Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#254# 134 - Engels an Paul Lafargue - 2. Juni 1894
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Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux
London, den 2. Juni 94
Mein lieber Lafargue,
Inliegend der Scheck über zwanzig Pfund. Bitte bestätigen Sie mir
den Eingang.
Das letzte Stück des Manuskripts des 3. Bd. 1*) ist in der Druc-
kerei. Uff! Aber die Korrekturbogen machen mir sehr viel Arbeit;
sie verlangen ständige, ununterbrochene Aufmerksamkeit, das ist
ermüdend! Zudem bedient sich Meißner einer ziemlich nachlässigen
Druckerei, was meine Arbeit erschwert. Hinzu kommt, daß man bei
Dietz die 3. Auflage meines "Anti-Dühring" druckt, und Sie werden
mir sicher glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich buchstäblich mit
Korrekturbogen überhäuft bin.
Über Ihre Schilderung des modernen Sozialismus in Frankreich habe
ich gelacht. Aber das kann eine ernste Wendung nehmen. Wenn Ihr
eine solide und starke Armee hättet, wie es die 2 Millionen Wäh-
ler in Deutschland sind, so würde das freilich die konfuse Masse
der neu Hinzugekommenen entscheidend beeinflussen. Aber mit einer
in Marxisten, Blanquisten, Allemanisten, Broussisten und mehrere
andere -isten gespaltenen Partei, ganz zu schweigen von den Ex-
Radikalen à la Millerand, die alle anderen in der Kammer beherr-
schen, ist es sehr schwer zu sagen, wohin diese neue Mode Euch
führen wird. Sie vergleichen das mit dem Boulangismus [288] - der
Boulangismus hat, nachdem er einige Monate hindurch schwelgte,
ein Ende in Schmutz und Schande genommen. In einer Bewegung die-
ser Art ist es fast gewiß, daß Phraseure à la Jaurès vorherrschen
werden, die sich schon das Alleinrecht anmaßen, in der Kammer in
Ihrer aller Namen zu sprechen. Heute hört die Kammer auf sie, wo
sie die Unsrigen zum Schweigen bringen, morgen wird das Land auf
sie hören.
Es ist immerhin möglich, daß dies alles nicht zu schlecht und so-
gar gut ausgeht; inzwischen aber werdet Ihr kuriose Abenteuer
durchzustehen
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1*) des "Kapitals"
#255# 134 - Engels an Paul Lafargue - 2. Juni 1894
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haben, und ich beglückwünsche uns alle dazu, daß es in Deutsch-
land ein solides Kampfkorps gibt, dessen Handeln den Kampf ent-
scheiden wird. Diese sozialistische Manie, die sich bei Euch
zeigt, kann zu einem entscheidenden Konflikt führen, in dem Ihr
die ersten Siege davontragen werdet; die revolutionäre Tradition
des Landes und der Hauptstadt, der Charakter Eurer Armee, die
seit 1870 bedeutend stärker auf Volksbasis reorganisiert worden
ist, all dies läßt eine derartige Möglichkeit zu. Um aber den
Sieg zu sichern, um die Grundlage der kapitalistischen Gesell-
schaft zu zerstören, braucht Ihr die aktive Unterstützung einer
sozialistischen Partei, die stärker, zahlreicher, erprobter, be-
wußter ist als die, über die Ihr verfügt. Das wäre die Erfüllung
dessen, was wir seit vielen Jahren vorausgesehen und vorausgesagt
haben: die Franzosen geben das Signal, eröffnen das Feuer, und
die Deutschen entscheiden die Schlacht.
Vorläufig aber sind wir noch weit davon entfernt, und ich bin
sehr neugierig, wie sich die konfuse Begeisterung, die Euch um-
gibt, entwirren wird.
Sogar Carl Hirsch hat in der "Rheinischen Zeitung" festgestellt,
daß hinter diesem ganzen Turpin-Spektakel nur Börsenspekulanten
stecken. [289] Nur der englischen Presse ist es verboten, das zu
sagen und infolgedessen gibt sie vor, daß es sich dabei um eine
Affäre der hohen und niederen Politik handelt. Hier ist man davon
überzeugt, daß hinter jeder großen politischen Affäre die Börse
und die Geschäftemacher stehen - und eben deshalb ist es streng
verboten, das zu sagen. Protestantische bürgerliche Heuchelei.
Denken Sie an Jabez Balfour, an Mundella, der eben seinen Mini-
sterposten aufgegeben hat, und das aus gutem Grunde, sowie an Sir
J. Fergusson und Sir J. Gorst, die in die Sache hineingezogen
worden sind und sich wahrscheinlich für jedes künftige Tory-
Ministerium unmöglich gemacht haben. [290]
Neulich ist Kautsky hier eingetroffen; er ist viermal bei uns ge-
wesen. Louise und ihr Mann haben ihn auf die charmanteste Weise
empfangen; wenn jemand verlegen war, so nicht sie.
Was Ihr Medaillon (ich meine meins) angeht, so wird das
Schwierigkeiten machen. Einmal in meinem Leben habe ich die Dumm-
heit gemacht und mich im Profil aufnehmen lassen, aber das soll
nicht wieder vorkommen. Ich sehe so dumm aus, daß ich mich hüten
werde, der Nachwelt mein Porträt im Profil zu hinterlassen. Das
Medaillon von Marx würde ich jedoch sehr gern sehen (schicken Sie
bitte auch eins für Tussy!), und ich bin sehr neugierig, ob Ihrem
Künstler die Wiedergabe der Nase geglückt ist, die im Profil
wirklich unmögliche Linien hat.
#256# 134 - Engels an Paul Lafargue - 2. Juni 1894
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Umarmen Sie Laura für mich!
Grüße von Louise und Ludwig. Letzterer zeigt den englischen Ärz-
ten auch weiterhin, wie sehr ihnen die Kollegen vom Kontinent in
der wahren Wissenschaft, Anatomie, Physiologie, Pathologie usw.
überlegen sind.
Herzlichst F. Engels
Aus dem Französischen.
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