Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #243# 127 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 12. Mai 1894
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       127
       
       Engels an Friedrich Adolph Sorge
       in Hoboken
       
       London, 12. Mai 1894
       122, Regent's Park Road, N.W.
       Lieber Sorge,
       Gestern schickten  wir Dir  per G.W. Wheatley & Co. (New York Ad-
       dress, U.S.  Express Co.  49, Broadway)  ein Paket mit Morris-Bax
       und dem  Berliner Lassalle  in 50 Lieferungen [281], was Dir hof-
       fentlich bald  zukommt. Carriage  paid. 1*) Gleichzeitig ging der
       Rest des  Ms. des 3. Bands 2*)nach Hamburg ab, und damit fiel mir
       ein schwerer  Stein vom  Herzen. Die  letzten 2  Abschnitte haben
       mich noch  "weidlich schwitzen machen". Es werden 60 Bogen, davon
       sind 20 schon gesetzt.
       Sehr beruhigend  war mir  die Nachricht von der glücklichen Rück-
       kehr der  "Heiligen Familie" in Deinen Schoß nach ihrer wunderba-
       ren Odyssee.  3*) Dagegen sehr betrübt hat mich die Nachricht we-
       gen Deiner  Augen. Ich hoffe, Du konsultierst einen guten Spezia-
       listen, es  ist da  viel zu  tun, wenn rechtzeitig eingeschritten
       wird. Seit 15 Jahren habe ich auch ab und zu mit den Augen zu tun
       gehabt, habe ärztlichen Rat befolgt und bin jetzt wieder so weit,
       daß die Sache mich gar nicht mehr geniert, wenn ich nur bei Licht
       nicht zu viel schreibe.
       Ich habe  dieser Tage  eine Erkältung gehabt, die mir klargemacht
       hat, daß  ich endlich ein alter Mann bin. Was ich früher als eine
       Lumperei behandeln  konnte, hat  mich diesmal auf 8 Tage ziemlich
       heruntergebracht und  nachher noch  volle 14 Tage unter medizini-
       scher Polizeiaufsicht  gehalten. Auch  jetzt soll  ich mich  noch
       rein 14  Tage lang in acht nehmen. Es war eine gelinde Bronchitis
       und die  ist bei  alten Leuten  nie leicht  zu nehmen, namentlich
       wenn sie  wie ich gern und lustig drauflosgekneipt haben. Das In-
       achtnehmen kommt  mir allerdings sauer genug an, aber schließlich
       hat Freyberger  doch recht, wenn er es mir vorschreibt, und dann,
       was die  Ausführung angeht,  dafür sorgt die Louise, die mich mit
       doppelten und  dreifachen Argusaugen  überwacht. Ich  glaube, ich
       habe Dir schon früher
       
