Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#26# 16 - Engels an August Bebel - 9. Februar 1893
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Engels an August Bebel
in Berlin
London, 9. Febr. 93
Lieber August,
Vor allem meine Gratulation zu Deiner prächtigen Rede vom 3.
Febr., die uns schon im "Vorwärts"-Auszug ungeheuer gefreut
hatte, aber im Stenogramm noch besser herauskommt. Sie ist ein
Meisterstück, woran auch einzelne kleine theoretische Ungenauig-
keiten, die im mündlichen Vortrag unvermeidlich sind, nichts än-
dern. Ihr habt ganz recht, diese Rede in Hunderttausenden von Ex-
emplaren verbreiten zu lassen, auch abgesehn von und neben der
Verbreitung der ganzen Debatte im Broschürenformat. [41]
Diese Debatte, womit die Herren Bourgeois sich die Langeweile der
- durch das Mogeln hinter den Kulissen - öde gewordnen Sitzungen
vertreiben und auch bei der Gelegenheit uns schön aufs Glatteis
führen wollten, ist ein ganz kolossaler Sieg für uns geworden.
Und daß sie das selbst fühlen, zeigt der Umstand, daß sie nach
Liebk[necht]s Rede genug haben und dies anzeigen lassen - durch
Stoecker! Jetzt endlich also merken die Herren, daß es ein Mark-
stein ist zur Bezeichnung eines neuen Siegs der Arbeiterpartei,
wenn ein Parlament sich fünf Tage lang mit der gesellschaftlichen
Reorganisation in unserm Sinn beschäftigt, und wenn obendrein
dies Parlament der deutsche Reichstag ist. Dieser letztere Um-
stand konstatiert vor aller Welt, vor Freund und Feind, die tri-
umphierende Stellung, die die deutsche Partei sich erobert hat.
Wenn das so fortgeht, werden wir bald, ohne eigne Arbeit, allein
von der Dummheit unsrer Gegner leben können.
Es war klar, daß Du die Kosten der Debatte tragen mußtest. Soweit
ich Frohmes Rede beurteilen kann, hat sie allerdings zu dem Sie-
gesgeschrei der Richter und Bachem und Hitze einigen Vorwand ge-
liefert, und die Geschichte mit dem Thomas von Aquino und Aristo-
teles müßte genau untersucht werden; wenn Hitzes Behauptung rich-
tig, so wäre Fr[ohme] unfähig zu zitieren, wenn aber nicht, hätte
er sich in einer persönlichen Bemerkung rechtfertigen müssen.
[42] Sonst ist alles schön verlaufen, und auch L[ie]bk[necht]s
Schlußrede war, wenn auch inhaltlich nicht bedeutend, doch
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polemisch gut und "schneidig". Kurz, es ist ein Triumph. Aus
Freude darüber hat mich die Hexe gestern Spar-Agnes geschimpft,
worauf ich ihr bemerklich machte, daß sie die rechte Strampel-An-
nie sei, letzteres kann mir jeder bezeugen, der sie kennt, sie
ist sogar eher schlimmer als jene, sie strampelt nicht mit den
Beinen, aber desto mehr mit dem Kopf. [43]
Was Du wegen des geschicktesten russischen Plans für einen
Kriegsfall sagst, hat viel Richtiges. [44] Aber zu bedenken ist,
daß, wenn Rußland die Niederwerfung Frankreichs nicht dulden
kann, Italien und England ebensowenig die Erdrückung Deutsch-
lands. J e d e r l o k a l i s i e r t e K r i e g steht mehr
oder weniger unter Kontrolle der Neutralen. Der nächste Krieg,
kommt er überhaupt, läßt sich aber absolut nicht lokalisieren,
sie werden - die Kontinentalen wenigstens - alle in den ersten
Monaten hineingerissen, auf dem Balkan fängt's von selbst an, und
höchstens England kann eine Zeitlang neutral bleiben. Dein russi-
scher Plan setzt aber eben einen lokalisierten Krieg voraus, und
den halte ich bei den heutigen enormen Armeen und den nieder-
schmetternden Resultaten für den Besiegten nicht mehr für mög-
lich.
In Ägypten handelt es sich einfach darum (von seiten der Russen,
die Franzosen sind nur Drahtpuppen), den Engländern eine schwie-
rige Situation zu bereiten und damit auch ihre Truppen und Flotte
möglichst festzulegen. Kommt's dann zum Krieg, so hat Rußland den
Engländern etwas zu bieten für ihr Bündnis oder mindestens ihre
Neutralität, und in einem solchen Moment tauschen die Franzosen
mit Wollust Ägypten aus gegen Elsaß. Das gleiche Spiel spielen
die Russen einstweilen in Zentralasien an der indischen Grenze,
wo sie noch auf Jahre hinaus zu ernstlichen Angriffen zu schwach
sind und das Terrain noch lange nicht dazu vorbereitet ist. - Ne-
benbei soll bei Ägypten auch die Türkei für Rußland eingefangen
werden.
(Soeben war wieder ein russischer Besucher da, der mich über eine
Stunde aufgehalten hat, dadurch ist es 4 Uhr geworden, und der
Brief wird dadurch kürzer.)
