Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #212# 109 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 23. Februar 1894
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       109
       
       Engels an Friedrich Adolph Sorge
       in Hoboken
       
       Eastbourne, 23. Febr. 94
       Lieber Sorge,
       Ich bin wegen temporärer Lahmheit wieder auf ein paar Wochen hier
       - bin in 6 Tagen wieder in London. [249]
       Louises Heiratskarte wirst Du erhalten haben. Ihr Mann, Dr. Frey-
       berger, ist  ein junger  Wiener Arzt,  der seine  Karriere an der
       Wiener Universität  aufgab, weil  man ihm  nicht erlauben wollte,
       den Arbeitern  die   s o z i a l e n   Ursachen ihrer Krankheiten
       aufzudecken, und  der jetzt  hier sich  etabliert hat. Er hat den
       Engländern bereits  gezeigt, daß man auf dem Kontinent mehr Medi-
       zin lernt  als hier. Einstweilen bleiben wir alle zusammen in Re-
       gent's Park Road.
       "Die heilige  Familie" 1*) ist in Rom richtig angekommen und geht
       Mitte März  an mich  zurück, wo  Du sie dann sofort zugesandt er-
       hältst. 2*)
       Unsre sonderbare  sozialistische Fraktion  in  der  französischen
       Kammer ist  noch immer  etwas mysteriös. Weder Zahl noch Richtung
       ist bis  jetzt sehr  klar. Guesde  bringt eine  ganze  Masse  Ge-
       setzentwürfe ein,  von denen  natürlich keiner durchgeht. Die er-
       sten Sensationserfolge  des Jaurès werden sich schwerlich wieder-
       holen, da  die Bombenwirtschaft  der Herren  Anarchisten [226] es
       rasch fertiggebracht  hat, dem Ministerium und der Sache der Ord-
       nung eine geschloßne Majorität zu liefern.
       Hier herrscht  unter den offiziellen Politikern vollständige Auf-
       lösung, sowohl  bei Liberalen  wie Konservativen.  Die  Liberalen
       können sich  nur halten durch neue politische und soziale Konzes-
       sionen an  die Arbeiter; aber dazu fehlt ihnen der Mut. So versu-
       chen sie's  mit einem  election cry 3*) gegen das House of Lords,
       statt payment of members, payment of election expenses by the go-
       vernment, and second ballot 4*) vorzuschlagen. D.h. statt den Ar-
       beitern mehr Macht gegen Bourgeois  u n d  Lords zu bieten,
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       1*) Friedrich Engels  und Karl  Marx: "Die heilige Familie" - 2*)
       siehe vorl.  Band, S.  188/189 3*) einer  Wahllosung - 4*) Diäten
       für Abgeordnete, Bezahlung der Wahlkosten durch die Regierung und
       Stichwahlen
       
       #213# 109 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 23. Februar 1894
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       wollen sie  bloß den  Bourgeois mehr Macht gegen die Lords geben,
       und darauf  fallen die Arbeiter nicht mehr herein. Im Sommer wird
       aber hier  jedenfalls allgemeine Neuwahl sein, und wenn die Libe-
       ralen sich  nicht  s e h r  zusammenraffen und  w i r k l i c h e
       Konzessionen an  die Arbeiter  machen, dann werden sie geschlagen
       und fallen  auseinander; jetzt  hält sie  nur noch  Gladstone zu-
       sammen, der jeden Tag abkratzen kann. Dann gibt's eine bürgerlich
       demokratische Partei  mit arbeiterfreundlichen Tendenzen, und der
       Rest der  Liberalen geht  zu Chamberlain  über. Und all das durch
       den bloßen  Druck der selbst noch in sich gespaltnen und halb be-
       wußtlosen Arbeiterklasse.  Kommt diese allmählich zum Bewußtsein,
       dann geht's noch ganz anders.
       In Italien  kann es  jeden Tag etwas Gewaltsames geben. Die Bour-
       geois haben  alle Scheußlichkeiten  des verfallenden  Feudalismus
       aufrechterhalten und  ihre eignen  Infamien und Schindereien dar-
       aufgepfropft. Das  Land ist am End seiner Ressourcen, es muß dort
       eine Änderung geben, aber die sozialistische Partei [257] ist bis
       jetzt noch   s e h r   schwach  und  s e h r  konfus, obwohl auch
       recht tüchtige Marxisten drunter sind.
       Auch in  Österreich haben  wir was zu erwarten. Dort passiert das
       Komische, daß  die Sozialisten  sich auf  den Kaiser 5*) stützen,
       der durch  die Genehmigung  des Taaffeschen Wahlreformplans [180]
       sich für  ein annähernd  allgemeines Stimmrecht  erklärt hat  und
       wirklich glaubt,  dies sei  ein notwendiges  Ergänzungsstück  der
       allgemeinen Wehrpflicht.  Das Koalitionsministerium  wird  nichts
       fertigbringen, oder  wenn es doch ein Wahlgesetz fertigbringt, so
       wird dies  nur als  Abschlagszahlung genommen,  und die  Bewegung
       geht mit  geheimer Genehmigung des Kaisers ruhig fort, bis wenig-
       stens Taaffes  Reform durchgeführt.  Und dann  sorgen unsre Leute
       für den Rest.
       Kurz, es  geht überall  lustig voran,  und das  fin de siècle 6*)
       präpariert sich immer schöner.
       Die "Workman's  Times" ist  dem Anschein nach am Sterben. Die In-
       dependent Labour Party [9] ist auch nicht viel lebendiger, es ist
       merkwürdig, wie langsam und im Zicksack hier sich alles bewegt.
       Viele Grüße Dir und Deiner Frau von den beiden Freybergers und
       Deinem F. Engels
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       5*) Franz Joseph I. - 6*) Ende des Jahrhunderts

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