Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #31# 17 - Engels an Laura Lafargue - 12. Februar 1893
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       17
       
       Engels an Laura Lafargue
       in Le Perreux
       
       London, 12. Febr. 93
       Mein liebes Löhr,
       Ich war  wirklich erfreut, Deine Handschrift einmal nicht auf dem
       Umschlag eines  "Intransigeant" oder eines "Figaro" zu sehen, und
       ich antworte  sofort, da  ich heute, Sonntag, einige Minuten frei
       habe und  mich morgen wieder in den Dschungel von Banken, Kredit,
       Geldkapital, Zinsrate werde stürzen müssen, um "Das Kapital" Buch
       III, Kapitel  30-36 abzuschließen.  Dieser Abschnitt V ist so gut
       wie fertig, soweit es sich um echte Schwierigkeiten handelt, aber
       es ist  noch viel  erforderlich, um  ihm, sprachlich gesehen, den
       "letzten Schliff"  zu geben: Ordnen, Ausmerzen von Wiederholungen
       usw. Das hoffe ich in 8-10 Tagen zu schaffen, dann kommen die Ab-
       schnitte VI  und VII dran und dann - ist Schluß. Meine Korrespon-
       denz ruht vorläufig, und mein Fach ist voll, zum Bersten voll mit
       unbeantworteten Briefen aus allen Ecken der Welt, von Rom bis New
       York und  von Petersburg  bis Texas; wenn ich mir daher einen Au-
       genblick stehle,  um Dir  zu schreiben,  so nur,  weil   D u  e s
       b i s t  und kein anderer.
       Louise sandte  Dir vor  mehr als  einer Woche  einen  s i e b e n
       S e i t e n   langen Brief - hast Du ihn wirklich nicht erhalten?
       Bitte frage nach, wir werden dasselbe hier tun.
       Ja, die  "Arbeiterinnen-Zeitung" wird Dir gefallen. Sie hat einen
       gesunden proletarischen  Charakter -  auch mit  den literarischen
       Unvollkommenheiten -,  der sehr  angenehm  von  all  den  übrigen
       Frauenzeitungen absticht.  Und Du  kannst sehr  wohl stolz darauf
       sein, denn auch Du bist ja eine ihrer Mamas!
       Es tut  mir leid  zu hören, daß Pauls Gesundheitszustand nach wie
       vor unbefriedigend  ist -  ist er diesen höllischen Bandwurm noch
       nicht los? Es gibt doch sicherlich genügend filix mas oder Kousso
       [50] in Paris, um ihn auszutreiben, auch ohne regelrechte Belage-
       rung. Natürlich,  solange er  ihn pflegt,  wird Paul nicht gesund
       werden, das Biest wird ihn vertilgen. Und warum um Himmels willen
       m u ß   er denn soviel reisen? Niemand außerhalb Frankreichs kann
       begreifen, daß er und andere sich diese wundervolle
       
