Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#269# 145 - Engels an Victor Adler - 17. Juli 1894
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Engels an Victor Adler
in Wien
London, 17. Juli 1894
Lieber Victor,
Es freut mich, daß die paar Mark Dir so gelegen kommen, ich
hoffe, Du benützest sie, um Dir die so absolut nötige Ruhe und
Erholung auf dem Lande zu verschaffen. Du m u ß t absolut fort,
die Nachkur nach den Gefängnisstrapazen [266] ist Dir nötiger als
irgend etwas. Du sagst selbst, Du fühlst Dich abgespannt, und das
ist wahrhaftig kein Wunder, also sobald Du herauskommst, fort
aufs Land! Für die vollständige Wiederherstellung Deiner Frau ist
das auch das beste.
Das zusätzliche Kapitel (es ist nur eine Erweiterung eines schon
bestehenden) im "Anti-Dühring" ist von Marx, hat mir also bloß
Kopier- und Redigierarbeit gemacht. [301]
Vom dritten Band 1*) sind zirka 36 Bogen gesetzt, es werden wohl
über 50 werden. Da Meißner alles Interesse daran hat, im Septem-
ber damit herauszurücken, wird's wohl bis dahin fertig.
Zu Eurem Tagblatt gratuliere ich und freue mich schon darauf.
[294] Es ist wirklich nötig, daß dem unerträglichen "Vorwärts"
ein Beispiel gegeben werde, "wie man's macht". Die Leute werden
dann schon folgen müssen. Allerdings merkt man, wenn Du sitzest,
der "Arb[eiter]-Ztg." auch von Zeit zu Zeit an, daß Ihr ebenfalls
unbrauchbare Leute habt, die sich dahin vordrängen, wohin sie
nicht gehören. Aber wenn das Tagblatt da ist, wirst Du Deine red-
nerische Tätigkeit schon von selbst auf wenige entscheidend wich-
tige Momente beschränken müssen und daher weniger sitzen, und
beim Blatt selbst ist ja der Sitzredakteur ohnehin unumgänglich,
das Lamm, das der Redaktion Sünden trägt.
Und dann habt Ihr in Wien augenblicklich einen besseren Boden für
ein Tagblatt, als Berlin ihn bietet. Ihr steht in einer aufstei-
genden politischen Bewegung; Wahlreform [180] ist Euch sicher,
und schon der Kampf um ein solches Ziel, um einen unmittelbaren
politischen Fortschritt, ist ein
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1*) des "Kapitals"
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enormer Vorteil für Euer Blatt; die Wahlreform aber ist nur der
Anstoß, der den Stein ins Rollen bringt und andere Konzessionen
wegen Presse, Vereinen, Versammlungen, Gerichtspraxis etc. zur
Folge haben muß. Kurz, Ihr seid in der Offensive, und zwar in ei-
ner, die zunächst noch des Sieges gewiß ist. Dagegen in
Frankreich, Deutschland, Italien stehen unsere Leute in einer
nicht einmal immer hoffnungsvollen Defensive, haben den Ansturm
einer sich immer stärker aus den verschiedensten Parteien zusam-
menballenden Reaktion auszuhalten. Es ist das Beweis - wenigstens
in Deutschland -, daß die Unseren eine wirkliche Großmacht im
Lande geworden, und in Frankreich ist's Beweis, daß man auf die-
sem revolutionär unterwühlten Boden die Unseren wenigstens für
eine Großmacht h ä l t. Aber bei alledem ist Eure Lage für den
Kampf momentan günstiger - Ihr greift an, erobert Schritt vor
Schritt Terrain, jeder errungene und besetzte neue Bodenabschnitt
stärkt nicht nur Eure Stellung, sondern führt Euch Massen neuer
Verstärkungen zu: bei Eurem primitiven Konstitutionalismus können
die Arbeiter wenigstens noch einige der Positionen erobern, und
das auf gesetzlichem Weg, also auf dem Weg, der sie selbst poli-
