Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#187# 93 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 30. Dezember 1893
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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken
London, 30. Dez. 93
122, Regent's Park Road, N.W.
Lieber Sorge,
Postkarten vom 29. Nov. und 17. Dez. dankend erhalten. Vor allem
Dir und Deiner Frau herzliches Prosit Neujahr von L. K[autsky]
und mir.
Du wirst nicht ohne einige Verwunderung gesehn haben, daß sich in
der französischen Kammer eine sozialistische Fraktion von 54-60
Mann (sie scheinen selbst nicht genau zu wissen wieviel) aufgetan
hat. Unmittelbar nach den Wahlen [52] waren's, g u t gezählt,
24, davon 12 aufs marxistische Programm gewählt, von diesen aber
meldeten sich nur 6 zum Pariser Parteikongreß [199], und nur 4
haben bis jetzt ihren Diätenanteil laut Kongreßbeschluß in die
Parteikasse zu zahlen e i n g e w i l l i g t (was auch noch
nicht mit dem wirklichen Einzahlen identisch ist - in Frankreich,
les cotisations ne rentrent pas! 1*) hieß es schon 1870!). Nun
sind's auf einmal an die 60, dank dem Anschluß der radicaux so-
cialistes 2*) der Gruppe Millerand-Jaurès, die sich entschlossen
haben, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel als - für ei-
nige näheres, für andre jedenfalls sehr entferntes - Ziel in ihr
Programm aufzunehmen. Konzentration ist jetzt in Frankreich die
Losung, hieß es früher concentration républicaine 3*) (d.h. Un-
terordnung a l l e r Republikaner unter den r e c h t e n
Flügel, die Opportunisten [20]) so heißt es jetzt concentration
socialiste 4*), und ich will sehr froh sein, wenn dies nicht
heißt Unterordnung aller Sozialisten unter die Millerandisten,
deren p r a k t i s c h e s Programm sicher mehr radikal als
sozialistisch ist.
Die erste Folge dieser Allianz ist die, daß unsre Leute die
Chance so gut wie verloren haben, ein eignes Tagblatt zu bekom-
men. Millerands "Petite Républi[que] française" hat diesen Platz
bereits eingenommen, da wird's schwer sein, ein Konkurrenzorgan
zu schaffen, - die Finanzen sind schwerer zu beschaffen und die
andern würden schimpfen: das hieße die Partei
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1*) die Beiträge wollen nicht einkommen! - 2*) Radikalsozialisten
- 3*) republikanische Konzentration - 4*) sozialistische Konzen-
tration
#188# 93 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 30. Dezember 1893
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spalten! Um so mehr als die "Petite R[épublique] fr[ançaise]"
schlau genug ist, j e d e r sozialistischen Fraktion ihre Spal-
ten zu öffnen.
Die zweite ist, daß in den Fraktionssitzungen die Millerandisten
über die absolute Majorität (ca. 30 oder mehr gegen höchstens 24,
Marxisten (12), Allemanisten (3-5), Broussisten (2) und Blanqui-
sten (4-6)) verfügen.
Trotz alledem krähen die Herren Franzosen wieder siegestrunken in
die Welt hinaus und möchten wieder an die Spitze der Bewegung
treten. Sie haben einen Antrag auf Verwandlung der stehenden Ar-
mee in ein Milizheer eingebracht (Vaillant) [231], und Guesde
will einen einbringen auf einen europäischen Entwaffnungskongreß
5*). Der Plan ist, die Deutschen und Italiener sollen einen ähn-
lichen in ihren Parlamenten einbringen, wo sie dann natürlich als
Nachtreter der "führenden" Franzosen erscheinen würden. Was die
paar - noch dazu höchst konfusen - Italiener tun, ist Wurst, ob
aber unsre Deutschen sich so ohne weitres ins französische
Schlepptau begeben, ist mir zweifelhaft. Wenn man seine Macht-
stellung durch 25jährigen harten Kampf erobert, und 2 Millionen
Wähler hinter sich hat, so hat man das Recht, sich das Scratch
lot 6*) erst näher anzusehn, das so plötzlich kommandieren will.
Um so mehr, als die Herren Franzosen selbst äußerst kitzlig sind,
sobald ihnen gegenüber die geringste Etikettenverletzung ge-
schieht.
