Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
zurück
#160# 80 - Engels an Karl Kautsky - 3. November 1893
-----
80
Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart
London, 3. Nov. 93
Lieber Baron,
1. Howell. Das Buch "Conflicts" etc. ist eine dicke Kompilation,
536 Seiten, und würde meiner Ansicht nach in Deutschland wenig
ziehn, da zudem die ganze Vorgeschichte und auch Späteres aus -
Brentano abgeschrieben [204]. Ein kürzerer Auszug ist H[owell]s
1891 erschienener: "Trades Unionism new and old", 235 S., und
auch um ein Jahr neuere Daten enthaltend. Dies unter Kontrolle
und mit Noten, gekürzt übersetzt, würde möglicherweise ziehen.
Nur muß Dietz sich nicht wieder prellen lassen, wie durch Step-
niak von Sonnenschein mit den £ 25, die rein zum Fenster hinaus-
geworfen waren und obendrein den englischen Verlegern einen
falschen Begriff von der Geschäftstüchtigkeit ihrer deutschen
Kollegen beibringen. Man soll sich nicht von solchen Leuten aus-
lachen lassen, den Engländern imponiert man nur dadurch, daß man
auf seinem Recht besteht. [205]
Also: Nach internationalem Recht muß, um das Übersetzungsrecht zu
schützen, innerhalb eines Jahrs vom Erscheinen des Originals ein
Anfang von der betreffenden Übersetzung veröffentlicht sein, dann
ist man in dem betreffenden Land und der betreffenden Sprache auf
3 Jahre geschützt. Wo nicht, nicht. Hiernach hat weder Howell
noch sein Verleger 1*) Anspruch auf irgend etwas von Rechts we-
gen. Nur Anstandsrücksichten können in Frage kommen. Wenn Dietz
die Unterhandlung mit H[owell] durch Aveling mündlich will führen
lassen (der in diesen Dingen gut Bescheid weiß) und diesen be-
vollmächtigen, im Notfall sage £ 2.10 = 50 Mark dem H[owell] zu
bieten, so wird H[owell] die Einwilligung zur Übersetzung wahr-
scheinlich g a n z g r a t i s geben. Ich sehe nicht ein,
warum den hochnäsigen Engländern ohne Not Geld in den Rachen ge-
worfen werden soll, damit sie uns Kontinentalen gegenüber dicktun
mit dem kommerziellen Wert ihrer Bücher auch drüben, während wir
armen Teufel dankbar sein sollen, wenn
-----
1*) Frederick Orridge Macmillan
#161# 80 - Engels an Karl Kautsky - 3. November 1893
-----
sie uns die Ehre antun, uns auch ungefragt zu übersetzen. Und
noch dazu dieser Lumpazius von Howell!
2. Daß Du nach Wien willst, begreife ich. [206] Österreich ist
jetzt das wichtigste Land in Europa, wenigstens für den Moment.
Hier liegt die Initiative, die in 1-2 Jahren auf Deutschland und
andre Länder zurückwirken wird. Der brave Taaffe hat einen Stein
ins Rollen gebracht, der so bald nicht wieder zum Halten kommt.
