Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
zurück
#324# 172 - Engels an Paul Lafargue - 22. November 1894
-----
172
Engels an Paul Lafargue
in Le Perreux
London, den 22. Nov. 1894
Mein lieber Lafargue,
Ich habe Ihren Bericht im "Soz[ial]d[emokrat]" gefunden. [340]
Das traf sich sehr gut, denn es ermöglichte mir, vieles einer et-
was nachlässigen Redaktion zur Last zu legen und zu folgern, daß
ich, wenn ich mit dem, was der Beschluß von Nantes [326] sagt,
nicht einverstanden war, so doch mit dem einverstanden zu sein
glaube, was er zu sagen beabsichtigt. Übrigens habe ich versucht,
so freundschaftlich wie möglich zu sein; aber nach dem Mißbrauch,
den man in Deutschland mit diesem Beschluß getrieben hat, ist es
nicht mehr möglich, ihn mit Stillschweigen zu übergehen.
Tatsächlich haben Sie sich ein wenig zu sehr auf die Seite der
Opportunisten ziehen lassen. In Nantes waren Sie drauf und dran,
die Zukunft der Partei einem Tageserfolg zu opfern. Noch ist es
Zeit, Sie aufzuhalten; wenn mein Artikel 1*) dazu beitragen
könnte, würde ich mich sehr freuen. In Deutschland, wo Vollmar
sich erlaubt hat, die Vorteile, die Ihr den französischen Klein-
bauern versprochen habt, auf die bayrischen Großbauern mit ihren
10-30 Hektar anzuwenden, in Deutschland hat Bebel den Handschuh
aufgenommen, und die Frage wird gründlich diskutiert werden, sie
wird nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden, bis sie ge-
klärt ist. Sie werden Bebels Rede im 2. Wahlbezirk von Berlin im
"Vorwärts" gelesen haben. [351] Er beklagt sich mit Recht dar-
über, daß die Partei verbürgerlicht. Das ist das Unglück aller
extremen Parteien, sobald die Stunde kommt, wo sie "möglich" wer-
den. Aber die unsrige kann in dieser Hinsicht eine gewisse Grenze
nicht überschreiten, ohne sich selbst zu verraten, und mir
scheint, daß wir in Frankreich wie in Deutschland diesen Punkt
erreicht haben. Glücklicherweise ist es noch Zeit, dem Einhalt zu
gebieten.
Seit einiger Zeit habe ich keine Korrespondenzen mehr von Ihnen
im "V[or]w[är]ts" gesehen, und ich glaubte schon, daß es irgend-
welche
-----
1*) "Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland"
#325# 172 - Engels an Paul Lafargue - 22. November 1894
-----
Unstimmigkeiten gegeben hätte, aber letzten Mittwoch erhielt ich
erfreulicherweise eine Nummer mit dem "Gallus" [354]. Wenn es
Schwierigkeiten mit der Redaktion gibt, lassen Sie es mich wis-
sen, vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.
Wenn die russische Regierung Geld ausgibt, also den Umlauf ihrer
Geldmittel erhöht, so ist dies ein untrügliches Zeichen, daß eine
neue Anleihe in der Luft liegt; die Franzosen sind die einzigen,
die darauf anbeißen könnten; hoffen wir, daß sie es nicht tun
werden. Aber wenn der Russe Gold braucht, so muß er wohl versu-
chen, es zu bekommen!
Loria wird noch zufriedener sein, wenn er das Vorwort 2*) liest,
er wird darin behandelt, wie er es verdient und ohne die gering-
ste Rücksicht auf "il primo economista dell'Italia" 3*).
Der kleine Wilhelm 4*) benimmt sich bewundernswert. Er setzt sich
in den Kopf, die "umstürzlerischen Tendenzen" zu bekämpfen [365]
und beginnt mit dem Sturz seiner eigenen Regierung. [356] Die Mi-
nister fallen wie die Bleisoldaten. Der arme junge Mann hat mehr
als acht Monate hindurch schweigen und sich ruhig verhalten müs-
sen; er hält es nicht mehr aus, er platzt - und da haben wir es!