Nun, warten wir's ab. Es ist immer möglich in dem unberechenbaren
Frankreich, daß aus diesem plötzlichen Momentserfolg sich ein
dauernder Fortschritt entwickelt. Aber abwarten wollen wir's doch
lieber.
Dann habe ich Dir mitzuteilen - a b e r s t r i k t e u n-
t e r u n s -, daß das erste Drittel des Ms. des III. Bandes
7*) gestern in starke Wachsleinwand verpackt wurde (wie s.Z. das
berühmte Kölner falsche Protokollbuch [232]) und in den nächsten
Tagen zum Druck befördert wird. Die beiden letzten Drittel
brauchen noch die - meist technische - Schlußredaktion. Wenn al-
les gut geht, kommt das Buch im Sept. heraus.
Nun noch etwas. Prof. Labriola 8*) in Rom, mit dem ich seit
einigen Jahren in Korrespondenz stehe und den ich in Zürich traf,
liest an der dortigen Universität einen Kursus über die
Entstehungsgeschichte der Marxschen Theorie. Er ist strikter
Marxist. Er hat sich zu diesem Behuf die sämtliche nötige
Literatur angeschafft, aber die "Heilige Familie" nie zu Gesicht
bekommen können, obwohl er es im "Buchhändlerblatt" 9*) von
Leipzig und sonst annonciert hat, daß er "jeden Preis" dafür zah-
le. Ein Ex. war ihm
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5*) siehe vorl. Band, S. 190-192 - 6 zusammengewürfelte Völkchen
- 7*) des "Kapitals" - 8*) Antonio Labriola - 9*) "Börsenblatt
für den Deutschen Buchhandel und die mit ihm verwandten Ge-
schäftszweige"
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aus der Schweiz in Aussicht gestellt, zur Benutzung, aber der Ei-
gentümer 10*) ist plötzlich verschwunden und soll in Ungarn her-
umreisen. Nun dringt er in mich, ich soll ihm um alles in der
Welt ein Ex. auf 3-4 Wochen verschaffen. Ich habe aber selbst nur
eines, und wenn das verlorengeht, so bin ich absolut außerstande,
die spätere Neuauflage in den beabsichtigten "Gesammelten Werken"
zu veranstalten. [233] Dies eine Ex. darf ich also um keinen
Preis aus der Hand geben. Nun habe ich Dir vor einigen Jahren
mein Reserveexemplar geschickt. Wärst Du so gut, es mir für
diesen Zweck auf 5-6 Wochen zu pumpen? Du könntest es mir
schicken als bookpacket per Post registered 11*), oder, wenn Du
vorziehst, durch eine Express agency 12*) v e r s i c h e r t
für einen beliebigen Betrag, und ich würde es Dir zurückschicken
auf dem von Dir mir vorzuschreibendem Weg. Ich würde es nach Rom
schicken, wenn es irgend angeht, durch eine Agentur, hoch
versichert (sage £ 10), wenn das nicht geht, per Post registered.
Die Gebrauchszeit für L[abriola] dürfte auf h ö c h s t e n s 4
W o c h e n festzusetzen sein. Daß der Mann den beabsichtigten
Kursus nicht ohne Kenntnis dieses Buchs machen kann und noch
weniger die für später beabsichtigte Veröffentlichung der Vor-
lesungen, brauche ich Dir nicht zu sagen. In der ganzen deutschen
Partei sind keine 6 Ex. vorhanden, und wer sie hat, ist mir
unbekannt. Also "bitte, überleg Dir die Sache.
Mein "Feuerbach" wird von Laura Laf[argue] ins Französische über-
setzt, erscheint demnächst in Paris. [227]
Herzliche Grüße Deiner Frau und Dir von L. K[autsky] und
Deinem F. E.
Hoffentlich geht's besser mit der Gesundheit! L. K[autsky] läßt
Dir sagen, daß das von Dir nach Wien geschickte Blatt 13*) regel-
mäßig ankommt.
Dank für die Glückwunschkarte!
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10*) Paul Ernst - 11*) eingeschrieben - 12*) Expreßagentur -
13*) "Woman's Journal"
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