Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#172# 85 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 2. Dezember 1893
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85
Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken
London, 2. Dez. 93
122, Regent's Park Road, N.W.
Lieber Sorge,
Herzlichen Dank Dir und Deiner Frau für Eure freundlichen Wünsche
und Brief 19. Nov.
Sehr leid tut es mir, daß Du an der Gicht leidest, ich hoffe, es
gibt sich wieder mit der Zeit, es ist eine tückische Krankheit.
Die Abschaffung des Silberkaufgesetzes [86] hat Amerika vor einer
schweren Geldkrise bewahrt, und wird den industriellen Aufschwung
befördern. Aber ich weiß nicht, ob es nicht besser gewesen wäre,
wenn dieser Krach wirklich gekommen. Die Phrase vom cheap money
1*) scheint Euren Bauern des Westens gar fest in den Knochen zu
sitzen. Erstens bilden sie sich ein, wenn viel Zirkulationsmittel
im Lande vorhanden, dann müsse der Zinsfuß sinken, wobei sie aber
Zirkulationsmittel und disponibles Geldkapital verwechseln, wor-
über im III. Band 2*) sehr aufklärende Dinge an den Tag kommen
werden 3*). Zweitens aber paßt es allen Schuldnern, erst in guter
Währung Schulden zu machen und sie später in depreziierter Wäh-
rung zurückzuzahlen. Daher schreien auch die preußischen
verschuldeten Junker nach Doppelwährung, die ihnen eine verklei-
dete solonische Schuldenabschüttelung bringen würde. Hätte man
nun in den Vereinigten Staaten mit der Silberreform warten kön-
nen, bis die Folgen des Blödsinns auch auf die Bauern zurückge-
fallen wären, so hätte das doch manchen den vernagelten Kopf ge-
öffnet.
Die Tarifreform [218], so langsam sie ins Werk gesetzt wird,
scheint doch in Neuengland schon eine Art Panik unter den Fabri-
kanten verursacht zu haben. Ich höre - privatim und aus den Zei-
tungen - von zahlreichen Arbeiterentlassungen. Das wird sich aber
legen, sobald das Gesetz, und damit die Ungewißheit, erledigt
ist, ich bin überzeugt, Amerika kann in
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1*) billigen Geld - 2*) des "Kapitals" - 3*) siehe Band 25 unse-
rer Ausgabe, S. 481-579
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allen großen Industriezweigen die Konkurrenz gegen England kühn
aufnehmen.
Mit den deutschen Sozialisten in Amerika ist es ein fatales Ding.
Die Leute, die Ihr von Deutschland herüberbekommt, sind meist
nicht die besten - die bleiben hier - und jedenfalls durchaus
keine fair sample 4*) der deutschen Partei. Und wie überall,
fühlt sich jeder Neuankommende berufen, sofort alles Vorgefundene
umzustoßen und neuzugestalten, damit von ihm eine neue Epoche da-
tiere. Dazu kommt, daß die Mehrzahl dieser Grünen in New York
längere Zeit oder für lebenslang klebenbleibt, stets durch neue
Zufuhr verstärkt und der Notwendigkeit überhoben, die Landes-
sprache zu lernen oder die amerikanischen Verhältnisse ordentlich
kennenzulernen. Alles das tut sicher sehr viel Schaden, aber
andrerseits ist doch auch nicht zu leugnen, daß die amerikani-
schen Verhältnisse sehr große und eigentümliche Schwierigkeiten
für eine s t e t i g e Entwicklung einer Arbeiterpartei ein-
schließen.
Erstens die auf party government 5), wie in England, gegründete
Verfassung, die jedes auf einen nicht von einer der beiden Regie-
rungsparteien aufgestellten Kandidaten fallende Votum als
v e r l o r e n erscheinen läßt. Und der Amerikaner wie der Eng-
länder will auf seinen Staat einwirken, wirft seine Stimme nicht
weg.
Dann und besonders die Einwanderung, die die Arbeiter in 2 Grup-
pen scheidet, die eingeborenen und fremden; und diese letzteren
wieder in 1. Irländer, 2. Deutsche, 3. die vielen kleinen Grup-
pen, die sich jede nur untereinander verstehn, Tschechen, Polen,
Italiener, Skandinavier etc. Dazu noch die Neger. Um daraus eine
einige Partei zu bilden, dazu gehören ganz besonders mächtige An-
triebe. Manchmal plötzlich ein gewaltsamer élan, aber die Bour-
geois brauchen nur passiv auszuhalten, und die ungleichartigen
Elemente der Arbeiterschaft fallen wieder auseinander.
3. Endlich muß auch das Schutzzollsystem und der stetig anwach-
sende innere Markt die Arbeiter einer Prosperität ausgesetzt ha-
ben, von der wir hier in Europa (außer Rußland, wo aber nicht der
Arbeiter, sondern nur der Bourgeois davon profitiert) seit Jahren
keine Spur mehr sehn.
Ein Land wie Amerika, wenn es wirklich für eine sozialistische
Arbeiterpartei reif ist, kann sicher nicht durch die paar deut-
schen sozialistischen Doktrinäre daran gehindert werden.
Vom III. Band 6*) ist Abschnitt I (246 Seiten Ms. von ungefähr
1855) druckfertig 7*). D i e s u n t e r u n s. Es wird jetzt
rasch gehn, hoffe ich.
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4*) Musterexemplare - 5*) Parteiherrschaft - 6*) des "Kapitals" -
7*) siehe Band 25 unserer Ausgabe, S. 33-150
#174# 85 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 2. Dezember 1893
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Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau und gute Besserung! von L.
K[autsky] und
Deinem F. Engels
L. K[autsky] schreibt bald Antwort, dankt für Deine
Liebenswürdigkeit, hat wegen "Arb[eiter]-Ztg." (Wien) bereits ge-
schrieben, "Pionierkalender" ist n i c h t gekommen.
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