Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #153# 77 - Engels an August Bebel - 18.-21. Oktober 1893
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       Engels an August Bebel
       in Köln
       
       London, 18. Okt. 93
       Lieber August,
       Ich erhalte  soeben die  Anzeige, daß  der Verlag  des "Vorwärts"
       etc. "beabsichtigt",  den "Anti-Dühring" neu aufzulegen, und for-
       dert man  mich bloß  auf, der Neuauflage einige kurze Bemerkungen
       hinzuzufügen. Was  ich selbst  etwa "beabsichtige",  danach werde
       ich gar nicht gefragt.
       Nun erinnerst  Du Dich, daß wir auf der Reise [90] abmachten, den
       "Anti-Dühring" an  Dietz zu  geben, dafür die kleineren populären
       Sachen dem  "Vorwärts". Ich werde also die Herren in Berlin hier-
       von vorläufig  in Kenntnis setzen, damit sie sich keinen weiteren
       Illusionen hingeben,  und schreibe  Dir dies gleich nach Köln, da
       ich von  Louise höre,  daß Du von dort nach Stuttgart gehst, also
       die Sache  mit Dietz  besprechen kannst.  Ich stelle ihm folgende
       Bedingungen für  eine Auflage,  deren Stärke  er selbst bestimmen
       kann, aber die er mir dann auch mitteilt:
       1. ein Honorar  von 15%  des Ladenpreises,  also 15  Pfg für jede
       Mark. Das  erhalten wir hier in England für  Ü b e r s e t z u n-
       g e n   meiner Sachen.  Da das  Buch doch nur in beschränktem Maß
       für den Massenabsatz geeignet ist, kann er den Preis entsprechend
       stellen.
       2. Das Honorar wird an Dr. Victor Adler in Wien gezahlt. [198]
       3. Dietz verpflichtet  sich, keine ganze oder teilweise Preisher-
       absetzung vorzunehmen ohne meine schriftliche Einwilligung. Dies,
       damit das Buch nicht, wie geschehn, benutzt wird, um gewissen La-
       denhütern den Absatz zu erleichtern.
       Das ist alles.
       Du weißt,  Liebk[necht] (den  Sonntag im Grunewald) ging mich an,
       Lafargue zu  regelmäßiger Arbeit als Korrespondent zu mahnen, was
       ich ihm  versprach, sobald  er mir  anzeige, daß der Vorstand das
       Honorar Laf[argue]s  bewilligt habe.  Im "Vorwärts" stand nun ein
       Bericht, Pariser Korrespondenz, über den Pariser Marxistenkongreß
       [199]; ich  frug bei  L[afargue] 1*)  an (da ich von Liebk[necht]
       nichts hörte), ob diese von ihm sei,
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 143
       
