Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#148# 75 - Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson - 17.10.1893
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Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson
in Petersburg
London, 17. Oktober 1893
Werter Herr,
Als ich Ihren Brief vom 26. Juli erhielt, der mir Ihre Rückkunft
anzeigte, schickte ich mich gerade an, für zwei Monate nach dem
Kontinent zu reisen, und ich bin eben erst zurückgekommen [90].
Das ist der Grund meines langen Schweigens.
Vielen Dank für die Exemplare der "??????" [196], von denen ich
drei an Freunde, die es zu schätzen wissen, geschickt habe. Ich
freue mich zu sehn, daß das Buch beträchtliche Aufregung verur-
sacht, ja sogar Sensation gemacht hat, wie es das durchaus ver-
diente. Unter den Russen, die ich getroffen habe, bildete es das
Hauptgesprächsthema. Erst gestern schreibt einer von ihnen 1*): ?
???? ?? ???? ????? ????? ? "???????? ??????????? ?? ??????" 2*).
Im Berliner "Sozialpolitischen Centralblatt" *) hat ein Herr P.
v. Struve einen langen Artikel über Ihr Buch veröffentlicht. In
einem Punkt muß ich ihm zustimmen: Auch mir erscheint die gegen-
wärtige kapitalistische Phase der Entwicklung in Rußland als eine
unvermeidliche Folge der historischen Bedingungen, die der Krim-
krieg geschaffen hat, des Weges, auf dem 1861 die Umwälzung in
den Agrarverhältnissen zustande kam, und der politischen Stagna-
tion in Europa im allgemeinen. Entschieden unrecht hat er, wo er
den gegenwärtigen Zustand Rußlands mit dem der Vereinigten Staa-
ten vergleicht, um das zu widerlegen, was er Ihre pessimistischen
Zukunftsansichten nennt. Er sagt, die üblen Folgen des modernen
Kapitalismus in Rußland werden ebenso leicht überwunden werden
wie in den Vereinigten Staaten. Hier vergißt er ganz, daß die USA
von allem Anfang an modern, bourgeois waren; daß sie von Klein-
bürgern und Bauern
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*) III. Jahrgang, Nr. 1, 2. Okt. 3*) 1893
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1*) J.P. Goldenberg - 2*) Bei uns in Rußland wird gestritten über
das "Schicksal des Kapitalismus in Rußland" - 3*) in der Hand-
schrift: 1. Okt.
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gegründet wurden, die dem europäischen Feudalismus entflohen, um
eine rein bürgerliche Gesellschaft zu errichten. Dagegen haben
wir in Rußland ein Fundament von primitiv-kommunistischem Charak-
ter, eine noch aus der Zeit vor der Zivilisation stammende Gen-
tilgesellschaft 4*), die zwar schon in Trümmer fällt, aber immer
noch als Fundament, als Material dient, auf und mit dem die kapi-
talistische Revolution (denn es ist eine wirkliche soziale Revo-
lution) wirkt und operiert. In Amerika gibt es seit mehr als ei-
nem Jahrhundert Geldwirtschaft 5*), in Rußland war fast aus-
nahmslos Naturalwirtschaft 6*) die Regel. Deshalb ist es selbst-
verständlich, daß die Umwälzung in Rußland weit heftiger, weit
einschneidender und von unermeßlich größern Leiden begleitet sein
muß als in Amerika.
Doch bei alledem scheint mir, daß Sie die Sache düstrer sehen,
als die Tatsachen es rechtfertigen. Ohne Zweifel kann sich der
Übergang von einem primitiven Agrarkommunismus zum kapitalisti-
schen Industrialismus nicht vollziehen ohne eine gewaltige Umwäl-
zung der Gesellschaft, nicht ohne das Verschwinden ganzer Klassen
und ihre Umwandlung in andere Klassen; und was für ungeheure Lei-
den, welche Vergeudung von Menschenleben und Produktivkräften
dies notwendigerweise mit sich bringt, haben wir - in kleinerm
Maßstabe - in Westeuropa gesehen. Aber von da bis zum vollständi-
gen Ruin einer großen und hochbegabten Nation ist noch ein weiter
Weg. Die schnelle Bevölkerungszunahme, an die Sie sich gewöhnt
haben, mag gehemmt werden; die rücksichtslose Abholzung, verbun-
den mit der Expropriation der alten ???????? 7*) wie der Bauern,
mag eine kolossale Verschwendung von Produktivkräften verursa-
chen; aber trotz alledem wird eine Bevölkerung von mehr als 100
Millionen schließlich einen sehr beträchtlichen inneren Markt für
eine sehr ansehnliche grande industrie 8*) schaffen, und bei Ih-
nen wie anderswo werden die Dinge schließlich ihr eignes Niveau
finden - falls der Kapitalismus in Westeuropa lange genug durch-
hält.