       #244# 127 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 12. Mai 1894
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       geschrieben 4*), daß wir unsre häuslichen Einrichtungen so unver-
       ändert wie  möglich gelassen  haben, indem wir den jungen Ehemann
       in Kost  und Logis  genommen haben, das ist nun zwar ganz gut und
       fidel, aber  leider nur  solang man gesund ist; ich bin in meinem
       ganzen Leben  nicht so  viel medizinisch  geschurigelt worden als
       die letzten  4 Wochen und muß mich schließlich damit trösten, daß
       es alles zu meinem eignen Besten geschah.
       Dietzgen und  Frau waren  hier auf ein paar Stunden Sonntag nach-
       mittag, trafen  leider Tussy  nicht. Ich habe ihm Empfehlungen an
       Bebel und Kautsky gegeben. Waren sehr nette Leute.
       Hoffentlich hat  Dein Sohn  inzwischen wieder einen Posten gefun-
       den, ein  aufgeweckter und geschäftserfahrner junger Mann wie er,
       der auch  jetzt wohl  in der  Praxis manche Illusionen wird abge-
       schliffen haben, sollte in Amerika immer auf die Füße fallen.
       Hier geht's  wie immer. Keine Möglichkeit, unter die Arbeiterfüh-
       rer irgendwelche  Einheit zu  bringen. Aber  trotzdem bewegen die
       M a s s e n  sich vorwärts, langsam zwar und erst nach Bewußtsein
       ringend, aber  doch  unverkennbar.  Es  wird  hier  gehn  wie  in
       Frankreich und  früher in  Deutschland: Die Einigung wird erzwun-
       gen, sobald  eine Anzahl unabhängiger (speziell nicht mit libera-
       ler Hülfe gewählter) Arbeiter im Parlament sitzt. Dies zu verhin-
       dern, tun die Liberalen ihr möglichstes. Sie dehnen 1. das Stimm-
       recht nicht  einmal auf  die Leute  aus, die  es -   a u f  d e m
       P a p i e r   - schon jetzt haben, sie machen im Gegenteil 2. die
       Wählerlisten    noch     kostspieliger         f ü r        d i e
       K a n d i d a t e n   als bisher,  da sie  zweimal im Jahr aufge-
       stellt werden  sollen, und die Kosten einer korrekten Aufstellung
       auf die  Kandidaten  resp.  Vertreter  der  politischen    P a r-
       t e i e n   fallen,  nicht  auf  den  Staat;  sie  verweigern  3.
       ausdrücklich die  Übernahme der Wahlkosten auf den Staat oder die
       Gemeinde, ferner 4. Diäten und 5. die Stichwahlen. Alle diese Er-
       haltungen alter  Mißbräuche sind  ein direktes Wählbarkeitsverbot
       für Arbeiterkandidaten in 3/4 und mehr der Wahlkreise. Das Parla-
       ment soll  ein   K l u b   r e i c h e r  L e u t e  bleiben. Und
       das zu  einer Zeit,  wo die reichen Leute, weil zufrieden mit dem
       Status quo,  alle konservativ  werden, und  die  liberale  Partei
       a u s s t i r b t   und mehr und mehr von den Arbeiterstimmen ab-
       hängig wird;  aber die  Liberalen bleiben dabei, daß die Arbeiter
       n u r   Bourgeois wählen  sollen, keine  Arbeiter, und erst recht
       keine unabhängigen Arbeiter.
       Hieran gehn  die Liberalen  kaputt. Ihr  Mangel an Mut entfremdet
       ihnen die  Arbeiterstimmen im Land, löst ihre kleine Majorität im
       Parlament auf, und wenn sie nicht noch in letzter Stunde  s e h r
       k ü h n e  Schritte tun, so sind
       
       #245# 127 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 12. Mai 1894
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       sie wahrscheinlich  verloren. Dann  kommen die  Tories  dran  und
       f ü h r e n   d a s   a u s, was  die Liberalen eigentlich durch-
       zuführen -  nicht bloß  zu versprechen  - vorhatten. Und dann ist
       eine unabhängige Arbeiterpartei ziemlich sicher.
       Die Social  Democratic  Federation  [10]  hier  teilt  mit  Euren
       Deutschamerikanischen Sozialisten  [282]  die  Auszeichnung,  die
       einzigen Parteien zu sein, die es fertiggebracht haben, die Marx-
       sche Theorie der Entwicklung auf eine starre Orthodoxie herunter-
       gebracht zu  haben, zu der die Arbeiter sich nicht aus ihrem eig-
       nen Klassengefühl  heraus emporarbeiten  sollen, sondern  die sie
       als Glaubensartikel  sofort und ohne Entwicklung herunterzuwürgen
       haben. Daher  bleiben beide  bloße Sekten  und kommen,  wie Hegel
       sagt, von  nichts durch  nichts zu  nichts. Ich  habe die Polemik
       Schl[üter]s mit  Euren Deutschen noch nicht Zeit gehabt zu lesen,
       werde sie  aber morgen  vornehmen, nach  früheren Artikeln in der
       "Volksztg." schien der richtige Ton getroffen.
       Grüß Deine  Frau herzlich, und laß uns bald beßre Nachrichten hö-
       ren.
       Herzliche Grüße,
       Dein F. E.
       
       Herzliche Grüße von Louise.

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