Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#170# 84 - Engels an Natalie Liebknecht - 1. Dezember 1893
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Engels an Natalie Liebknecht
in Berlin [215]
London, 1. Dez. 93
122, Regent's Park Road, N.W.
Verehrte Frau Liebknecht,
Meinen herzlichen Dank für Ihren Brief und Ihre freundlichen Wün-
sche zu meinem 73sten, den ich recht munter und gesund verbracht
habe. Avelings und Bernsteins waren den Abend bei uns, und die
leeren Flaschen zeugten von allgemeinem Wohlbefinden und gutem
Humor. Wenn das so fortgeht, so wird einer Erneuerung meines Be-
suchs in Berlin [90] m e i n e r s e i t s wohl kein Hindernis
im Wege stehn, und dann können wir wieder mal im Zoologischen
Garten Kaffee trinken und unsre Glossen machen über die vierbei-
nigen und zweibeinigen, geflügelten und ungeflügelten, brüllenden
und sprechenden zoologischen Spezies, die da in Gefangenschaft
oder Freiheit sich präsentieren.
Der arme Gizycki! Gehen kann er ohnehin nicht, und nun wollen sie
ihm auch noch das Sprechen verbieten; und das bloß, weil er ver-
botenen Umgang mit Sozialdemokraten pflegt. Ja, Preußen ist nicht
nur ein Kulturstaat, sondern auch der Staat der Intelligenz!
Sehr leid tut es mir, daß Ihr Karl sich im Dienst Sr. Majestät
eine Sehnenentzündung zugezogen hat, aber hoffentlich geht das
bald vorüber. Jedenfalls ist es, wenn man einmal in der Lage ist,
das beste, seinen Dienst ordentlich zu machen. Ich glaube gern,
daß die Herren Offiziere sich hüten werden, sich Ihren Söhnen 1*)
gegenüber Blößen zu geben, diese zwei Pioniere stehn zu nah an
der Türe des Reichstags, und was auch der Kriegsminister 2*) sa-
gen mag, sie scheuen sich doch davor, in den dortigen Debatten
persönlich zu figurieren. Und wenn Ihre Söhne nun gar noch, wie
mein alter Hauptmann von uns Freiwilligen [162] verlangte, "das
Muster der Kompanie" werden, dann kann's nicht fehlen und sie
avancieren am Ende doch noch trotz ihres Vaters zum Unteroffi-
zier. Und das wäre ganz in der Ordnung. Wenn Bebel der Sohn eines
Unteroffiziers ist, warum sollte
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1) Karl und Theodor Liebknecht - 2*) Walter Bronsart von Schel-
lendorff
#171# 84 - Engels an Natalie Liebknecht - 1. Dezember 1893
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Liebknecht nicht der Vater von einem oder mehreren Unteroffizie-
ren sein können? Sie sollen einmal sehn, wie sehr die Tressen die
Uniform verschönern, und in Berlin soll das schöne Geschlecht dem
Moloch weit geneigter sein, sobald er Tressen trägt, allerdings
ist das noch nicht alles, denn wie Heine sagt:
Doch am reizendsten sind immer Cäsars goldne Epauletten. [216] So
hoch werden wir uns aber schwerlich versteigen.
Nun, das Trauerjahr in der Uniform vergeht auch, und dann geht
Karl nach Hamm [217], was auch eine schöne Gegend ist oder war -
meine Mutter ist dort geboren, und ich bin als kleiner Junge viel
da gewesen, jetzt ist's aber alles anders, ein räucheriges Indu-
strienest, indes es läßt sich auch da leben.
Nun aber leben Sie recht wohl und grüßen Sie Liebknecht und Ihre
Kinder recht herzlich. Liebk[necht] halten wir beim Wort, daß er
nach Neujahr kommt. Frau Kautsky grüßt Sie alle ebenfalls herz-
lichst.
Ganz der Ihrige F. Engels
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