       #154# 77 - Engels an August Bebel - 18.-21. Oktober 1893
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       und er  sagte   n e i n.   Darauf frug  ich bei L[ie]bk[necht] an
       [135], wie es mit der Sache stehe, und dieser schreibt mir jetzt:
       "Vor meiner  Abreise nach  Sachsen, woher  ich soeben  zurückkam,
       schrieb ich an August, die Sache mit Laf[argue] in Ordnung zu ma-
       chen. Ich  bin in  allem, was  besondre Ausgaben  involviert, vom
       Vorstand abhängig."  Es scheint also, Du sollst wieder einmal für
       die Versäumnis  andrer Leute  verantwortlich gemacht  werden. Nun
       ist ja  der Vorstand in der letzten Zeit arg mit Arbeit überhäuft
       worden, aber  ich möchte doch anheimgeben, daß ein Engagement ei-
       nes Zeitungskorrespondenten  in  wenig  Minuten  erledigt  werden
       kann. Mir  kommt es  fast vor,  als wenn L[ie]bk[necht] in seiner
       wachsenden ausschließlichen  Freundschaft für  Vaillant gar keine
       besondre Lust hätte, mit Laf[argue] abzuschließen, sonst hätte er
       wohl die Sache  v o r  dem Pariser Kongreß erledigt und dann auch
       den  a u t h e n t i s c h e n  Bericht über diesen erhalten (die
       Franzosen ließen keine Reporters oder Publikum zu).
       Hier wimmelt's.  Vorgestern kam  Lehmann und  Frau Adams Walther,
       heute kommt  Schmuilow, der  hier heiraten  will. Ich  frug  Frau
       A[dams] W[alther]  wegen ihrer Abmachungen mit Foulger, sie wußte
       nichts Bestimmtes,  will sich  aber bei dem Freund, der die Sache
       besorgt hat, erkundigen und mir dann das Resultat mitteilen. Nach
       dem, was  sie zu sagen wußte, ist höchst wahrscheinlich das lite-
       rarische Eigentum  ihrer Übersetzung stillschweigend an F[oulger]
       übergegangen, und  dann wäre  absolut nichts  gegen Reeves zu ma-
       chen, als eine Notiz in den Blättern, daß dieser Text seit Jahren
       veraltet ist. [175]
       Ich wollte  Dir die  20 Mark schicken, die ich am letzten Tag von
       Dir gepumpt,  aber ich komme nicht dazu, in die Stadt zu gehn und
       deutsches Papiergeld  zu holen.  Du erhältst  es das nächste Mal.
       Sollte ich  Dir sonst  noch einen Betrag schulden, was ja möglich
       ist, so erinnerst Du mich wohl in deinem Nächsten daran.
       Die Lassallebriefe  sind in  Tussys Hand  zur Bearbeitung mit der
       Schreibmaschine. [200]  Sie wird Euch den üblichen Satz dafür be-
       rechnen, den ich ihr zahlen werde. Was gebt Ihr aber den Erben an
       Honorar? Wieviel es wird, kann ich bei der Handschrift noch nicht
       sagen.
       21. Okt.  Dieser Brief  ist gestern  wieder liegengeblieben, weil
       ich den Schmuilow wegen Unkunde des Englischen und Unmöglichkeit,
       jemand anders  zu finden,  zum Standesbeamten führen und die ein-
       leitenden Formalitäten  besorgen helfen  mußte. Vier  Wochen ver-
       gehn, ehe  der Akt  der ehelichen  Fesselung  vorgenommen  werden
       kann.
       Die Sache in Österreich verläuft wunderbar. Die allgemeine Ratlo-
       sigkeit
       
       #155# 77 - Engels an August Bebel - 18.-21. Oktober 1893
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       der Parteien, das Schwanken des Kaisers 2*), die fast sichre Auf-
       lösung und  Neuwahlen geben Gelegenheit zur prachtvollsten Agita-
       tion von seiten der Unsern und zur gründlichen Aufrührung des al-
       ten Sumpfs.  Die verschiednen  aristokratischen und  bürgerlichen
       Parteien krimmeln  und wimmeln durcheinander wie Ameisen in einem
       zerstörten Ameisenhaufen.  Die alte  Ordnung, ohnehin so wacklig,
       ist jetzt auf immer dahin, und wir haben nur dafür zu sorgen, daß
       die Geschichte  nicht wieder  zur Ruhe  kommt. Und  das ist nicht
       schwer.
       Die Rückwirkung auf Deutschland ist natürlich unvermeidlich. Ganz
       wie 1848  Wien am  13. März losschlug und dadurch Berlin nötigte,
       am 18.  zu folgen.  Brüssel [184] - Wien [180] - Berlin ist jetzt
       die natürliche "Ordnung im Abc". Preußisches und andre Lokalwahl-
       rechte, Hamburger Verfassung usw. werden wohl alle der Reihe nach
       dran glauben müssen. Die Periode des Stillstands und der Reaktion
       in der Gesetzgebung, die auf 1870 folgte, ist zu Ende, die Regie-
       rungen kommen wieder unter die Kontrolle einer lebendigen politi-
       schen Bewegung  im Volk,  in deren Hintergrund  w i r  sitzen und
       die wir - negativ hier, positiv dort - bestimmen. Was die Libera-
       len vor 1848, das sind wir jetzt, und die belgisch-östreichischen
       Wahlsiege beweisen,  daß wir ein hinreichend starker Gärungsstoff
       sind, um  die eingeleitete  Gärung durchzuführen. Rasch und flott
       wird der Prozeß aber erst, sobald wir auch in Deutschland direkte
       oder indirekte Erfolge - Eroberungen in freiheitlichem Sinn, Ver-
       mehrung der  politischen Macht der Arbeiter, Ausdehnung ihrer Be-
       wegungsfreiheit - erringen. Und das kommt auch.
       Wenn Du  aus den  Miquelbriefen Stellen zum besten gibst, so ver-
       schieß Dein  Pulver nicht auf einmal. Bedenke, daß, sowie die Sa-
       chen einmal   h e r a u s   sind, der Effekt vorbei ist und nicht
       wiederholt werden  kann, -  es sei denn, wir hätten noch Munition
       in Reserve.
       Der Generalstreik  war eine große Gefahr in Östreich, es ist noch
       nicht  ausgeschlossen,   daß  er  nicht  ins  Werk  gesetzt  wird
       z u g u n s t e n  des Ministeriums Taaffe und seiner Wahlreform,
       was allerdings  die Spitze  der geschichtlichen Ironie wäre. Beim
       Ausschluß der  englischen Bergarbeiter  3*) hat sich gezeigt, wie
       betörend diese  konfuse Vorstellung  gewirkt hat.  Die  Grundidee
       ist: Zwingen der Bourgeoisie durch allgemeinen Kohlenmangel. Dies
       hat einen  gewissen Sinn, wenn die Arbeiter die Offensive ergrei-
       fen, d.h.  bei guter  Geschäftslage. Dagegen,  geht das  Geschäft
       schlecht, haben  die Industriellen  übergroße Vorräte und die Ze-
       chen mehr  Kohlen, als  sie verkaufen  können, ergreifen also die
       Kapitalisten die Initiative, die Produktion zu vermindern
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       2*) Franz Joseph I. - 3*) siehe vorl. Band, S. 139
       
