwungen sein, in wichtigen Punkten seine persönlichen
Ansichten den Vorurteilen dieser Dummköpfe von Verschwörern zu
opfern?
Schade, daß Sie in Lille geschlagen worden sind. Sie haben sich
für die Partei geopfert. Statt Ihre Wähler durch beständige Par-
lamentstätigkeit für sich einzunehmen, sind Sie herumgereist und
haben Wähler f ü r d i e a n d e r e n gesammelt. Wir brau-
chen Sie jedoch auch in der Kammer; ich hoffe, daß Sie den ersten
vakanten Sitz erhalten.
Wird die neue Zeitung wie die letzte sein, "pour paraître en
octobre" ? [192] Wird Euch nicht "La Petite Rép[ublique]
fr[ançaise]" den Weg versperren? Das ist auch eines der Ergeb-
nisse der Allianz Millerand-Goblet [193]; Ihr
#145# 73 - Engels an Paul Lafargue - 13. Oktober 1893
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habt Ihnen viel mehr geholfen, als sie Euch. Millerand geht noch,
aber Goblet!! ein Ex-Minister, und Kandidat für die Präsident-
schaft des Rats!!
Morgen werde ich Laura ein paar Zeilen über g e s c h ä f t-
l i c h e D i n g e schreiben heute komme ich nicht mehr dazu.
Den ganzen Morgen hat man mich unterbrochen, und jetzt ist es
schon nach 5 Uhr. Also umarmen Sie Laura für mich.
Grüße von Louise.
Freundschaftlichst Ihr F. E.
Aus dem Französischen.
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