[180] Da ist es natürlich, daß jeder Östreicher mitarbeiten will;
zu tun wird's genug geben. Ich habe mich über die Wiener sehr ge-
freut, es sind famose Kerle, aber sanguin, sanguin, daß die Fran-
zosen es nicht besser machen könnten, und da heißt's nicht: an-
treiben, sondern eher: hemmen, damit nicht die Früchte langjähri-
ger Arbeit in einem Tage verspielt werden. Ede las mir gestern
abend vor, was Du ihm wegen eines Artikels über den Strike als
politisches Kampfmittel geschrieben. Ich habe i h m entschieden
abgeraten, den Artikel zu schreiben. [207] Meiner Ansicht nach
hat er sich durch die Dreiklassenwählereigeschichte schon hinrei-
chend in den Ruf eines Mannes gebracht, der die Fühlung mit den
Massen verloren hat, und von außen her, aus der Studierstube,
doktrinär über Fragen der unmittelbaren Praxis räsoniert. [208]
Aber ich bin auch überhaupt der Ansicht, daß ein solcher Artikel
grade jetzt höchst schädlich wirken müßte. Er könnte noch so vor-
sichtig, noch so unparteiisch abwägend gehalten sein; die Wiener
"Volkstribüne" würde die ihr p a s s e n d e n Stellen heraus-
reißen, mit fetter Schrift abdrucken und gegen die Leute ausspie-
len, die ohnehin Mühe genug haben, die Wiener vor kopflosen
Streichen abzuhalten. Du sagst selbst, Barrikaden seien veraltet
(sie können aber wieder nützlich werden, sobald die Armee zu 1/3-
2/5 sozialistisch ist und es drauf ankommt, ihr Gelegenheit zum
Umfallen zu geben), aber der politische Strike muß entweder so-
fort siegen - bloß durch die Drohung (wie in Belgien [184], wo
die Armee s e h r w a c k l i g war) - oder aber in einer ko-
lossalen Blamage endigen oder schließlich direkt a u f d i e
B a r r i k a d e n f ü h r e n. Und das in Wien, wo man Euch
durch Tschechen, Kroaten, Ruthenen etc. ohne weiteres über den
Haufen schießen kann. Wenn die Geschichte in Wien, so oder so,
mit oder ohne politischen Generalstreik, entschieden ist, dann
ist die Frage noch immer aktuell genug für die "N[eue] Z[eit]".
Aber jetzt das allgemeine theoretische Pro und Kontra dieses
Kampfmittels öffentlich zu diskutieren, könnte den firebrands 2*)
in Wien nur Wasser auf die Mühle liefern. Ich weiß, welche Mühe
Victor hat, der Zaubermacht, die die Phrase vom Generalstrike auf
die Wiener Massen
-----
2*) Hitzköpfen
#162# 80 - Engels an Karl Kautsky - 3.November 1893
-----
hat, entgegenzuarbeiten, und wie froh er ist, wenn er die Ent-
scheidung nur auf die lange Bank schieben kann, und da sollten
wir uns, meiner Meinung nach, absolut davor hüten, irgend etwas
zu tun oder zu sagen, was der leidenschaftlichen Strömung Vor-
schub leisten kann.
Die Wiener Arbeiter sollen warten, bis sie durch das Stimmrecht
das Mittel erhalten, sich und ihre Freunde in der Provinz zu
z ä h l e n, dann kennen sie ihre Kräfte und das Verhältnis die-
ser Kräfte zu den gegnerischen.
Übrigens kann es ja dahin kommen, daß der allgemeine Strike
durchgeführt wird unter dem Schutz und mehr oder weniger zugun-
sten des Wahlreform-Ministers Taaffe. Das wäre der Gipfel der
Ironie.
3. Den "Parlamentarismus" hast Du mir in Zürich persönlich ver-
ehrt, nochmals Dank dafür. [209]
4. Was den Heinebrief [168] angeht, so sagt mir Tussy, sie habe
Dir gegenüber auch Lauras Einwilligung sich vorbehalten. Ich habe
T[ussy] die letzte Zeit, seit ich wieder hier bin [90] - fast gar
nicht und nur auf Momente gesehn, sie sind beide kolossal be-
schäftigt, und fast keinen Sonntag zu sehn wegen Meetings. Ich
möchte aber doch den Brief nochmals ansehn, ehe ich Bestimmtes
sage, die Geschichte ist arger Mißdeutung fähig, und man muß sich
das s e h r überlegen.