tisch schult - der Positionen, die die Bourgeoisie hätte erobern
s o l l e n. Auch bei uns gibt's noch solche Positionen zu neh-
men, aber die kriegen wir erst, wenn ein Anstoß von außen kommt,
von einem Land, wo die Verquickung der alten feudalen, bürokrati-
schen, polizeilichen Formen mit annähernd modernen bürgerlichen
Institutionen den ersteren ein so starkes Übergewicht gelassen,
daß die Situation zu unmöglichen Verwicklungen führt. Und in die-
ser glücklichen Lage seid Ihr, und in der noch glücklicheren, daß
Eure Arbeiterbewegung groß und stark genug ist, hier die Ent-
scheidung zu geben, und damit, wie ich hoffe, für Deutschland,
Frankreich und Italien den Anstoß, der dort nötig ist, um die
viel zu früh sich bildende "eine reaktionäre Masse" momentan wie-
derum zu sprengen, und statt des chronischen reaktionären Drucks
einige bürgerliche Reformen im Sinne der Bewegungsfreiheit der
Massen ins Leben zu rufen. Erst von dem Tage an, wo Ihr die - ei-
nerlei welche - Wahlreform erkämpft, erst von da an hat eine Agi-
tation gegen die Dreiklassenwahl in Preußen [302] einen Sinn. Und
schon jetzt hat die Tatsache, daß es in Österreich eine Wahlre-
form irgendeiner Art geben wird, das bedrohte allgemeine Stimm-
recht in Deutschland sichergestellt. Ihr habt also in diesem Mo-
ment eine sehr bedeutende historische Mission. Ihr sollt die
Avantgarde des europäischen Proletariats bilden, die allgemeine
Offensive einleiten, die hoffentlich nicht wieder ins Stocken
kommt, bis wir den Sieg auf der ganzen Linie errungen - und Du
sollst diese Avantgarde führen - wenn Du da nicht baldigst aufs
Land gehst und
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Dich ausgiebig mit neuen Kräften versorgst, dann versäumst Du
Deine erste Pflicht.
Und diese Pflicht wird um so ernsthaftiger, je mehr Du an die
einzigen Rivalen denkst, die Ihr als Avantgarde haben könntet -
die Franzosen. Du schriebst an Louise, ich möchte Dir darüber be-
richten. Ich habe es bis heute aufgeschoben, weil 1. Tussy vorige
Woche von Paris vom Glasarbeiterkongreß zurückkam, und 2. vorge-
stern Bonnier bei uns war, und ich erst hören wollte, was d i e
erzählten. Well, soweit ich sehen kann, liegen die Sachen wie
folgt.
Die letzten Wahlen [52] brachten etwa 25 "Sozialisten" - Marxi-
sten, Broussisten, Allemanisten, Blanquisten, Unabhängige - in
die Kammer. Gleichzeitig vernichteten sie die bisherige "radikale
Fraktion", die sich auch républicains socialistes 2*) nennende
Gruppe, namentlich durch Ausschluß aller früheren Führer. Da ta-
ten sich etwa 30 der zu dieser Gruppe gehörigen und wieder ge-
wählten zusammen unter Millerand und Jaurès und boten den
"Sozialisten" die Fusion an. Es war dies ein sehr sicheres Manö-
ver ihrerseits; denn nicht nur waren sie zahlreicher als die
Altsozialisten, sondern auch einig, während diese in x Gruppen
gespalten. Sie wurden also wieder eine respektable Gruppe von 50
bis 60 Mann in der Kammer, ohne daß sie den Altsozialisten mehr
zu bieten brauchten als ein sehr platonisches sozialistisches
Programm, dessen politisch radikale Artikel wie die allgemeine
Arbeiterfreundlichkeit sie schon früher im Programm gehabt, wäh-
rend die socialisation des moyens de production 3*) einstweilen
noch unschuldige Zukunftsmusik war, die vielleicht für die dritte
oder vierte Generation praktische Bedeutung bekommen könnte, frü-
her sicher nicht.
