Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #307# 164 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 10. November 1894
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       164
       
       Engels an Friedrich Adolph Sorge
       in Hoboken
       
       London, 41, Regent's Park Road, N.W.
       10. Nov. 94
       Lieber Sorge,
       Aus obiger  Adresse siehst Du, daß ich ausgezogen bin. Nach Loui-
       ses Heirat  wurde uns die alte Wohnung doch etwas eng, und da die
       Folgen des  Heiratens sich  bald einstellten,  ging's nicht mehr.
       Wir haben  also ein  sich darbietendes größeres Haus etwas weiter
       abwärts, dicht  am Tor  zu Regent's  Park genommen  und sind nach
       vielem Trubel  vor 4  Wochen eingezogen - Trubel mit Hausagenten,
       Advokaten, Kontraktoren,  Möbelhändlern etc.  und noch nicht fer-
       tig, meine  Bücher noch  sehr ungeordnet. Wir haben unten die ge-
       meinsamen Wohnräume,  im 1. Stock mein Arbeits- und Schlafzimmer,
       2. Stock  Louise, ihr  Mann und das am 6. ds. Dienstag angekommne
       kleine Mädchen  mit Kindermädel, 3. Stock die beiden Hausmädchen,
       Rumpelkammer und Fremdenzimmer. Mein Arbeitszimmer vorn heraus, 3
       Fenster, so  groß, daß  ich fast  alle Bücher  (8  Kästen)  darin
       unterbringen kann,  und trotz der Größe sehr gut und leicht heiz-
       bar. Kurz,  wir haben uns sehr verbessert. Louise und ihr Kleines
       sind den Umständen nach sehr wohl, es ist alles recht gut verlau-
       fen.
       Heute  erhältst   Du  2   dicke  Pakete:   3   "Sozialdemokraten"
       (Berliner), 3  Pester "Volksstimmen", den Rest der Parteitagsver-
       handlungen im "Vorwärts" [326] und eine "Critica Sociale" mit ei-
       nem Brief  von mir 1*). Der Umzug hatte etwas Unregelmäßigkeit in
       die Sendungen  gebracht. Die  "Workman's Times"  ist eingegangen.
       Sehr schade.  Tussys Artikel  dann waren  die einzigen, worin den
       englischen Arbeitern  die Wahrheit über die kontinentale Bewegung
       nicht verschwiegen oder verfälscht wurde.
       Die hiesige  Bewegung ähnelt  immer noch  der amerikanischen, nur
       daß sie  Euch  e t w a s  voraus ist. Der Masseninstinkt, daß die
       Arbeiter eine  eigne Partei  bilden müssen gegen beide offizielle
       Parteien, wird immer stärker, hat sich bei den Munizipalwahlen am
       1. Nov. wieder mehr gezeigt als je.
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       1*) "Der internationale  Sozialismus und  der italienische Sozia-
       lismus"
       
       #308# 164 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 10. November 1894
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       Aber die  alten traditionellen  Erinnerungen verschiedner Art und
       der Mangel an Leuten, die diesen Instinkt in bewußte Aktion umzu-
       setzen und  über das  ganze Land zusammenzufassen imstande wären,
       befördern das  Verharren in  diesem Vorstadium der Unbestimmtheit
       des Gedankens und der lokalen Isoliertheit der Aktion. Das angel-
       sächsische Sektentum  herrscht auch  in der Arbeiterbewegung. Die
       Social Democratic  Federation [10], ganz wie Eure deutsche Sozia-
       listische Arbeiter-Partei  [282], hat  es  fertiggebracht,  unsre
       Theorie in  das starre  Dogma einer  rechtgläubigen Sekte zu ver-
       wandeln, ist  engherzig abschließend und hat dabei, dank Hyndman,
       in der internationalen Politik eine durchaus faule Tradition, die
       zwar von  Zeit zu  Zeit erschüttert wird, mit der aber noch immer
       nicht gebrochen  ist. Die  Independent Labour  Party [9]  ist  in
       ihrer Taktik  äußerst unbestimmt,  und ihr Führer Keir Hardie ist
       ein überschlauer  Schotte, dessen  demagogischen Kunststücken man
       nicht über  den Weg trauen kann. Er hat - obwohl ein armer Teufel
       von schottischem Kohlengräber - ein großes Wochenblatt gestiftet:
       "The Labour  Leader", das  nicht ohne viel Geld einzurichten war,
       und dies  Geld kommt ihm von torystischer oder doch liberal-unio-
       nistischer [112],  d.h. antigladstonischer  und antihomerulischer
       Seite, daran kann kein Zweifel sein, und sowohl seine notorischen
       literarischen Verbindungen in London wie direkte Nachrichten, und
       seine politische  Haltung, bestätigen dies. Infolgedessen kann er
       - durch  Abfall der  irischen und  radikalen Wähler - sehr leicht
       seinen Sitz im Parlament bei der allgemeinen Wahl 1895 [261] ver-
       lieren, und  das wäre  ein Glück, der Mann ist augenblicklich das
       größte Hindernis. Im Parlament erscheint er nur bei demagogischen
       Gelegenheiten: um  mit Redensarten  über die  unemployed 2*) sich
       wichtig zu  machen, ohne  daß er  etwas fertigbringt, oder um bei
       Geburt eines Prinzen der Königin 3*) Sottisen zu sagen, was hier-
       zulande unendlich  verschlissen und  wohlfeil etc. Sonst sind na-
       mentlich in  der Provinz  sowohl in der Social Democratic Federa-
       tion wie in der Independent Labour Party sehr gute Elemente, aber
       zerstreut; obwohl sie wenigstens das durchgesetzt haben, daß alle
       Versuche der  Führer, die  beiden Organisationen gegeneinander zu
       verhetzen, immer  wieder mißlingen.  John  Bums  steht  politisch
       ziemlich allein, er wird sowohl von Hyndman wie von K. Hardie wü-
       tend angegriffen  und tut, als ob er an der politischen Organisa-
       tion der  Arbeiter verzweifle  und nur noch auf die Trades Unions
       hoffe. Er  hat allerdings mit jenen schlechte Erfahrungen gemacht
       und könnte  verhungern, wenn  ihm nicht  die Engineers Union sein
       Parlamentsgehalt zahlte. Er ist eitel und hat sich
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       2*) Arbeitslosen - 3*) Victoria
       