5. III. Band 3*), Aushängebogen. Ich will sehn, daß, wenn es so-
weit ist, Dir oder Ede diese Bogen a b s c h n i t t w e i s e
zur Verfügung gestellt werden, wenn ich sie nämlich aus Meißner
herausschlage. Denn ich brauche schon einen Extra-Abzug für die
r u s s i s c h e Übersetzung, und M[eißner] wird alt und tut
nicht mehr so kulant wie früher. Ich werde aber mein Bestes tun;
im ganzen sind's 6 Abschnitte, von denen ich Euch jeden nach sei-
ner Drucklegung separat schicken würde.
Seit meiner Rückkehr habe ich noch keinen Strich dran arbeiten
können, nächste Woche hoffe ich endlich wieder dranzugehn.
6. Das Ding von Guillaumin und V. Pareto ist mir soeben von
Laf[argue] zugekommen. Die Auszüge sind von Laf[argue], die Ein-
leitung scheint von einem vulgärökonomischen Scharlatan. [210]
Um nochmals auf den Generalstrike zurückzukommen, darfst Du nicht
vergessen, daß niemand froher war als die belgischen Führer,
nachdem die Sache so gut verlaufen war. Die haben Angst genug
ausgestanden, sie möchten gezwungen sein, mit ihrer Drohung Ernst
zu machen; sie selbst sahen nur zu gut, wie wenig sie zu leisten
imstande waren. Und das in einem vorwiegend
i n d u s t r i e l l e n Lande und bei einer durchaus wackli-
gen,
-----
3*) des "Kapitals"
#163# 80 - Engels an Karl Kautsky - 3. November 1893
-----
schlaff disziplinierten, milizartigen Armee. Wenn aber hier noch
Aussicht war, etwas mit dieser Waffe durchzusetzen, wie soll's in
Österreich gehn, wo der Bauer vorherrscht, die Industrie spora-
disch und relativ schwach, die großen Städte wenig zahlreich und
weit zerstreut, die Nationalitäten gegeneinander verhetzt, die
Sozialisten keine 10% der Gesamtbevölkerung (der erwachsenen
männlichen natürlich)! Laß uns da um alles in der Welt jeden
Schritt vermeiden, der eine ohnehin ungeduldige, tatendurstige
Arbeiterschaft dazu verleiten könnte, ihr alles auf eine Karte zu
setzen - und obendrein zu der Zeit, wo die Regierung dies wünscht
und durch Provokation es erzwingen kann.
Der "Vorwärts" wird immer der "Vorwärts" bleiben, davon habe ich
mich in Berlin überzeugt. Daher bin ich froh, daß das Wochenblatt
4*) erscheint, damit wenigstens vor dem Ausland die Partei die
Chance erhält, in einer nicht blamablen Gestalt zu erscheinen.
Der "Vorwärts" erscheint in Berlin, wird fast nur in Berlin gele-
sen (9/10 des Absatzes) und dort als Berliner Gewächs immer milde
beurteilt. Das Wochenblatt wird dem Einfluß des "V[or]w[ärts]"
auf die übrige Parteipresse auch ein Gegengewicht liefern. Wie
sich das gegenseitige Verhältnis der beiden Organe machen wird,
muß man abwarten; ich glaube nicht, daß es zum Äußersten kommt.
Auf den Nebentitel des "V[or]w[ärts]" als "Zentralorgan" kommt es
gar nicht an, die Phrase kann man ihm gern lassen.
Jedenfalls gibt's allerlei Umschwung in unsrer Parteipresse, ich
bin begierig, was aus der "N[euen] Z[eit]" wird [29], die Rück-
verwandlung in eine Monatschrift ist immer gewagt; ich glaube
nicht, daß das Wochenblatt a u f d i e D a u e r ihr ernst-
liche Konkurrenz macht.
Also viel Glück auf der Reise nach Wien. Wenn Du hinkommst, grüß
mir den Löwenbräu neben dem Burgtheater, da war unser
Mittagshauptquartier.
Grüße von Haus zu Haus.
Dein F. E.
-----
4*) "Der Sozialdemokrat"
zurück