       #156# 77 - Engels an August Bebel - 18.-21. Oktober 1893
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       durch Aussperrung  und dabei  die Löhne zu drücken - dann ist der
       allgemeine Strike Wasser auf die Mühle der Kapitalisten, die Koh-
       leproduktion wird  in  i h r e m  Interesse vermindert. Die rich-
       tige Politik der Engländer war, den kontinentalen Grubenarbeitern
       zu empfehlen, nur  k e i n e n  Strike zu machen, damit womöglich
       Kohlen vom Kontinent nach England kämen. Aber die Phrase vom all-
       gemeinen Strike  hatte ihnen die Köpfe überall verwirrt, die bel-
       gischen und  französischen Strikes  [201] folgten  dem englischen
       Lockout, und  soweit sie  England beeinflußten,  konnten sie dies
       nur tun zugunsten der Kapitalisten.
       Die großen  Zechenbesitzer wehren  sich noch; die kleineren geben
       mehr und  mehr nach. An 80 000 Mann arbeiten wieder, etwa 200 000
       stehn noch aus. Die großen drohen mit dem Äußersten: Exmittierung
       der Arbeiter  aus den  den Zechen  gehörigen  Wohnhäusern.  Wären
       Strikebrecher da,  bereit, die  Häuser zu beziehen, so würden die
       Zechen dies unbedingt durchsetzen und Militärhülfe dazu erhalten.
       Das ist  aber nicht der Fall, und zu einem reinen Willkürakt, der
       nur  den  Zweck  hätte,  die  Arbeiter  obdachlos  vor    l e e r
       b l e i b e n d e  Häuser hinzusetzen, wird die Regierung schwer-
       lich bereit  sein, sich nochmals der Unpopularität einer Schieße-
       rei wie  die neuliche  von Featherstone  [202] preiszugeben.  Ge-
       schieht's aber dennoch, so fließt viel Blut. Dies Äußerste lassen
       sich die Arbeiter nicht gefallen.
       Gleich kommen  Avelings, die  sich eben zum Essen angemeldet. Das
       ist hier wie ein Taubenschlag. Also leb wohl, grüß alle, und wenn
       Du nach  Stuttgart kommst, auch Dietz und K. K[autsky] nebst Gat-
       tin.
       Dein F. E.

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