Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#223# 115 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 21. März 1894
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115
Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken
London, 2I.März 94
122, Regent's Park Road, N.W.
Lieber Sorge,
Heute schickte ich Dir per Book Post, registered 1*), die
"Heilige Familie" mit bestem Dank zurück, nachdem sie ihre Römer-
fahrt 2*) glücklich bestanden.
Das Bax-Morrissche Buch und die Berliner Bernsteinsche Gesamt-
ausgabe von Lassalle schicke ich Dir in einem Paket sogleich nach
Ostern.
Soeben war Tante Motteler mit Gertrud Liebknecht hier, letztere
scheint sich vorläufig bei ersterer häuslich einrichten zu
wollen. Was Liebknecht (sie sagt, er habe ihre Rückkehr ge-
wünscht) mit ihr anfangen will, ist Geheimnis, wahrscheinlich
auch für ihn selbst. Seine älteste Tochter, Frau Geiser, ist
selbst in möglichst schlechten Verhältnissen, und seine Frau und
Gertrud sind wie Hund und Katz. Auch glaub' ich nicht, daß er
grade auf ihre Rückkehr gedrängt hat.
Hast Du im "Vorwärts" den Roman "Helena" von der alten Mutter
Kautsky gesehn? Sie bringt eine Masse lebender Parteigenossen auf
die Bühne, u.a. Motteler und seine Frau, es ist ein schlechter
Abklatsch der Gregor Samarow 3*) (Spion Meding)schen Reklamero-
mane. Ich bin begierig, ob das so ruhig hingeht, ich wundre mich
einigermaßen, daß der "V[or]w[är]ts" das genommen; Mutter Natalie
Liebknecht zensiert da das Feuilleton.
Die "Pionierkalender" dankend erhalten.
Hier geht's mit Macht auf die Parlamentsauflösung los. Bei der
Neuwahl [261] werden mehr Arbeiterkandidaten aufgestellt als je
vorher, aber noch lange nicht genug, und ich bin nicht sicher, ob
nicht wieder eine ganze Menge davon mit Torygeld aufgestellt wer-
den. Die Liberalen wie die Tories halten beide fest an dem indi-
rekten Wählbarkeitszensus, der in der Belastung der Kandidaten
mit den sämtlichen Kosten der Wahl liegt -
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1*) Drucksache, eingeschrieben - 2*) siehe vorl. Band, S. 188/189
- 3*) in der Handschrift: Samarin
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von £ 100 im Minimum bis zu £ 4-600 und selbst mehr allein für
die a m t l i c h e n Kosten: polling places 4*) etc. Wenn da
die Arbeiter in Champions Klauen fallen, der ihnen £ 100 per
Wahlbezirk offeriert (er hat das Geld von dem Seifenfabrikanten
Hudson erhalten), so haben die Liberalen keinen Grund, sich zu
beklagen. Überhaupt gehn sie der Wahl mit merkwürdig hartnäckiger
Verkennung der Sachlage entgegen. Sie tun, als wollten sie das
O b e r h a u s abschaffen, aber weigern sich, das U n t e r-
h a u s so umzugestalten (durch Stärkung der Arbeitermacht), daß
es allein imstande ist, so etwas in Angriff zu nehmen. Andrer-
seits sind die Tories so dumm wie noch nie, und das will viel
sagen. Seit 2 Jahren haben sie mit der liberalen Regierung
geradezu Schindluder im Unterhaus und Oberhaus getrieben; die
Liberalen haben es sich ruhig gefallen lassen und der massenhaft
konservativ gewordne Philister hat sich gefreut darüber, weil es
unter dem Vorwand geschah, die hochverräterische reichsfeindliche
Homerulebill-Homeruleregierung zu beseitigen. Aber jetzt setzen
sie das Spiel auch fort bei ernstlichen englischen Maßregeln, und
das könnte dem friedlichen Philister doch etwas zu arg werden. So
daß die Sache sehr ungewiß steht und die Neuwahl jedenfalls
überraschende Resultate ergeben wird, unter allen Umständen
Stärkung der Arbeiter und Notwendigkeit für die Liberalen, den
Arbeitern weitere Konzessionen zu machen.
In Östreich, Belgien, Holland ist ebenfalls Wahlreform auf der
Tagesordnung, es wird bald kein europäisches Parlament mehr geben
ohne Arbeitervertreter. In Östreich geht die Sache sehr gut. Ad-
ler leitet die Bewegung ganz ausgezeichnet geschickt, der Partei-
tag [239] am Sonntag wird weiterhelfen.
Wenn bei Euch erst die Tarifgeschichte [218] in einige Ordnung
gebracht und der Zoll auf Rohstoffe beseitigt ist, wird die Kri-
sis wahrscheinlich abnehmen und die Überlegenheit der amerikani-
schen Industrie über die europäische sich entschieden geltend ma-
chen. Dann erst wird's hier in England ernsthaft, dann aber auch
rasch.
Mit den ersten beiden Dritteln des 3. Bandes 5*) wurde ich
rascher fertig als ich erwartete, und da der Druck rasch
voranging (12 Bogen Korrektur schon hier), war ich genötigt, die
kurze Anzeige 6*) zu machen. Das letzte Drittel ist noch nicht
ganz schlußredigiert, nächste Woche komme ich wieder dran.
Louise K[autsky] hat Dir ihre Verheiratung mit Dr. med. L. Frey-
berger aus Wien angezeigt. Er ist ein junger Arzt, der, wie ich
glaube, eine
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4*) Wahllokale - 5*) des "Kapitals" - 6*) "Der dritte Band von
Karl Marx' 'Kapital'", "Über den Inhalt des dritten Bandes des
'Kapitals'"
#225# 115 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 21. März 1894
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bedeutende wissenschaftliche Karriere vor sich hat, er prakti-
ziert an hiesigen Spitälern. Einstweilen ist er zu uns gezogen,
so daß Louises Adresse bis auf den Namen unverändert.
Dein F. Engels
Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau von Louise und mir. Hoffent-
lich geht's besser mit der Gesundheit.
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