       #309# 164 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 10. November 1894
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       von den  Liberalen, d.h. vom "sozialen Flügel" der Radikalen, et-
       was stark  einseifen lassen  und legt  entschieden zuviel Gewicht
       auf die  vielen Einzelkonzessionen, die er durchgesetzt hat, aber
       er ist bei alledem der einzige wirklich ehrliche Kerl in der gan-
       zen Bewegung,  d.h. unter  den Führern,  und hat  einen durch und
       durch proletarischen  Instinkt, der  ihn, wie ich glaube, im ent-
       scheidenden Moment  richtiger leiten wird, als die Schlauheit und
       interessierte Berechnung dies bei den andern tun wird.
       Auf dem Kontinent wächst mit den Erfolgen die Lust nach noch mehr
       Erfolg, und  die Bauernfängerei im buchstäblichen Sinn wird Mode.
       Erst erklären  die Franzosen in Nantes durch Lafargue [340] nicht
       nur (was  ich ihnen geschrieben 4*)), daß wir keinen Beruf haben,
       den Ruin  der Kleinbauern,  den der Kapitalismus für uns besorgt,
       durch direktes  Eingreifen unsrerseits  zu beschleunigen, sondern
       auch: Man  müsse den  Kleinbauer gegen  Fiskus, Wucher  und Groß-
       grundbesitzer direkt  s c h ü t z e n.  Das können wir aber nicht
       mitmachen, weil  es erstens  dumm und zweitens unmöglich ist. Nun
       aber  kommt   Vollmar  in  Frankfurt  und  will  den    B a u e r
       ü b e r h a u p t   bestechen, und zwar ist der Bauer, mit dem er
       in Oberbayern  zu tun  hat,  nicht  der  verschuldete  rheinische
       Kleinbauer, sondern der Mittel- und selbst Großbauer, der Knechte
       und Mägde  exploitiert und  Vieh und Getreide in Massen verkauft.
       Und das  geht nicht ohne Aufgeben des ganzen Prinzips. Wir können
       den Alpenbauer,  den niedersächsischen  und  schleswig-holsteini-
       schen Großbauer  nur bekommen,  wenn wir ihm die Ackerknechte und
       Taglöhner preisgeben,  und dabei  verlieren  wir  auch  politisch
       mehr, als wir gewinnen. Der Frankfurter Parteitag hat sich in der
       Frage nicht  entschieden, und  das ist  soweit gut, als die Sache
       jetzt gründlich  studiert wird; die Leute, die dort waren, wußten
       von Bauern  und  von  den  nach  den  verschiednen  Provinzen  so
       grundverschiednen ländlichen  Verhältnissen viel  zuwenig, um an-
       ders als ins Blaue hinein beschließen zu können. Aber zum Austrag
       muß die Sache doch einmal kommen.
       Dabei fällt  mir ein: der Pariser "Socialiste", lebt er noch oder
       aber ist  er tot?  Niemand weiß  es; als Tussy im Sommer in Paris
       war, war  er noch nicht tot, aber wer ihn haben wollte, mußte ihn
       im Büro abholen!! Ich habe seit Febr. oder März nichts mehr davon
       gesehn. Dereure  ist verrückt geworden, er war Verwalter, und wie
       er die  Sache in den Dreck geritten hat, so ist sie liegengeblie-
       ben. Echt französisch.
       Nach den  belgischen Wahlerfolgen [336] präparieren diese und die
       Franzosen eine  regelmäßige Verbindung mit periodischen Konferen-
       zen zwischen
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       4*) siehe vorl. Band, S. 294/295
       
