Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
zurück
#190#
-----
1894
94
Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux
London, den 3. Januar 94
122, Regent's Park Road, N.W.
Mein lieber Lafargue,
Zunächst einmal all the compliments of the season 1*) für Laura
und Sie von Louise und mir.
Nun zu Eurem Abrüstungsentwurf. Ich habe Vaillants Entwurf in "Le
Parti Socialiste" [231] gelesen, ich habe ihn nicht von Laura be-
kommen. Aber weder in diesem Blatt noch in Ihrem Brief steht et-
was darüber, ob er schon vorgelegt worden ist oder ob das erst
noch geschehen soll.
Die Deutschen haben seit Jahren die Umwandlung des stehenden Hee-
res in eine Miliz gefordert; das haben sie in all ihren Reichs-
tagsreden über den Militarismus, über das Kriegsbudget usw. immer
wieder bis zum Überdruß wiederholt. Ich sehe nicht, was die Ein-
bringung des Gesetzentwurfs dem formal noch hinzufügen könnte.
Dennoch wollen sie es tun.
Was den Vorschlag anbelangt, einen Abrüstungskongreß einzuberu-
fen, so müßte dies - ebenso wie Vaillants Entwurf - v o n
e i n e r K o n f e r e n z d e r D e l e g i e r t e n d e r
3 P a r l a m e n t e, des französischen, des deutschen und des
italienischen, b e s c h l o s s e n w e r d e n - ein Dele-
gierter von jeder Nation würde genügen. Unbedingte Voraussetzung
für jede internationale Aktion muß sein, daß man sich im voraus
über den Inhalt und die Form verständigt. Es scheint mir unzuläs-
sig, daß eine Nationalität allein öffentlich die Initiative er-
greift und dann die anderen auffordert, ihr zu folgen. Die Herren
Franzosen sind bisweilen selbst äußerst kitzlig in Fragen der
Etikette und sollten ihrerseits demokratische Rücksicht walten
lassen. Ich werde die Aufmerksamkeit der Deutschen nicht auf die-
sen Punkt lenken, aber ich würde mich nicht wundern, wenn diese
reichlich naive Aufforderung, sich
-----
1*) die besten Wünsche zum neuen Jahr
#191# 94 - Engels an Paul Lafargue - 3. Januar 1894
-----
dem Schritt der französischen Partei anzuschließen, die gerade
erst ins Parlament gekommen ist und aus so verschiedenen und zum
Teil so wenig bekannten Elementen besteht, nicht sofort akzep-
tiert würde.
Jetzt zum Inhalt.
Vaillants Entwurf wird von den Militärs unter dem Vorwand be-
kämpft werden, daß Milizen nach dem Schweizer Vorbild vielleicht
für ein gebirgiges Land geeignet, für ein großes Heer aber, das
auf jedem Gelände aktionsfähig sein muß, nicht zuverlässig genug
sind. Und darin hätten sie recht. Um ein gutes Milizheer zu ha-
ben, muß man bei der gymnastischen und militärischen Ausbildung
der Jugend anfangen; das würde also 5 bis 8 Jahre in Anspruch
nehmen; und eine solche Miliz hätte man dann erst gegen Ende des
Jahrhunderts. Wenn man also einen Gesetzentwurf einbringen will,
gegen den die Bourgeois und die Militärs keine gewichtigen Argu-
mente vorbringen können, muß man dieser Tatsache Rechnung tragen.
Und gerade das habe ich versucht mit den Artikeln, die im vorigen
Jahr im "Vorwärts" erschienen sind 2) und die ich Ihnen geschickt
habe. Ich sende Ihnen heute erneut ein Exemplar. Darin schlage
ich einen internationalen Vertrag vor über die gleichzeitige und
stufenweise gemeinsam und im voraus festgelegte Herabsetzung der
Militärdienstzeit. Um den vorhandenen Vorurteilen soweit wie mög-
lich Rechnung zu tragen, schlage ich vor, daß man eine Dienstzeit
bei der Fahne von z w e i J a h r e n zum Ausgangspunkt nimmt,
die so bald wie möglich auf 18 Monate (zwei Sommer und den dazwi-
schenliegenden Winter) und dann auf ein Jahr herabzusetzen ist
und so fort, bis ein Jahrgang von jungen Leuten das militär-
pflichtige Alter erreicht, der die gymnastische und militärische
Ausbildung erhalten hat, und fähig wäre, ohne weitere Vorberei-
tung zu den Waffen zu greifen. Dann hätte man eine Miliz, die nur
einmal alle 2 oder 3 Jahre große Manöver durchführen müßte, um
sich zusammenzufinden und zu lernen, als große Masse zu operie-
ren.
Heute, wo die zweijährige Dienstzeit schon allgemein anerkannt
ist, könnte man daher 18 Monate verlangen und in zwei oder drei
Jahren die Herabsetzung auf 1 Jahr; in dieser Zeit könnte man die
gymnastische und militärische Ausbildung der jungen Leute von 15
bis 18 Jahren organisieren, ohne die der 10- bis 15jährigen Jun-
gen zu vernachlässigen.
Vaillants Entwurf bedarf unbedingt der Revision durch jemand, der
sich auf militärische Dinge versteht; er enthält in Eile nieder-
geschriebene Sachen, deren ernsthafte Diskussion wir nicht unter-
stützen könnten. Nach
----
2*) "Kann Europa abrüstren?"
#192# 94 - Engels an Paul Lafargue - 3. Januar 1894
-----
Art. 9 (a l l e Landes k i n d e r) müßten auch die Mädchen
die "gesamte Entwicklung der Infanterie, Kavallerie und Artille-
rie" usw. usw. studieren.
Ein Ex. meiner Artikel schicke ich auch Vaillant.
Also, wenn es Ihnen gelingt, sich mit den Deutschen und den Ita-
lienern zu verständigen, daß diese einen entsprechenden Entwurf
zur Einberufung eines Abrüstungskongresses einbringen, der den
stufenweisen, gleichzeitigen und im voraus festgelegten Übergang
zum Milizsystem vorsieht, so wäre das eine wunderbare Sache und
sehr wirkungsvoll. Aber verderben Sie es bloß nicht, indem Sie
die öffentliche Initiative ergreifen ohne vorherige Beratung mit
den anderen. Die innerpolitischen Verhältnisse und besonders die
Vorschriften eines jeden Parlaments sind so verschieden von-
einander, daß ein solches Vorgehen für ein Land ausgezeichnet,
für ein anderes jedoch absolut unmöglich oder sogar verderblich
sein kann.
Die Anarchistenbombe [226] wird ebenso vorübergehen, wie die be-
rühmten 2500 fr. der Deutschen [190] vorübergegangen sind. Das
wird sich auf die Polizei auswirken; denken Sie an das Urteil von
Madrid in der Muñoz-Affäre, wo die Polizei auch für schuldig er-
kannt wurde [234], und in Frankreich riskiert sie, vor aller Öf-
fentlichkeit in die Bombenaffäre hineingezogen zu werden; wenn es
ihr diesmal gelingt zu entkommen, kann sie sich gratulieren. Die-
ser Krug ist ziemlich lange zu Wasser gegangen, jetzt ist er nahe
daran zu zerbrechen.
Ich hoffe, daß Laura ihr Manuskript [227] erhalten hat. 3*)
Umarmen Sie Laura für mich. Grüße von Louise.
Freundschaftlichst
Ihr F. Engels
Aus dem Französischen.
-----
3*) es folgt in der Handschrift gestrichen: Ich habe gestern das
erste Drittel des Ms. des 3. Bandes nach Hamburg geschickt.
zurück