Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #181# 90 - Engels an Laura Lafargue - 19. Dezember 1893
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       90
       
       Engels an Laura Lafargue
       in Le Perreux
       
       London, 19. Dez. 93
       122, Regent's Park Road, N.W.
       Mein liebes Löhr,
       Wenn ich  auf Deinen Brief von vor genau einem Monat nicht früher
       geantwortet habe, so gab es dafür 2 Gründe:
       1. weil ich vor Weihnachten die Schlußredaktion der Abschnitte I-
       IV von  Bd. III  1*) beenden mußte, damit sie sofort nach Neujahr
       in Druck  gehen können. Das ist jetzt getan. Bis Ostern hoffe ich
       das ganze  Ms. (2/3  müssen noch  e n d g ü l t i g  durchgesehen
       werden) beim  Drucker zu  haben, damit es im September veröffent-
       licht werden kann;
       2. weil ich  Bebel einen anderen Vorschlag für die deutsche Über-
       setzung usw.  von Pauls  Artikeln 2*) gemacht hatte [135] und auf
       eine Antwort  wartete. Es ist jedoch keine gekommen, und so vogue
       la galère  3*) auf dem eingeschlagenen Weg, der, soviel ich weiß,
       so etwas wie eine endgültige Gestalt angenommen hat. Es wird wohl
       am  besten   sein,  die   Angelegenheit  in   Ruhe   zu   lassen.
       L[ie]bk[necht] ist  ein ziemlich  komischer Kauz, wenn es sich um
       seine Redaktionsangelegenheiten  handelt. Wir  erwarten ihn  hier
       nach Neujahr.
       Nun ein  anderes Bild  4*). Gestern  schickten wir Dir eine Kiste
       mit dem Pudding, Pauls Kuchen usw., grande vitesse 5*), damit sie
       Mittwoch oder Donnerstag dort ist, - durch Continental Daily Par-
       cels Express,  Fracht bezahlt,  die hoffentlich  gut ankommen und
       Eurem Geschmack  entsprechen wird.  Bonnier sollte  ein Stück von
       dem Pudding  abbekommen, denn  er kam  hierher, um  den  Teig  zu
       rühren, und er hat ihn aus Leibeskräften gerührt. Er bessert sich
       sehr, schüttelt  seine Germanismen ab und wird wirklich Franzose.
       Vor einiger  Zeit fuhr  ich für einen Tag nach Oxford, um den Ort
       und auch  den armen,  alten Roten  Wolff 6*)  zu sehen  -  Deinen
       ersten Verehrer, denn er bewunderte Dich schon in Brüssel, als Du
       noch
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       1*) des "Kapitals"  - 2*) siehe vorl. Band, S. 168-169 - 3*) las-
       sen wir  den Dingen  ihren Lauf - 4*) in der Handschrift deutsch:
       ein anderes  Bild -  5*) als  Eilgut  -  6*) in  der  Handschrift
       deutsch: Rote Wolff
       