       #310# 164 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 10. November 1894
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       den sozialistischen  Parlamentariern der  verschiednen Länder. Ob
       was draus  wird, ist  fraglich. Einstweilen  tun die 50 französi-
       schen Parlamentarier 5*) (worunter ca. 26 bekehrte Radikale zwei-
       felhafter Sorte)  noch sehr groß, aber die Sache hat ihren Haken:
       unter den  24 Altsozialisten zanken sich die Marxisten einerseits
       mit den  Blanquisten und Allemanisten (Possibilisten) andrerseits
       im stillen nach Noten, ob's zum offnen Bruch kommt, ist ungewiß.
       Außer den  übrigen sozialistischen Blättern krieg' ich jetzt auch
       das  rumänische  ("Munca")  und  bulgarische  (früher  "Rabotnik"
       (Arbeiter), jetzt  "Socialist") zugeschickt und arbeite mich all-
       mählich in  die Sprachen  hinein. Die  Rumänen werden in Bukarest
       ein tägliches Blatt 6*) herausgeben.
       Vor andern  Weltereignissen wird  der Tod  des  russischen  Zaren
       wahrscheinlich eine  Veränderung hervorrufen, sei es durch innere
       Bewegung, sei  es durch  die Finanznot und Unmöglichkeit, Geld im
       Ausland zu  erhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das jet-
       zige System  den Thronwechsel  überdauert, der einen durch Onanie
       körperlich und  geistig zerrütteten  Idioten  ans  Ruder  bringt.
       (Diese Tatsache  ist in allen medizinischen Fakultäten notorisch,
       Krause, Prof.  in Dorpat,  der den Nikolaus beobachtet, hat dies,
       die Onanie, dem Zar Alexander auf dessen Verlangen direkt als Ur-
       sache der  Krankheit angegeben,  darauf eine  Ohrfeige von diesem
       erhalten, hat  dann abgedankt,  den ihm nachgeschickten Wladimir-
       orden zurückgesandt  und ist  nach Deutschland  zurück, wo er die
       Sache erzählt.)  Geht's aber  in Rußland los, dann wird Jung-Wil-
       helm 7*) auch etwas Neues gewahr werden. Dann geht in ganz Europa
       ein liberaler Wind, der uns  j e t z t  nur nützlich sein kann.
       Der Krieg  in China [330] hat dem alten China den Todesstoß gege-
       ben. Die  Abschließung ist unmöglich geworden, die Einführung von
       Eisenbahnen, Dampfmaschinen,  Elektrizität, großer  Industrie ist
       schon aus  Gründen der militärischen Verteidigung eine Notwendig-
       keit geworden.  Damit aber fällt auch das alte ökonomische System
       kleiner Bauernkultur,  wo die Familie auch ihre Industrieprodukte
       selbst machte,  in Stücke, und damit das ganze alte gesellschaft-
       liche System,  das relativ dichte Bevölkerung erlaubte. Millionen
       werden an  die Luft  gesetzt und  gezwungen zur Auswanderung; und
       diese Millionen werden den Weg finden bis nach Europa, und das in
       Massen. Die chinesische Konkurrenz wird aber bei Euch und bei uns
       die Sache  rasch auf  die Spitze  treiben, sowie  sie  massenhaft
       wird, und  so wird  die Eroberung  Chinas durch  den Kapitalismus
       zugleich den  Anstoß geben  zum Sturz  des Kapitalismus in Europa
       und Amerika.
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       5*) siehe vorl. Band, S. 187/188 - 6*) "Lumea noua" - 7*) Wilhelm
       II.
       
       #311# 164 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 10. November 1894
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       Ich hoffe,  Dir und  Deiner Frau  geht's besser  als nach  Deinen
       letzten Nachrichten.  Mir geht's  nicht schlecht,  aber man merkt
       doch auch mit der Zeit, daß zwischen 73 und 37 ein starker Unter-
       schied ist. Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau
       Dein F. Engels

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