Sie geben selbst zu, daß "die sozialen Bedingungen in Rußland
nach dem Krimkrieg nicht günstig waren für die Entwicklung der
Produktionsweise, die uns durch unsre geschichtliche Vergangen-
heit überliefert worden ist". Ich würde weiter gehn und sagen,
daß es in Rußland ebensowenig wie anderswo möglich gewesen wäre,
eine höhere Gesellschaftsform aus dem primitiven Agrarkommunismus
zu entwickeln, es sei denn, daß diese höhere Form in einem andern
Land s c h o n e x i s t i e r t hätte, so daß sie als
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4*) In der Handschrift deutsch: Gentilgesellschaft - 5*) in der
Handschrift deutsch: Geldwirtschaft - 6*) in der Handschrift-
deutsch: Naturalwirtschaft - 7*) Gutsbesitzer - 8*) große Indu-
strie
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Vorbild hätte dienen können. Da diese höhere Form, wo immer sie
historisch möglich wird, die notwendige Folge der kapitalisti-
schen Produktionsweise und des durch sie hervorgerufnen sozialen
dualistischen Antagonismus ist, konnte sie nicht direkt aus der
Dorfgemeinde entwickelt werden, es sei denn in Nachahmung eines
schon irgendwo existierenden Beispiels. Wäre der Westen Europas
1860-70 für eine solche Umwandlung reif gewesen, wäre diese Um-
wälzung dann in England, Frankreich usw. in Angriff genommen wor-
den, dann wäre es an den Russen gewesen zu zeigen, was aus ihrer
Gemeinde, die damals noch mehr oder weniger intakt war, hätte ge-
macht werden können. Aber der Westen blieb stehn, keinerlei der-
artige Umwandlung wurde versucht, und der Kapitalismus wurde im-
mer schneller entwickelt. Da nun Rußland keine Wahl hatte als
die, entweder die Gemeinde zu einer Produktionsweise zu entwic-
keln, von der es durch eine Reihe historischer Stadien getrennt
war und für die selbst im Westen die Bedingungen damals nicht
reif waren - offensichtlich eine unmögliche Aufgabe -, oder aber
sich zum Kapitalismus zu entwickeln, was blieb ihm andres als die
letzte Möglichkeit?
Was die Gemeinde betrifft, so ist sie nur möglich, solange ihre
Mitglieder sich in bezug auf ihren Wohlstand nur wenig voneinan-
der unterscheiden. Sobald diese Unterschiede groß werden, sobald
einige ihrer Mitglieder die Schuldsklaven der reichern Mitglieder
werden, kann sie nicht länger leben. Die ?????? 9*) und ???????
10*) Athens vor Solon haben die athenische g e n s mit dersel-
ben Unbarmherzigkeit zerstört, mit der diese Elemente in Ihrem
Lande die Gemeinde zerstören. Ich fürchte, diese Institution ist
zum Untergang verurteilt. Aber andrerseits eröffnet der Kapita-
lismus neue Aussichten und neue Hoffnungen. Sehen Sie sich an,
was er im Westen getan hat und tut. Eine große Nation wie die
Ihre überlebt jede Krise. Es gibt kern großes historisches Übel
ohne einen ausgleichenden historischen Fortschritt. Nur der modus
operandi 11*) hat sich geändert. Que les destinées s'accomplis-
sent! 12*)
Immer der Ihre.
Sobald Bd. III 13*) in Druck ist, werde ich daran denken, Ihnen
Korrekturbogen zu schicken.
Aus dem Englischen.
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9*) Kulaken - 10*) Ausbeuter - 11*) die Handlungsweise - 12*) Mö-
ge sich das Schicksal erfüllen! - 13*) des "Kapitals"
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