Ich sehe, in der Militärkommission habt Ihr auch einen Major
Wachs. Wenn er derselbe ist, der ein Vetter des Dr. Gumpert in
Manchester ist, so habe ich ihn dort einmal vor ca. 25 Jahren ge-
troffen. Damals war er als ehemaliger kurhessischer Lieutenant
bei den Preußen eingetreten und fand sich sehr enttäuscht, bei
seinen Besiegern von 1866 dasselbe Kamaschenwesen zu treffen, das
er bei den Kurhessen als Ursache der Niederlage betrachtet hatte,
ich ermunterte ihn noch, nur ruhig bei den Preußen auszuhalten,
er werde wohl auch die guten Seiten der Armee noch kennenlernen.
Dann hat er sich bei Spichern [48] als Kornpagniechef durch selb-
ständige Besetzung eines Eisenbahndurchgangs t r o t z
s e i n e s M a j o r s sehr
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ausgezeichnet und ist im Generalstabswerk [46] rühmlichst erwähnt
- einer der sehr wenigen überhaupt darin erwähnten Lieutenants.
Seitdem habe ich einzelne strategisch-politische Aufsätze von ihm
gelesen - meist über den Orient - worin recht gute Sachen sind
nebst andrem (Politischem), womit ich nicht einstimme. Er ist je-
denfalls ein tüchtiger Offizier - wenn derselbe.
Übrigens scheint der Kompromiß ja wahrscheinlicher als je; 28 000
Mann wollen selbst die Freisinnigen [47] und das Zentrum [17] ge-
ben, 40 000 offeriert Bennigsen; da werden wohl noch so viele um-
fallen, daß die Regierung statt 60 000 ihre 50 000 kriegt (wenn
sie strammhält, auch vielleicht eine Kleinigkeit mehr) und das
bürgerliche Vaterland wieder einmal vor Auflösung und Konflikt
gerettet ist. [48]
Der "Ball" war eine Strampelei der liebenswürdigen Hexe. Der
"Verein" [27] gab ein Konzert, worauf nachher ein Ball folgte. Um
11 Uhr war der e r s t e Teil des Konzerts fertig, worauf ich
mich gehorsamst verabschiedete, also werden sie wohl nicht vor
ein Uhr zum Tanzen gekommen sein. Sie selbst spricht nur mit der
Herablassung, die einem weit höheren Alter als das ihrige zu-
kommt, vom Tanzen und wenn sie walzen soll, wirst Du sie wohl
selbst auf die Bretter führen müssen. Ich bin gar nicht so si-
cher, daß dann das Wiener Blut nicht wieder seine Rechte geltend
machen würde.
Im polnischen "Przedswit", der hier erscheint, wird in der näch-
sten (Febr.) Nr., die in der Presse ist, folgendes erzählt. In
Grajewo ist an der Grenze von Ostpreußen ein unterer russischer
Beamter Namens Spatzek angestellt, ein Böhme von Geburt, der die
Frachtbriefe übersetzt. Der Mann macht trotz miserablen Gehalts
große Reisen, bis nach Konstantinopel, lebt flott, kommt viel auf
preußisches Gebiet unter dem Vorwand der Jagd, ist dicker Freund
des Landrats von der Gröben in Lyck, der ihm Jagdscheine und an-
dre Reiseerlaubnisscheine in Masse ausstellt. Während der Cho-
leragrenzsperre konnte niemand über die Grenze, aber Herr Spatzek
nebst Frau und einem andern der Spionage verdächtigen russischen
Beamten H-n konnte ungestört nach Königsberg reisen. Der Zweck
dieser Herumtreibereien auf deutschem Gebiet ist nach Ansicht der
Leute jenseits der Grenze einzig und allein die Ausspionierung
der zwischen den ostpreußischen Seen angelegten Sperrforts, und
der superkluge preußische Landrat läßt sich dabei von seinem
russo-böhmischen Freund bereitwilligst benutzen. Die Überlegen-
heit der preußischen Bürokraten fällt überall hinein.
Ferner ist unter den russischen Truppen an der Grenze dieser Tage
eine ganze Ladung Literatur angekommen: viele Ex. einer Broschüre
des
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Artillerielieutnants Alexandrow in Taschkent ü b e r d i e
U r s a c h e n u n d d i e N o t w e n d i g k e i t d e s
b e v o r s t e h e n d e n K r i e g s. Davon hat jede Kompa-
gnie ein Ex. erhalten, damit die Offiziere die Soldaten gehörig
aufklären.
Vielleicht kannst Du diese Nachrichten im Privatverkehr mit den
Leuten in der Militärkommission benutzen.
