Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#200# 101 - Engels an Victor Adler - 11. Januar 1894
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101
Engels an Victor Adler
in Wien
London, 11. Jänner 94
Lieber Victor,
Vor allem meinen Dank und herzlichste Erwiderung aller Eurer
Glückwünsche, besonders der von Dir, Deiner Frau und Kinder, und
Dank für die Bundesnadel, die ich tragen werde, sobald ich wieder
im Besitz einer dazu passenden Halsbinde bin - sie soll extra da-
für angeschafft werden.
Daß es bei Euch viel zu tun gibt, glaub' ich Dir gern, und was
uns alle wundert, ist nur, wie Du das alles fertigbringst, und
das unter den schwierigsten Verhältnissen. Wir bewundern Deine
Zähigkeit und beneiden Dich darum. Ganz besonders freut mich aber
Deine Zusicherung, daß es mit den Torheiten, die dort zu befürch-
ten standen, am Ende ist. 1*) Seitdem habe ich die Berichte über
die beiden Kongresse [238] und daraus das einzelne wenigstens zum
Teil gesehen. In Beziehung auf diese Hauptfrage ist in der Tat
alles vortrefflich verlaufen.
Für die gesunde Entwicklung der Bewegung war es ein wahres Glück,
daß der gescheite Höger erklärte, das Wahlrecht sei bürgerlicher
Schwindel, und dafür könne man nicht streiken [243], und daß die
Bergleute sich in ihrer Weise gegen jeden Streik erklärten, der
nicht auch für den Achtstundentag sei. Und die Tschechen in Bud-
weis haben uns auch geholfen, indem sie die Zulassung von Aner-
kennung des Programms und der Taktik abhängig machten (à la Zü-
rich [120]) und den Generalstreik, der dort am meisten zu spuken
scheint, auf die lange Bank des Parteitages [239] schoben, wo
dieser ihn schon weiter schieben wird.
Der Artikel von K. K[autsky], den Du abdrucktest [237], wird Euch
sehr nützlich sein. Aber bezeichnend ist er dafür, wie sehr der
Verfasser die Fühlung mit der lebendigen Parteibewegung verloren
hat. Vor ein paar Monaten die unbegreifliche Taktlosigkeit, in-
mitten einer Bewegung, die auf Leben und Tod gegen die Phrase vom
allgemeinen Streik ankämpfte, eine rein akademische Untersuchung
über den Generalstreik in abstracto
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1*) Siehe vorl. Band, S. 195/196
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und die allgemeinen Pros und Kontras der Sache schleudern zu wol-
len. [207] Und jetzt dieser Artikel, der wenigstens in diesen
Stellen ganz vortrefflich das Richtige trifft!
Jedenfalls geht bei Euch im nächsten Monat mit der Wahlreformvor-
lage die Agitation wieder lustig los. Es ist ganz gut, daß das
erste akute Fieber etwas Gelegenheit hatte, seinen Verlauf durch-
zumachen, jetzt werden die Leute die Dinge etwas kühler ansehn.
Wie es auch gehn mag, die Regierung und der Reichsrat
m ü s s e n Euch neue Waffen in die Hand geben, und im nächsten
Jahr sitzen Eurer ein halbes oder ganzes Schock im Parlament. Und
Proletarier in dieser altfränkischen, ständisch abgestuften
Versammlung! Die werden den Franzosen beweisen, daß das Proleta-
riat nicht, wie sie in falscher Analogie so gern sagen, le qua-
trième état 2*) ist, sondern eine ganz moderne jugendliche
Klasse, die mit dem ganzen alten Ständekram unverträglich ist und
ihn sprengen muß, e h e sie soweit kommt, ihre eigene Aufgabe
in die Hand nehmen zu können, die Sprengung der Bourgeoisie. Ich
freue mich schon auf das erste Erscheinen unserer Leute im
Reichsrat.
Ich bin übrigens noch immer der Ansicht, daß das Koahtionsmini-
sterium auseinanderfallen muß, sobald es ernstlich zu handeln an-
fangen will. Zur einen reaktionären Masse scheint mir in Öster-
reich die Zeit noch nicht gekommen - wenigstens nicht zur
d a u e r n d e n Bildung dieser Masse. Und selbst wenn die im
Kabinett sitzenden Chefs sich einigten, die Unterleute im Parla-
ment brächten es nicht fertig; und wenn hinter all dem ein Franz
Joseph steht, der sich nach seinem Taaffe zurücksehnt, so will
mich bedünken, als wären die Tage des Windischgrätz gezählt. Und
Taaffe, das heißt jetzt p r a k t i s c h allgemeines Stimm-
recht.
Ich bin begierig, wie sich die angeblichen 60 Sozialisten im
französischen Parlament machen werden. 3*) Es ist eine gemischte
Bande, selbst die socialistes de la veille 4*) sind teilweise
sehr unbestimmter Natur und dabei, trotz aller Fusionslust, doch
von allerlei alten, häßlichen Erinnerungen erfüllt, dazu aber
sind diese alle zusammen nur die Minorität gegenüber der aus
socialistes du lendemain 5*) bestehenden Millerand-Jaurèsschen
Majorität. Auch schweigen sich die Franzosen auf alle Anfragen
über den Charakter ihrer Fraktion hartnäckig aus. Sonntag kommt
Bonnier von Paris zurück hier durch, da werde ich ihn ausfragen
und wohl etwas erfahren.
Der 3. Band 6*) ist endlich im Druck. Die ersten 20 Kapitel (664
S. aus ca. 1870 S. Manuskript) sind bereits fort, am zweiten
Drittel bin ich, es
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2*) der vierte Stand 3*) siehe vorl. Band, S. 187/188 - 4*) Sozi-
alisten von gestern - 5*) Sozialisten von morgen - 6*) des "Ka-
pitals"
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bedarf nur noch der Schlußredaktion, und das dritte Dritte], das
wohl noch etwas mehr Arbeit erfordern wird, kommt dann auch bald
dran. Im September erscheinen wir, denke ich.
Jetzt muß ich aber wieder an mein geliebtes 23. Kapitel, ich habe
in den Feiertagen leider arg viel Zeit verlieren müssen.
Herzliche Grüße an Deine Frau und Kinder, Popp, Ulbing, Perner-
storfer, Reumann, Schrammel, Adelheid, die kleine Ryba und tutti
quanti und besonders auch Dich selbst von
Deinem F. Engels
Nach: Victor Adler,
"Aufsätze, Reden und Briefe",
Heft 1, Wien 1922.
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