Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #276# 147 - Engels an Karl Kautsky - 28. Juli 1894
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       147
       
       Engels an Karl Kautsky
       in Stuttgart
       
       London, 28. Juli 94
       122, Regent's Park Road, N.W.
       Lieber Baron,
       Mit dem Abdruck des Artikels 1*) eilt es nicht. Wenn ich die Kor-
       rektur besorgt  habe, kannst  Du ihn  drucken, wann Du willst, im
       September oder  selbst Oktober.  Ich habe mich mit dem Gegenstand
       getragen seit  1841, wo ich bei F. Benary eine Vorlesung über die
       "Offenbarung" las. Seitdem war mir klar, daß hier das älteste und
       wichtigste  Buch  des  "Neuen  Testaments"  vorlag.  Nach  dieser
       53jährigen Schwangerschaft eilt der Austritt an die Außenwelt gar
       nicht so arg.
       Was Deine Fragen angeht.
       1. Ich bezeichne,  wenn  ich  mich  anders  richtig  ausgedrückt,
       Kleinbauern 2*)  und Landsklaven  keineswegs als unter den ersten
       A n h ä n g e r n   des Christentums,  sondern zähle  sie nur auf
       unter den  Klassen, unter  denen es auf mögliche Anhänger rechnen
       konnte. Und dazu gehörten sie ganz gewiß - besonders im 2. und 3.
       Jahrhundert. Daß das Christentum, seit seiner ersten Auswanderung
       aus Judäa  nach Nordsyrien  und Kleinasien,  resp.  Griechenland,
       Ägypten und  Italien, seine  Entwicklung und erste Anhängerschaft
       in den  S t ä d t e n  fand, darüber ist kein Zweifel.
       2. Ob das  1000jährige Reich  ins Diesseits oder Jenseits gehört?
       das kommt  drauf an,  wie man's versteht. Ich nenne Jenseits, was
       n a c h  d e m  T o d e  i s t.  Und darüber läßt die Offenbarung
       absolut keinen  Zweifel. Das  1000jährige Reich  ist nur  für die
       Märtyrer, und  allenfalls die  dann bei  seiner Errichtung  grade
       noch lebenden  Christen, und  sofern für  d i e s e  l e t z t e-
       r e n   d i e s s e i t i g,   während es   f ü r   d i e  M ä r-
       t y r e r,   die erst auferstehn,  j e n s e i t i g  ist. Es ist
       also die  alte Geschichte: you pays your money and you takes your
       choice  3*).   Das  Entscheidende  ist  für  mich,  daß  es  ohne
       Unsterblichkeitsvorstellung und  Glauben an  jenseitige Belohnung
       und Bestrafung
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       1*) "Zur Geschichte des Urchristentums" - 2*) in der Handschrift:
       Kleinbürger - 3*) für Dein Geld kannst Du wählen, was Du willst
       
       #277# 147 - Engels an Karl Kautsky - 28. Juli 1894
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       nicht möglich  ist. Und noch viel weniger diesseitig ist erst das
       neue Jerusalem,  das nach dem 1000jährigen Reich und dem Jüngsten
       Gericht kommen soll.
       Aber auch  nach den sog. Paulinischen Briefen sollen die noch le-
       benden Gläubigen  bei der  Wiederkunft Christi  "verwandelt", aus
       Sterblichen in Unsterbliche umtransmagnifiziert werden.
       Daß  dabei   dies  1000jährige   Reich  in      i r d i s c h e n
       F a r b e n   geschildert wurde, versteht sich. Selbst die Offen-
       barung kann  sich nicht  mit der himmlischen Freude begnügen, wo-
       nach man mit nacketen 4 Buchstaben auf einer feuchten Wolke sitzt
       und mit  mehr oder  weniger blut'ger  Hand die  Harfe schlägt und
       Chorale singt in Ewigkeit.
       Die Vorrede  zum 3. Band 4*) ist 1. noch nicht geschrieben und 2.
       kann ich  sie Dir nicht geben. Diese Lösung der Profitratenpreis-
       frage und  Preisverteilung kann mit der ihr gebührenden Würde nur
       im Buch selbst gegeben werden.
       In ganz  Amerika ist  nicht ein einziger intelligenter Korrespon-
       dent außer  Sorge und  Schlüter aufzutreiben,  weil die Deutschen
       dort dieselbe Sektiererstellung gegenüber der Arbeitermasse hart-
       näckig festhalten,  auf die  sich hier  die Social Democratic Fe-
       deration [10]  gesteift hat. Statt in den Bewegungen der Amerika-
       ner das  forttreibende Element  zu sehn,  das sie,  wenn auch auf
       Irrwegen und  Umwegen, endlich  zu demselben  Resultat führen muß
       wie das,  was sie  aus Europa mitgebracht, sehn sie darin nur die
       Irrwege, sehn  hochtrabend herab  auf die dummen blinden Amerika-
       ner, pochen auf ihre orthodoxe Überlegenheit, stoßen die Amerika-
       ner ab,  statt sie  anzuziehn, und  bleiben deshalb  selbst  eine
       machtlose kleine Sekte. Daher kommt's, daß auch ihre Schriftstel-
       ler in reine Ideologie verfallen und alle Verhältnisse falsch und
       eng auffassen.  Hepner war  nun stets  ein Männchen, das in einer
       Phantasiewelt lebte, und wenn er sentimental wird, leistet er Un-
       beschreibliches. Ich  habe mal eine Komödie von ihm gelesen - die
       witzigen Sachen  recht gut,  aber die  ernsten, verliebten Szenen
       überschwenglich, - zum Wälzen vor Lachen.
       Beste Grüße von Haus zu Haus.
       Dein F. E.
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       4*) des "Kapitals"

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