Hier ist Keir Hardie mit einem Amendement wegen der Arbeitslosen
zur Adresse (Antwort auf die Thronrede 1*)) im Parlament aufge-
treten. Die Sache an sich war ganz gut. Aber K. H[ardie] hat zwei
kolossale Böcke gemacht: 1. war das Amendement als d i r e k-
t e s T a d e l s v o t u m gegen die Regierung formuliert,
ganz unnötigerweise, so daß die Annahme die Regierung zum Rück-
tritt genötigt hätte und die ganze Geschichte praktisch ein Tory-
manöver wurde, 2. ließ er sich von dem protektionistischen
(schutzzöllnerischen) Tory Howard Vincent sekundieren, statt von
einem Arbeitervertreter, was das Torymanöver und s e i n e
Erscheinung als Tory-Drahtpuppe vollständig machte. Auch haben
102 Tories für ihn gestimmt und nur 2 Liberal-Radikale [49], kein
Arbeitervertreter. Burns war in Yorkshire agitieren. Er hat, wie
ich Dir schon schrieb 2*), seit Bradford [9] schon mehr als
einmal Manöver gemacht und Äußerungen getan, die auf Champion-
schen Einfluß raten ließen, jetzt wird dies schon mehr als ver-
dächtig; seine Existenzmittel sind unbekannter Herkunft, und er
hat seit 2 Jahren viel Geld verreist; woher kommt das? Die
englischen Arbeiter verlangen von ihren Abgeordneten und sonsti-
gen Führern, daß sie der Bewegung alle ihre Zeit opfern, wollen
sie aber nicht zahlen, und sind daher selbst schuld, wenn diese
zu Unterhalts- und Wahlzwecken Geld von anderen Parteien nehmen.
Solange dies dauert, wird's immer Panamaisten [6] unter den hie-
sigen Arbeiterführern geben.
Übrigens wird dies dem Herrn K. H[ardie] bald gelegt werden oder
er selbst wird gelegt. Die Arbeiter in Lancashire und Yorkshire
sind nicht die Leute, sich ins konservative Gängelband nehmen zu
lassen und den Tories die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Man
muß nur dem K. H[ardie] Zeit lassen, die Folgen seiner Politik am
eignen Leib zu spüren und aller Augen evident werden zu lassen.
Burns ist nach Halifax gegangen Wahlagitieren und hat daher nicht
mitgestimmt bei K. H[ardie]s Antrag. Nämlich in Huddersfield und
Halifax, 2 Fabrikstädten in Yorkshire von über 100 000 Einwohnern
jede, ist Nachwahl. Die Independent Labour Party hat in Halifax
einen Kandidaten 3*) aufgestellt; die anderen beiden Parteien
auch. Nun bot sie den Liberalen an:
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1*) der Königin Victoria - 2*) siehe vorl. Band, S. 13 - 3*) John
Lister
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zieht ihr euren Kandidaten in Halifax zurück 4*), so daß wir nur
den Tory 5*) gegenüber haben, so stimmen wir in Huddersfield für
euch. Die Liberalen lehnten ab. Darauf f i e l a m D i e n-
s t a g d e r L i b e r a l e i n H u d d e r s f i e l d
6*) d u r c h gegen den Tory 7*) - durch Stimmenthaltung der
Independent Labour Party. Ferner verloren die Liberalen bei einer
anderen Nachwahl in Burnley, Lancashire, nahe bei Halifax, 750
Stimmen gegen die vorige Wahl - ebenfalls durch unsere Stimment-
haltung. Heute ist die Wahl in Halifax und wahrscheinlich, daß
der Tory gewählt wird. Das würde Gladstones Majorität, jetzt 36,
auf 34 herunterbringen. Diese Geschichten heizen den Liberalen
täglich mehr ein; soweit verläuft die Sache ganz vortrefflich,
Gladstone wird vor den Arbeitern kapitulieren müssen. Die
Hauptsache sind die politischen Maßregeln, Erweiterung des
Wahlrechts für Arbeiter durch Verwirklichung dessen, was jetzt
auf dem Papier steht und die Arbeiterstimmen um 50% vermehren
würde; Verkürzung der Parlamentsdauer (jetzt 7 Jahre!), Zahlung
der Wahlkosten und Diäten aus öffentlichen Mitteln.
Einstweilen müssen diese neuen Erfolge der unabhängigen Politik
das Selbstgefühl der Arbeiter heben, ihnen sagen, daß sie jetzt
fast überall das Schicksal der Wahlen und damit jedes Ministeri-
ums in der Hand haben. Das ist das Wichtigste: Selbstbewußtsein,
Selbstvertrauen der Klasse. Das wird auch über alle die elenden
Klüngeleien hinweghelfen, die eben nur aus dem Mangel an Ver-
trauen der Massen auf sich selbst entspringen. Haben wir eine
wirklich sich en masse bewegende Arbeiterschaft, dann verschwin-
den die schlauen Manöver der Herren Führer, weil sie ihnen mehr
schaden als nützen.
Louisens Brief ging ab 5.30 abends mit dem Nachtschiff. Dieser
geht ab 9. abends, also mit dem ersten Tagesschiff. Willst Du uns
sagen, zu welcher Stunde Du jeden erhalten hast, wir wissen dann,
welche Post die beste ist.
Herzliche Grüße an Deine Frau und Dich selbst, auch nochmals von
Louise und von
Deinem F. E.
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4*) William Rawson Shaw - 5*) Alfred Arnold - 6*) Joseph Woodhead
- 7*) Joseph Crosland
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