Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#214# 110 - Engels an Paul Lafargue - 6. März 1894
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110
Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux
London, den 6. März 94
122, Regent's Park Road, N.W.
Mein lieber Lafargue 1*),
Ich habe soeben die Reden von Jaurès und Guesde über die
Getreidezölle gelesen. [258] Die von J[aurès] ist tatsächlich er-
staunlich, und es scheint mir unglücklich, daß man ihm erlaubt
hat, seinen Änderungsantrag im Namen der Partei einzubringen. Ich
will nicht von seinem Vorschlag sprechen, von Staats wegen den
Getreidepreis auf einem Minimum von 25 fr. zu halten, was rein-
ster Protektionismus ist, und überdies zum alleinigen Nutzen der
großen Grundbesitzer, da die kleinen k e i n G e t r e i d e
z u v e r k a u f e n h a b e n, denn ihre Erträge reichen
kaum für den eigenen Verbrauch; Guesde hat das auch richtig ge-
sagt, aber n a c h Léon Say, während wir das als erste hätten
laut verkünden müssen, statt uns dem Schritt von Herrn Say anzu-
schließen. Und daran hat uns die Tirade Jaurès' gehindert.
Aber nehmen wir nur den Vorschlag, den Staat mit der Getreideein-
fuhr zu betrauen. J[aurès] will die Spekulation verhindern. Aber
was macht er? Er beauftragt die Regierung mit dem Ankauf auslän-
dischen Getreides. Die Regierung ist das Exekutivkomitee der
M a j o r i t ä t d e r K a m m e r, und die Majorität der
Kammer ist die denkbar exakteste Vertretung eben dieser Spekulan-
ten in Getreide, in Aktien, in öffentlichen Mitteln usw. usw. Es
ist genau wie in der vorigen Kammer, wo man die Panamisten mit
der Untersuchung der Panama-Affäre [6] beauftragte! Und diese Pa-
namisten, die im letzten August wiedergewählt worden sind, wollt
Ihr mit der Unterdrückung der Spekulation betrauen! Es genügt
Euch nicht, daß sie Frankreich mit Hilfe des Jahresbudgets und
der Börse bestehlen, wo sie zumindest mit ihren eigenen Kapita-
lien und ihrem eigenen Kredit operieren -, Ihr wollt ihnen meh-
rere Milliarden und den Nationalkredit zur Verfügung stellen, da-
mit sie Euch mit Hilfe des S t a a t s s o z i a l i s m u s
die Taschen noch mehr ausräumen!
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1*) In der Handschrift gestrichen: Anbei ein Scheck über £ 20
#215# 110 - Engels an Paul Lafargue - 6. März 1894
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Und Jaurès bildet sich ein, einen völlig neuen und unerhörten
Vorschlag gemacht zu haben. Aber die kleinbürgerlichen Soziali-
sten des Kantons Zürich sind ihm zuvorgekommen; seit Jahren for-
dern sie das staatliche Monopol für den Getreidehandel; i h r
Staat ist jedenfalls viel demokratischer als die französische Re-
publik, er kann sich sogar einen kleinbürgerlich-sozialistischen
Polizeichef erlauben (Herrn Vogelsanger), und er kennt keine all-
mächtigen Präfekten; und im übrigen ist er so klein, daß er sich
wohl Extravaganzen erlauben kann, die dort nicht ins Gewicht fal-
len, während eine große Nation sich solche Kindereien nicht unge-
straft leisten könnte.
Die Rede Guesdes hat natürlich daran gelitten, daß er, wenigstens
pro forma, einige der Anwandlungen von Jaurès, unterstützen
mußte. Glücklicherweise haben ihn seine Zuhörer auf das Terrain
allgemeiner Prinzipien geführt - das hat uns gerettet; er konnte
sich damit begnügen, Jaurès' Vorschlag nur oberflächlich zu
streifen. Was mich betrifft, ich hätte es lieber gesehen, wenn
Guesde sein feierliches Debüt unabhängig von Jaurès und als Wort-
führer unserer Gruppe gegeben hätte. Aber schließlich hat er ge-
tan, was er konnte.
