Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#184# 91 - Engels an Ludwig Schorlemmer - 19. Dezember 1893
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Engels an Ludwig Schorlemmer
in Stuttgart
London, 19. Dez. 1893
122, Regent's Park Road, N.W.
Mein lieber Schorlemmer,
Wenn ich Ihnen erst jetzt meinen Dank sage für Ihre freundlichen
Glückwünsche zu meinem 73sten, so ist "Kapital" III. Band schuld
daran. Das muß jetzt endlich einmal fertig werden, und so habe
ich alle Korrespondenz ohne Gnade und Barmherzigkeit in die Ecke
schieben müssen; jetzt bin ich an einem Abschnitt angekommen und
kann die paar Tage bis zu den Feiertagen benutzen, um nachzuho-
len.
In Darmstadt bin ich nur durchgefahren [90] - Frau K[autsky], Be-
bel und Frau, ein hiesiger Wiener Arzt 1*) und ich, wir konnten
den Zug vorher nicht bestimmen und hatten ohnehin nur ca. 10 Mi-
nuten Aufenthalt, sonst hätte ich Ihnen telegraphiert. Sonst war
die Reise sehr angenehm - mit Ausnahme der Pauken, die ich halten
mußte, nachdem ich einmal in Zürich A gesagt. Ich reiste mit Be-
bel nach Salzburg, Wien, Prag und Berlin, und war ganze 8 Wochen
von Hause, was mir sehr gut bekommen ist. Die Fortschritte in
Deutschland, sowohl der Industrie wie der Arbeiterbewegung, mit
eignen Augen anzuschauen war allein etwas wert, und auch unsre
Wiener an der Arbeit zu sehn war eine Freude.
Wegen Carls Nachlaß [104] habe ich von Siebold nur weniges ge-
hört, gar nichts über das, was mit den Manuskripten geschehen
ist, und welche Verträge mit den Verlegern abgeschlossen. Es han-
delt sich um dreierlei:
1. um das große Roscoe-Schorlemmersche Buch in englischer und
deutscher Ausgabe [228],
2. um Carls eignes Lehrbuch der Kohlenstoffverbindungen, wovon
eine Neuauflage in Arbeit war,
3. um seine Manuskripte über ä l t e r e Geschichte der Chemie
(diese soll, wie Spiegel im Nekrolog sagt, Siebold selbst heraus-
geben wollen). [229]
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1*) Ludwig Freyberger
#185# 91 - Engels an Ludwig Schorlemmer - 19. Dezember 1893
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Die englische Ausgabe von Carls "Ursprung und Entwicklung der or-
ganischen Chemie" wird in London von einem seiner Schüler 2*),
dort Professor, besorgt. [230]
Aber über die obigen drei Punkte sagt Siebold so gut wie nichts.
Ehe ich nun an ihn schreibe, möchte ich Sie bitten, mir zu sagen,
ob e r I h n e n, und w a s, darüber mitgeteilt, und ob es
Ihnen genehm ist, wenn ich ihm darüber nähere Berichte abver-
lange. Ich habe nämlich juristisch absolut kein Recht, mich da
einzumischen, und möchte nicht, daß S[iebold] sich auch nur durch
eine Andeutung darauf beriefe. Komme ich aber, um Auskunft zu
verlangen, um die S i e sich an mich gewendet, so ist dies et-
was andres und gibt mir eine ganz andre Stellung.
Siebold ist ein kreuzbraver Kerl, aber nicht überenergisch von
Natur und in den letzten Jahren noch durch Krankheit geschwächt,
da kann ein bißchen Nachhülfe nicht schaden.
Ich hoffe, Sie sind mit Ihrer Influenza und Ihre Frau mit den
Nachwirkungen der Lungenentzündung glücklich fertig geworden und
in der Verfassung, den kommenden Feiertagen mit Kraft und Mut und
Heiterkeit entgegenzugehn.
Mit besten Grüßen.
Ihr F. Engels
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2*) Arthur Smithells
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