Unsere 25 Altsozialisten griffen mit beiden Händen zu. Sie waren
nicht imstande, Bedingungen zu stellen, dazu waren sie viel zu
uneinig. Zwar wollte man, wie schon bei den Wahlen, in der Kammer
zusammengehen, aber im übrigen sollten die besonderen Organisa-
tionen alle nebeneinander bestehenbleiben; welche Gruppe da hätte
den Neusozialisten spezifische Bedingungen stellen wollen, die
wäre mit den anderen in Konflikt gekommen. Und zudem hätten es
keine Franzosen sein müssen, um bei der plötzlichen Aussicht, von
25 auf 55 oder 60 Mann in der Kammer anzuwachsen, nicht in Begei-
sterung zu geraten und über dem augenblicklichen Schein oder
wirklichen Erfolg die Gefahren der Zukunft außer Augen zu lassen.
Was Kuckuck, die Deutschen renommieren so mit ihren 44, und wir
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2*) sozialistische Republikaner - 3*) Vergesellschaftung der Pro-
duktionsmittel
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haben über Nacht 55, wo nicht 60! La France reprend sa place à la
tête du mouvement! 4*)
Die 30 oder 35 Neusozialisten sind mit dem Sozialismus eine
Verstandsehe eingegangen. Sie hätten's ebenso gern auch nicht ge-
tan, aber es war für sie das gescheiteste, den Sprung zu machen.
Sie merken, daß sie nun einmal ohne die Arbeiter sich nicht hal-
ten können, und wohl oder übel sich an diese anschließen müssen.
Aber ganz freiwillig ist der Anschluß bei a l l e n anfangs
nicht gewesen, und bei m a n c h e n gewiß auch jetzt noch
nicht.
Von den Hauptvertretern ist Millerand einer der gescheitesten,
und ich glaube auch aufrichtigsten, aber ich fürchte, bei ihm
sitzt noch manches bürgerlich-juristische Vorurteil fester, als
er selbst weiß. Politisch ist er der tüchtigste Mann der ganzen
Gruppe. Jaurès ist ein Professor, Doktrinär, der sich gern reden
hört, und den die Kammer lieber reden hört als Guesde oder Vail-
lant, weil er den Herren der Majorität doch verwandter ist. Ich
glaube, er hat die ehrliche Absicht, sich zu einem ordentlichen
Sozialisten zu entwickeln, aber Du weißt, der Tatendrang dieser
Neophyten steht im direkten Verhältnis zu ihrer Sachunkenntnis,
und letztere ist bei J[aures] sehr groß. So konnte es kommen, daß
J[aurès] in Paris denselben Vorschlag als sozialistisch ein-
brachte, den Graf Kanitz in Berlin im Interesse der Junker depo-
nierte: Verstaatlichung der Getreideeinfuhr zum Zweck der Hoch-
stellung der Kornpreise. [271] Und da bei den Altsozialisten der
Kammer die Sachunkenntnis in oeconomicis - seit Lafargues Durch-
fall in Lille ist keiner drin, der etwas davon weiß - ebenfalls
ziemlich hochgradig ist, so konnte Guesde sich nicht versagen,
wenigstens einen Teil dieses Antrages als "sozialistisch" und ge-
gen die "Spekulation" gerichtet zu verteidigen. Die "Spekulation"
dadurch zu stürzen, daß man den Getreidehandel einer aus Panama-
schwindlern [6] bestehenden Regierung und Regierungspartei über-
trägt, ist allerdings eine famos sozialistische Idee. Ich habe
den Herren auch durch Bonnier und Lafargue meine Meinung über
diesen Riesenbock unverhohlen gesagt.
Ich habe ihnen ferner gesagt: die Fusion, statt der bloßen Alli-
anz, mit den Neusozialisten war ein vielleicht unvermeidliches
Schicksal. Aber dann haltet die Möglichkeit im Auge, daß hier
bürgerliche Elemente vorliegen, mit denen ihr in prinzipiellen
Konflikt kommen könnt; daß also eine Trennung unvermeidlich wer-
den kann. Bereitet euch darauf vor, dann kann gegebenenfalls die
Überführung in eine einfache Allianz leicht erfolgen, und ihr
braucht in der Überraschung keine Dummheit zu machen. Vor
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4*) Frankreich nimmt wieder seinen Platz an der Spitze der Bewe-
gung ein!