Alles das ist die Folge der Allianz mit den Ex-Radikalen, die man
uns aufzwingt. 2*) Zunächst: Warum hat Jaurès den radikalen Wäh-
lern Versprechungen gemacht, von denen er wußte, daß er sie nicht
halten kann? Eine Gewohnheit der Radikalen [21], aber keineswegs
der Sozialisten, und wir werden gut daran tun, sie nicht zu be-
günstigen. Dann mißbraucht dieser Herr Jaurès, dieser doktrinäre,
aber - besonders in der politischen Ökonomie - unwissende Profes-
sor, dieses im höchsten Grade oberflächliche Talent, seine Redse-
ligkeit, um sich auf den ersten Platz zu drängen und sich als
Wortführer des Sozialismus aufzuspielen, den er nicht einmal ver-
steht. Sonst hätte er nicht gewagt, einen S t a a t s s o z i a-
l i s m u s in den Vordergrund zu stellen, der eine der
K i n d e r k r a n k h e i t e n des proletarischen Sozialismus
darstellt, eine Krankheit, die man z.B. in Deutschland vor mehr
als einem Dutzend Jahren unter der Herrschaft des Ausnahmege-
setzes [143] durchgemacht hat, w o d a s d i e e i n z i g e
F o r m w a r, d i e v o n d e r R e g i e r u n g g e-
d u l d e t w u r d e (und die sie sogar begünstigte). Und doch
war es nur eine verschwindende Minderheit der Partei, die für
eine kurze Zeit darauf hereinfiel; nach dem Kongreß von Wyden
[269] ist das alles verschwunden.
Aber wir haben in Frankreich die Republik! werden Euch die Ex-Ra-
dikalen sagen - bei uns ist das etwas anderes, wir können die Re-
gierung für sozialistische Maßnahmen ausnutzen! - Die Republik
unterscheidet sich
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2*) siehe vorl. Band S. 187
#216# 110 - Engels an Paul Lafargue - 6. März 1894
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von der Monarchie dem Proletariat gegenüber nur dadurch, daß sie
die f e r t i g e politische Form für die künftige Herrschaft
des Proletariats ist. Ihr habt uns gegenüber den Vorteil, daß Ihr
sie schon habt; wir anderen, wir müssen noch 24 Stunden verlie-
ren, um sie zu schaffen. Aber die Republik wird wie jede andere
Regierungsform durch ihren Inhalt bestimmt; solange sie die Herr-
schaftsform der B o u r g e o i s i e ist, ist sie uns genau so
feindlich wie irgendeine Monarchie (abgesehen von den
F o r m e n dieser Feindseligkeit). Es ist also eine völlig un-
begründete Illusion, sie ihrem Wesen nach für eine sozialistische
Form zu halten oder ihr, solange sie von der Bourgeoisie be-
herrscht ist, sozialistische Aufgaben anzuvertrauen. Wir können
ihr Zugeständnisse entreißen, aber ihr niemals die Ausführung un-
serer eigenen Arbeit übertragen. Wenn wir sie noch durch eine
Minderheit kontrollieren könnten, die stark genug wäre, sich von
einem Tag zum andern in eine Majorität zu verwandeln!
Aber geschehen ist geschehen, und es gibt kein Mittel, es unge-
schehen zu machen. Es werden sich andere Gelegenheiten bieten, wo
die Unseren vorangehen und mit Hilfe von Gesetzentwürfen ihre ei-
genen Tendenzen verkünden können.
Die Hochzeit Louises hat Sie also überrascht? Das hat sich schon
seit einigen Monaten vorbereitet. Freyberger hat Wien verlassen
und eine glänzende Karriere an der Universität aufgegeben, weil
man ihm verbot, in seinen Vorlesungen die Arbeiter über die so-
zialen Ursachen ihrer Krankheiten aufzuklären. Also ist er hier-
her gekommen und hat sehr gute Aussichten in den hiesigen Spitä-
lern vorgefunden. Als dies geregelt war, gab es keinen Grund
mehr, mit der Hochzeit zu zögern. Inzwischen erwartet er die Ver-
wirklichung dieser Aussichten und ist hierher zu seiner Frau ge-
zogen. Sie sehen, das ist eine ganz matriarchalische Ehe, der
Mann ist der boarder 3*) seiner Frau!
Das erinnert mich an meine eigenen Studien über das Matriarchat
und die Übersetzung, die Laura freundlicherweise davon machen
wollte. [99] Ich hoffe, daß sie die von mir vorgeschlagenen weni-
gen Änderungen billigt und Sie ihr gesagt haben, wie entzückt ich
von ihrer Übersetzung dieses 3. und 4. Teils gewesen bin. Umarmen
Sie sie by your proxy 4*).
Ganz der Ihre F. E.
Aus dem Französischen.
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3*) Kostgänger - 4*) in Vertretung für mich
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