       #32# 17 - Engels an Laura Lafargue - 12. Februar 1893
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       Gelegenheit entgehen  lassen. [51]  Ich kann  sehr gut verstehen,
       daß die  unsichere Gesellschaft  der sogenannten  sozialistischen
       Deputierten nicht möchte, daß er spricht, jeder zieht in eine an-
       dere Richtung  und jeder  spielt sein eigenes Spiel, und sie wis-
       sen, daß  Paul, wenn  er erst  auf der  Tribüne steht,  durch sie
       nicht mehr zu halten oder zu kontrollieren wäre, aber von unserem
       Gesichtspunkt aus  ist gerade  das der  Grund, warum  er sprechen
       s o l l t e.  Sollen die Sozialisten, gerade vor den Wahlen [52],
       durch ihr  Schweigen den  Verdacht erwecken, daß sie nicht besser
       sind als  die Panamaisten  und daß sie ihre eigenen Gründe haben,
       diese zu  schützen und  die ganze Sache zu vertuschen? In Italien
       ist das der Fall, die zwei Männer, die in der Romagna (als Sozia-
       listen) gewählt  wurden, sind  in den  Händen der Regierung durch
       die   v o n  l e t z t e r e r  a n  d i e  s o g e n a n n t e n
       K o o p e r a t i v g e n o s s e n s c h a f t e n  g e z a h l-
       t e n   S u b v e n t i o n e n,   d i e   V o n  e r s t e r e n
       g e l e i t e t   w e r d e n,  und aller Wahrscheinlichkeit nach
       kommen diese  Subventionen aus  den Tresors der Banca Romana. Das
       erklärt ihr  Schweigen. [36]  Aber in Frankreich!?! Ich kann Dich
       versichern, daß  dieses unerklärliche  Schweigen die Achtung, die
       die man  den französischen Sozialisten im Ausland entgegenbringt,
       nicht erhöht  hat. Natürlich  haben Brousse  und Co.  [53]  ihren
       Anteil aus den durch Panama beschafften Geheimfonds gehabt - aber
       ist das  nicht ein   G r u n d   m e h r   für unsere Leute, ihre
       Stimme zu  erheben? "A  la guerre  comme à la guerre" 1*) besagte
       früher ein   f r a n z ö s is c h e s   Sprichwort,  ist dem noch
       so?
       Nach Mutter  Crawford sind  die über  Lesseps und  Co. verhängten
       schweren Strafen  nur Sand,  der den  Gogos 2*)  in die Augen ge-
       streut wird.  Der Kassationshof  wird sie aufheben unter dem Vor-
       wand, daß  durch die  Instruktion von Prinet die Verjährung nicht
       unterbrochen wurde,  daß folglich  die délits  en  question  sont
       préscrits 3*).  [54] Wenn  dieser Fall eintritt, bedeutet es, daß
       die "Eingeweihten",  ceux qui  ont touché 4*), dreist genug sind,
       ganz Frankreich zu sagen, daß es ein rechter Gogo ist. Das hieße,
       ganz gehörig se moquer du monde 5*).
       Nun, ich  hoffe, daß  der Volkszorn endlich geweckt und Rache ge-
       nommen  w i r d.  Es wird Zeit.
       Bebel soll  Dir seine  Rede vom  3. Febr. im Stenogramm schicken.
       Sie ist  wirklich prächtig, und möglicherweise werdet Ihr sie für
       den "Socialiste"  sehr opportun  finden. [55]  Unsere Leute haben
       den Reichstag  vierzehn Tage  lang ganz für sich gehabt. Erst die
       Notstandsdebatte 6*),  3  T a g e,  und alle
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       1*) "Im Kriege  ist es  nun einmal  nicht anders" - 2*) Einfalts-
       pinseln - 3*) in Frage kommenden Delikte verjährt sind - 4*) die-
       jenigen, die  einkassiert haben  -  5*) sich  über  die  Welt  zu
       mokieren - 6*) in der Handschrift deutsch: Notstandsdebatte
       
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       Parteien von  der Regierung an abwärts, haben unsere Männer ange-
       fleht, ihre  Macht zu  gebrauchen, um  die streikenden  Bergleute
       usw. zu  beschwichtigen. [56]  Dann die kolossale Ungeschicklich-
       keit der  Bourgeois, unsere Leute zu einer Debatte übet die künf-
       tige Organisation  der Gesellschaft  zu  provozieren  -  das  hat
       f ü n f  Tage gedauert! [41] - das erste Mal, daß dieses Thema in
       i r g e n d e i n e m   Parlament diskutiert  worden ist.  Und im
       ganzen nur  drei Sprecher  auf unserer Seite - Bebel sprach zwei-
       mal, Frohme  und Liebknecht  - und  die Bourgeois  mußten uns das
       l e t z t e   W o r t   lassen und verzweifelt aufgeben (denn wir
       konnten die  clôture 7*)  durch einfaches Auszählen aufhalten, da
       das Quorum von 201 niemals anwesend war).
       Während Ihr  überschwemmt wurdet, lag ich "im Sterben" - den Zei-
       tungen nach.  Am Dienstag  vor acht Tagen ein Telegramm aus Wien:
       war ich tatsächlich hinüber? Dann eins aus Dresden; um 5 Uhr mor-
       gens wurde  ich herausgeklopft,  eins aus  New York.  Das ging so
       noch ein  paar Tage  weiter, bis  wir feststellten, daß fast alle
       Berliner Zeitungen  eine Notiz  enthielten, ich  wäre in einem so
       hochgradigen Kräfteverlust,  daß mein  Ableben stündlich erwartet
       werde 8*). Wer diesen Blödsinn ausgeheckt hat, kann ich mir nicht
       vorstellen. Auf jeden Fall soll ihn der Teufel holen.
       Herzliche Grüße von Louise.
       Immer Dein F. Engels
       
       An Paul: Exeat taenia! 9*)
       Sam Moore ist am 28. Jan. wieder nach dem Niger abgereist.
       
       Aus dem Englischen.
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       7*) Schluß der Debatte - 8*) in der Handschrift deutsch: in einem
       so hochgradigen  Kräfteverlust, daß mein Ableben stündlich erwar-
       tet werde - 9*) Raus mit dem Bandwurm!

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