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allem, wenn die Leute in der gemeinsamen Fraktion Dinge vorbrin-
gen, die ihr nicht billigen könnt, und ihr werdet überstimmt, so
behaltet euch vor, diese Maßregeln in der Kammer nicht durch Re-
den verteidigen zu müssen, sondern im Gegenteil in eurer Presse
eure abweisende Meinung zu begründen, selbst wenn ihr der Einig-
keit zulieb für diese Dinge stimmen müßt. - Nun, wir wollen se-
hen, ob's was hilft.
Also: einerseits sind es die Neusozialisten, die den verschie-
denen Gruppen der Altsozialisten eine gewisse Einigkeit aufnöti-
gen. Anderseits wollen die Leute im Ausland es sich nicht ein-
leuchten lassen, daß nun plötzlich eine Gruppe von 60 Mann "aus
nichts" entstanden ist, und daß die Hauptredner Millerand und
Jaurès bisher nicht als Sozialisten bekannt waren; daher der ganz
natürliche Zweifel an der Waschechtheit dieser 60, namentlich
nach dem brillanten Eindruck, den die französischen Delegierten
in Zürich hinterlassen. [156]
Unterderhand gehen die Klüngeleien und Befehdungen der verschie-
denen Sekten ruhig voran. Namentlich klagen die Marxisten über
Vaillant, der viel Propagandareisen in der Provinz macht und dort
über die Marxisten allerhand falsche Verlästerungen ausstreuen
soll. Vaillant ging früher mit den Marxisten fast immer zusammen,
aber 1. ist er ein strikter blanquistischer Parteimann, der Par-
teibeschlüsse unter allen Umständen durchführt, und seit zwei
Jahren existiert Krakeel zwischen Blanquisten und Marxisten; und
2. gibt's in seinem Wahlkreis viel Possibilisten, er braucht sie,
und daher zum Teil seine Schwenkung zu diesen.
Sehr möglich ist es, daß die neuen Reaktionsmaßregeln in
Frankreich [303] die Neusozialisten weitertreiben, und allmählich
eine wirklich sozialistische Fraktion aus den 60 wird. Aber das
ist eben noch nicht wirklich, und es kann auch anders kommen.
Hier geht's den alten englischen Schlendrian. Die ökonomische wie
politische Entwicklung treibt die Massen der englischen Arbeiter
mehr und mehr in unsrer Richtung voran, aber bis diese aller
theoretischen Anschauungsweise entwöhnten, nie über ihre Nasen-
länge hinaussehenden "Praktiker" sich über ihre eigenen Gefühle
und Bedürfnisse ein Bewußtsein bilden, können Jahre vergehen, es
sei denn, sie werden direkt mit der Nase darauf gestoßen. In der
Zwischenzeit blüht unter den "Führern" die politische Mogelei
nach bürgerlich-parlamentarischer Art lustig fort, und man erlebt
da täglich neue Wunder.
Ludwig ist heute im Examen zum Member 5*) (nicht mehr bloß licen-
ciate)
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5*) Mitglied
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of the Royal College of Physicians. Das Ding dauert 14 Tage.
Nachher werden wir hoffentlich bald an die See gehen können - we-
gen Hausangelegenheiten kann ich dies Jahr nicht von England weg.
Louise grüßt herzlich, sagt, von Bösesein sei keine Rede, näch-
stens würdest Du die Ursache erfahren, warum Du noch keine Ant-
wort hast.
Herzliche Grüße an Deine Frau, Adelheid, Popp und alle Freunde.
Dein F. E.
Nach: Victor Adler,
"Aufsätze, Reden und Briefe".
Heft 1, Wien 1922.
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