Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #228# 117 - Engels an Pablo Iglesias - 26. März 1894
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       117
       
       Engels an Pablo Iglesias
       in Madrid
       (Entwurf)
       
       [London, 26. März 1894]
       Lieber Freund Iglesias,
       Deinen Brief  vom 24.  Nov. habe ich rechtzeitig erhalten und be-
       ginne meine  Antwort mit  der Erklärung,  daß dies  mein  letzter
       Brief ist,  wenn Du  Dich weiter  darauf versteifst, mich mit Sie
       anzureden. Ich  hätte wirklich  allen Grund, gekränkt zu sein, da
       Du mir  die zwischen alten Internationalen und Kampfgefährten ge-
       wohnte Anrede  verweigerst, die mir Anselmo Lorenzo 1872 gewährte
       und die  mir so viele Genossen gewähren, alte und junge 1*). Also
       zum  D u!
       Ich schreibe  französisch weiter; da ich seit über zwanzig Jahren
       nicht spanisch geschrieben habe, würde ich einen ganzen Tag brau-
       chen, um  einen Brief  in  Spanisch  zu  schreiben.  Entschuldige
       bitte! 2*)
       Also. Ich  habe es  sehr bedauert,  daß ich in Zürich die Chance,
       Dich zu  sehen, verpaßt habe. [90] Als ich am Samstag früh in die
       Tonhalle ging,  kamen, bevor  ich den  Sitzungssaal betrat, viele
       Freunde ins  Restaurant, um  mich zu sprechen; ich habe fast alle
       gebeten, die spanische Delegation zu suchen und Dir zu sagen, daß
       ich Dich  erwarte; aber  niemand kam.  Nach Schluß des Kongresses
       versicherte man  mir, daß  ich Dich  bestimmt nachmittags auf dem
       Dampfer sehen  würde. Aber  ich habe  Dich vergebens  gesucht und
       weiß jetzt auch warum: Am Sonntag konnte mir niemand sagen, wo Du
       logierst, man sagte mir wiederholt, Du wärest abgereist, und dann
       habe ich  es aufgegeben, Dich zu finden. Ich habe das sehr bedau-
       ert, denn  einer der  Gründe, und keineswegs der geringste, warum
       ich nach  Zürich fuhr, war die Hoffnung, dort meinen alten Freund
       Iglesias persönlich zu sehen und ihm die Hand zu drücken.
       Dank für  die regelmäßige  Zusendung von "El Socialista", den ich
       jeden Samstag  abend mit  Vergnügen lese  und aus dem ich mit Be-
       friedigung ersehe,  daß sich  Eure Organisation  allmählich  über
       ganz Spanien ausdehnt,
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       1*) im Entwurf  gestrichen: französische,  deutsche, österreichi-
       sche, Schweizer  usw. -  2*) in  der Handschrift bis hierher spa-
       nisch, im  folgenden französisch,  der letzte  Absatz des Briefes
       wieder spanisch
       
       #229# 117 - Engels an Pablo Iglesias - 26. März 1894
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       daß in  den baskischen Provinzen der Sozialismus auf den Trümmern
       des Karlismus  entsteht und die entfernten Provinzen Galicien und
       Asturien zur Bewegung zu stoßen beginnen. Enhorabuena! 3*)
       Was die  Anarchisten angeht,  so sind  sie wahrscheinlich  im Be-
       griff, sich  selbst umzubringen.  Diese heftigen  Attacken, diese
       Serie von  Attentaten, die unsinnig und im Grunde von der Polizei
       bezahlt und  provoziert sind,  müssen schließlich sogar den Bour-
       geois die  Augen über  den wahren Charakter dieser Propaganda von
       Narren und  Polizeispitzeln öffnen.  Selbst die  Bourgeoisie wird
       mit der Zeit finden, daß es absurd ist, die Polizei und durch die
       Polizei die  Anarchisten zu  bezahlen, damit  sie dieselben Bour-
       geois, die sie bezahlen, in die Luft sprengen. Und wenn wir jetzt
       auch riskieren, unter der bourgeoisen Reaktion zu leiden, so wer-
       den auf  die Dauer  doch wir gewinnen, weil wir diesmal allen vor
       Augen führen können, daß zwischen uns und den Anarchisten ein Ab-
       grund klafft.
       Hier geht  die Bewegung  ziemlich langsam  voran. Es gibt bei den
       Arbeitermassen bestimmt eine starke Neigung zum Sozialismus. Aber
       die historischen  Bedingungen in  England sind  derart, daß diese
       Neigung der  Masse bei den Führern eine Menge verschiedener, sich
       überschneidender und  einander bekämpfender  Strömungen  erzeugt.
       Hier wie  in Frankreich  wird man die Einheit nur dann erreichen,
       wenn eine  gewisse Anzahl  sozialistischer Abgeordneter im Parla-
       ment sitzen  wird; heute  sind es nur zwei - das ist einer zuviel
       oder mindestens einer zuwenig.
       In Italien  reift  eine  kritische  und  revolutionäre  Situation
       heran. Ich  schicke Dir  die "Critica Sociale" mit einem Artikel,
       den ich auf Bitten der Mailänder Freunde geschrieben habe. [250]
       In Deutschland entwickeln sich die Dinge wie üblich. Das ist eine
       gut organisierte und gut disziplinierte Armee, die von Tag zu Tag
       größer wird  und mit sicherem und unbeirrbarem Schritt ihrem Ziel
       entgegenschreitet. In Deutschland können wir fast den Tag errech-
       nen, an dem 4*) die Staatsmacht in unsere Hände fallen wird.
       Inzwischen möchte ich Deine Aufmerksamkeit auf Österreich lenken.
       Dort bereitet  sich ein  großer Kampf vor. Die herrschenden Klas-
       sen, Feudaladel wie Bourgeoisie, haben ihre Ressourcen erschöpft.
       Eine Wahlrechtsreform  ist unvermeidlich  geworden. Man  versucht
       die Dinge  so zu  arrangieren, daß  die Arbeiterklasse  nicht  zu
       viele Vertreter  in das Abgeordnetenhaus bekommt. Aber die Arbei-
       ter sind entschlossen 5*), sie werden die
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       3*) Glück auf!  - 4*) im Entwurf gestrichen: wir die einzige Par-
       tei sein  werden, die  fähig ist - 5*) im Entwurf gestrichen: das
       allgemeine Wahlrecht zu erhalten
       
       #230# 117 - Engels an Pablo Iglesias - 26. März 1894
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       Bourgeois Schritt für Schritt zum Nachgeben zwingen, bis das all-
       gemeine Wahlrecht  bewilligt ist.  Nach Zürich  habe ich Wien be-
       sucht; nach  allem, was ich gesehen habe, scheinen mir die öster-
       reichischen Sozialisten eine große Zukunft zu haben.
       Als ich  bis hier geschrieben hatte, traf Dein Brief vom 22. März
       ein. Es bedrückt mich, daß ich Dir nicht einige Zeilen zum 1. Mai
       schicken kann, aber ich bin gerade dabei, die Schlußredaktion des
       3. Bandes  des "Kapitals"  von Marx zu beenden, und sehe mich ge-
       zwungen,  j e d e  Mitarbeit sowohl für den 18. März als auch für
       den 1.  Mai abzulehnen. Und was ich den Franzosen, den Deutschen,
       den Österreichern  usw. abgelehnt  habe, kann  ich nicht für Euch
       tun.
       Ich umarme Dich herzlich.
       
       Aus dem Französischen und Spanischen.

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