       #182# 90 - Engels an Laura Lafargue - 19. Dezember 1893
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       keine 2  Jahre alt  warst. Armer  Teufel, er ist wieder ganz ver-
       dreht. Er  hatte etwas  über Bucher in der "Neuen Zeit" geschrie-
       ben, und  seitdem bildet er sich jedesmal ein, daß es auf ihn ge-
       münzt sei,  wenn von  einem Wolf  oder Wolff die Rede ist (und Du
       weißt, sie  sind so  zahlreich wie  die  Smith  und  Jones),  und
       glaubt, daß eine ganze Verschwörung existiere mit der Behauptung,
       er könne  nicht Latein - und Du weißt, nicht Latein zu können ist
       das schrecklichste  Verbrechen, dessen  sich ein Mensch in Oxford
       schuldig machen  kann. Aber ist es nicht eine traurige Ironie des
       Schicksals, daß  einer der   g e i s t r e i c h s t e n   Männer
       seine Laufbahn  in dem  Glauben beschließen soll, daß er der Maß-
       mann -  nicht eines  Heine, sondern einer imaginären Verschwörung
       zweit- und  drittrangiger deutscher  literati sei! Denn er ist 81
       Jahre alt  - und  abgesehen von  anderen Erwägungen  besteht kaum
       Hoffnung auf  Heilung von dieser fixen Idee, die ihm niemand aus-
       treiben kann.
       Deine Beschreibung des aufgeblasenen Zustands von Guesde hat mich
       sehr amüsiert.  7*) Ich  hatte derartiges  schon aus den pompösen
       Proklamationen ersehen,  die er  aus seinem  neuen Jerusalem  des
       Nordens erlassen hat, und war nur froh, daß sie von der bürgerli-
       chen Presse  im Ausland  nicht bemerkt worden sind; mit der Rolle
       verglichen, die  die französische  Delegation in  Zürich gespielt
       hat [156], hätten sie für eine Menge schlechter Scherze Anlaß ge-
       ben können. Aber le bon sens français quelquefois n'a pas le sens
       commun 8*),  und das  ist gerade  das Schöne  daran. Sieh Dir die
       parti socialiste  9*) in der Kammer an. Wie lange ist es her, daß
       Clara Zetkin  in der "Neuen Zeit" 24 élus ± Sozialisten 10*) auf-
       zählte [221]  und daß  Paul nicht  wußte, wieviel von den 12, die
       auf Grund  des marxistischen Programms gewählt wurden, sich daran
       halten würden;  und jetzt, siehe und staune, stößt eine parlamen-
       tarische Gruppe  von 54 sozialistischen Abgeordneten wie eine Ka-
       valleriebrigade vor in die Majorität, stürzt ein Ministerium, und
       verdrängt  ein  anderes  beinahe  [225],  bis  dieser  siegreiche
       Vormarsch plötzlich durch Vaillants Bombe [226] aufgehalten wird,
       sich in  eine Konzentration  der Nachhut verwandelt und die neuen
       Mitglieder der  Majorität aller  trügerischen Illusionen  beraubt
       sind, die  sie aus  der Provinz  mitgebracht hatten,  und sich in
       fügsame panamaische Opportunisten [6] verwandelt haben.
       Alles in  allem glaube ich, daß das für uns eher von Vorteil ist.
       Ich kann  mir nicht  helfen, ich  bilde mir ein, daß unter diesen
       54, von denen viele plötzlich zu dem bekehrt worden sind, was sie
       Sozialismus nennen, nicht
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       7*) siehe vorl.  Band, S.  119 - 8*) der gesunde Menschenverstand
       der Franzosen  ist bisweilen  alles andere als gesunder Menschen-
       verstand -  9*) sozialistische Partei  - 10*) 24  gewählte  Mehr-
       oder-Weniger-Sozialisten
       
       #183# 90 - Engels an Laura Lafargue - 19. Dezember 1893
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       der Zusammenhalt  bestehen kann,  wie er  für einen ernsten Kampf
       notwendig ist. Ganz zu schweigen von den alten Zwistigkeiten zwi-
       schen den   w i r k l i c h e n   Altsozialisten  "de la  veille"
       11*) innerhalb  der Gruppe, Zwistigkeiten, die ein für allemal zu
       überwinden einige  Zeit kosten  wird. Wenn  diese gemischte Bande
       von 54  sich eine gewisse Zeit in der vordersten Reihe der Kammer
       behauptet hätte, hätte sie sich entweder gespalten, oder aber der
       alte radikale Flügel - Millerand und Co. - wäre darin das bestim-
       mende Element  geworden. Wie  die Dinge  jetzt stehen, werden die
       verschiedenen Teile der Gruppe Zeit haben, sich näher miteinander
       bekannt zu  machen, die  Gruppe zu festigen und, wenn nötig, eins
       nach dem  anderen von  den Elementen  auszusondern, die  sich der
       Gruppe wirklich  nur irrtümlich  angeschlossen  haben.  Auf  alle
       Fälle haben Millerand und Jaurès in der Dupuy-Casimir-Périer-Kam-
       pagne vollkommen  die Führung  übernommen. Und  das wird  auf die
       Dauer nicht  angehen, obwohl ich durchaus billige, daß Guesde und
       Vaillant sich  b i s   j e t z t  und unter den gegenwärtigen Um-
       ständen im Hintergrund gehalten haben.
       Pauls Briefe  an den  "Vorwärts" sind bisher sehr gut, wir warten
       jede Woche auf sie. Und sie sind nicht  g a n z  so schlecht ver-
       deutscht, wie ich es bei anderen erlebt habe.
       Dieser "Feuerbach"  muß Dir  viel Mühe  gemacht haben. [227] Aber
       nach dem, was ich von Deiner Arbeit gesehen habe, bin ich sicher,
       daß Du "im Fluge" alle Hindernisse "genommen" hast, um einen Aus-
       druck aus  der Jägersprache zu gebrauchen. Hast Du einen Verleger
       dafür gefunden?
       Würdest Du  den einliegenden  Scheck über  £ 5  als Weihnachtsge-
       schenk annehmen?
       Louise ist  bei ununterbrochenem  Regen unterwegs, um Einkäufe zu
       machen. Dieses  Weihnachtsfest wird  sie  durch  Erkältungen  und
       Zahnschmerzen teuer zu stehen kommen.
       Herzliche Grüße von ihr und immer
       Deinem F. E.
       
       Freundliche Grüße an Paul, der sicher froh ist, aus dem Parlament
       wieder  h e r a u s  zu sein.
       
       Aus dem Englischen.
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       11*) "von gestern"

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