Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#265# 142 - Engels an Ludwig Schorlemmer - 5. Juli 1894
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142
Engels an Ludwig Schorlemmer
in Darmstadt
London, 5. Juli 94
122, Regent's Park Road, N.W.
Mein lieber Schorlemmer,
Jetzt, nachdem das letzte Manuskript zum 3. Band "Kapital" in den
Händen des Druckers, habe ich mich wieder Ihrer Angelegenheiten
etwas annehmen können [104], und kann Ihnen auf Ihre Zeilen vom
25./4. die lang versäumte Antwort geben.
Mit der Fortsetzung des großen bei Vieweg erschienenen Werks so-
wie aller andern Viewegschen Verlagsartikel Carls hat es einen
eignen Haken. Ich habe damals in Manchester die Verträge einge-
sehn, und es ist darin bestimmt, daß, wenn z. B. Carl vor Vollen-
dung des Ganzen stirbt, Vieweg das Werk vollenden lassen kann
d u r c h e i n e n V o n i h m e r n a n n t e n M a n n.
Es ist dies der Grund, warum er nichts von sich hören läßt, und
auch auf den Verlag von Carls hinterlaßner Arbeit sich nicht ein-
läßt, er will sich offenbar ganz freie Hand behalten. Auch fer-
nere Honorarzahlungen von ihm sind nicht zu erwarten. Denn 1. ho-
noriert er laut Vertrag nur d r u c k f e r t i g e s Manu-
skript, also keine unfertigen Arbeiten, und 2. zahlt er für
u n v e r ä n d e r t e Neuauflagen ebenfalls kein Honorar.
Kurz, Vieweg kann ganz machen, was er will, und wenn der 5. Band
erscheint, so wird er jedenfalls für die deutsche Ausgabe einen
andern Verfasser haben. [228]
Carls Arbeit über Geschichte der Chemie hat Siebold, wie er mir
schreibt, wegen fortwährender Krankheit, das Ms. noch nicht
druckfertig machen können, auch ist seine englische Übersetzung
noch nicht fertig. [229] Der arme Teufel hat mit seiner Gesund-
heit viel Pech gehabt und ist nervös wieder ganz herunter, er
wird lange Ruhe und gute Luft nötig haben, bis er sich erholt.
Was die Geldangelegenheiten angeht, können Sie ruhig sein, da
sind sie in guten Händen, und wie die Sachen liegen, hat Roscoe
auch da das Heft in der Hand, und man muß sich schließlich mit
den von ihm wegen Zahlung von Revisionsarbeiten etc. gelieferten
Angaben begnügen. Roscoe hat möglicherweise etwas leichteres
Spiel gehabt, indem er mit Siebold
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direkt, statt wie versprochen, mit mir verhandelte, aber viel Un-
terschied wird's auch nicht machen, und ich hätte ihn ja doch
auch für alle Abmachungen an Siebold und Klepsch verweisen müssen
und mußte mich in letzter Instanz auch mit seinen Versicherungen
abfertigen lassen. Die entscheidende Sache war die, daß bei dem
so raschen Fortschritt der Chemie jedes Lehrbuch in einem Jahr
veraltet, wenn es nicht fortwährend revidiert wird, und daher
sowohl dem Verleger wie dem Publikum gegenüber in der Lehrbuchs-
literatur nur der Lebende recht hat.
Ich hatte gehofft, diesen Sommer wieder nach Deutschland zu kom-
men, aber ich werde nicht können, weil ich grade während der Som-
mermonate wegen Mietkontraktsangelegenheiten mich nicht weit von
London entfernen darf, um im Notfall stets hierherkommen zu kön-
nen, und selbst noch nicht einmal weiß, wann ich überhaupt werde
mich etwas an die See setzen können. Diese Dinge hätte ich ei-
gentlich voriges Jahr erledigen sollen, aber da habe ich die
rechte Zeit verstreichen lassen, während ich drüben war [90], und
als ich zurückkam, war's zu spät.
Vom 3. Band "Kapital" werden Sie nächstens 2 Kapitel in der
"Neuen Zeit" lesen können 1*), auch von mir kommt möglicherweise
etwas 2*).
Montag ist Liebknecht von hier abgereist, er war über eine Woche
hier.
Die Hitze ist groß, bei Ihnen wahrscheinlich auch, in Paris
soll's unerträglich sein.
Viele Grüße von
Ihrem F. Engels
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1*) Vgl. vorl. Band, S. 259 - 2*) "Zur Geschichte des Urchristen-
tums"
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