In dem Augenblick, da wir ein Viertel von Belgien erobern [336],
da in Österreich unsere Männer im Begriff sind, durch die Wahlre-
form ins Parlament zu kommen, da in Rußland alles wegen der Zu-
kunft in Ungewißheit ist - in diesem Augenblick, setzt es sich
der junge Mann in den Kopf, Crispi [321] und Casimir-Perier [357]
zu übertreffen! Die Wirkung, die das in Deutschland hat, ersehen
Sie aus der Tatsache, daß auf dem Frankfurter Parteitag [326] die
Delegierten, jedenfalls viele von ihnen, ein neues Unterdrüc-
kungsgesetz gefordert haben, als bestes Mittel, die Partei an Bo-
den gewinnen zu lassen!
In Österreich ist die Situation interessant. Seit dem Tode seines
Sohnes 5*) fürchtet der Kaiser 6*) in naher Zukunft den Zusam-
menbruch seiner Dynastie. Sein vermutlicher Nachfolger 7*) ist
ein Dummkopf, arrogant und unpopulär bis zum letzten! Die Ungarn
werden ihn kaum ertragen, sie verlangen zunächst die reine und
einfache Personalunion, dann die totale Trennung und völlige Un-
abhängigkeit. Um dem Nachfolger im voraus die Hände zu binden,
will Franz Joseph das Parlament verstärken und es zu einer reale-
ren Repräsentation machen. Deshalb hat er sich mit seinem Freund
Taaffe über eine ziemlich breite Wahlreform geeinigt. [180] Aber
das Parlament, eine Versammlung von Privilegierten, echte Gene-
ralstände 8*) (gewählt nach
-----
2*) siehe Band 25 unserer Ausgabe, S. 25-28 - 3*) "den ersten
Ökonomen Italiens" - 4*) Wilhelm II. - 5*) Rudolf Franz Karl Jo-
seph - 6*) Franz Joseph I. - 7*) Franz Ferdinand - 8*) in der
Handschrift von Engels gestrichen: von 1789
#326# 172 - Engels an Paul Lafargue - 22. November 1894
-----
Kategorien: Großgrundbesitz, Handel, Städte, Land), weigert sich,
und Taaffe geht. Daraufhin ernennt der Kaiser, als wahrer konsti-
tutioneller Monarch, einen Minister der Majorität 9*), eine Ko-
alition aus Liberalen, Polen usw., alle erzreaktionär. Aber er
nimmt ihnen das Versprechen ab, daß sie als Gegendienst eine
Wahlreform ihrer Art durchführen, und zwar innerhalb eines Jah-
res. Das Jahr vergeht unter allerhand unfruchtbaren Versuchen.
Daraufhin setzt der Kaiser sie unter Druck, ihr Wort zu halten -
und darum spricht man in Wien seit 3 Wochen nur noch über die
Wahlreform. Aber die Koalition ist nicht in der Lage, irgend et-
was zustande zu bringen; der erste positive Vorschlag bewirkt,
daß sie sich untereinander bekämpfen. Daher wird sie wahrschein-
lich in kurzem von Taaffe ersetzt werden, der von neuem sein Ge-
setz vorschlagen und, wenn das Parlament es verwirft, dieses auf-
lösen und die Reform aufoktroyieren wird, was ihm die Verfassung
erlaubt. Das also ist der "Kompagnon" Franz Joseph; er stößt von
der einen und Victor Adler von der anderen Seite! Aber welche
Ironie der Geschichte: dieser Kaiser, eigens Dezember 1848 einge-
setzt, um die Revolution abzuwürgen, ist berufen, sie 46 Jahre
später feierlich von neuem zu inaugurieren!
Umarmen Sie Laura für mich.
Freundschaftlichst Ihr F. E.
Louise und dem Kind geht es gut, sie und Freyberger senden Grüße.
Aus dem Französischen.
-----
9*) Alfred, Fürst von Windischgrätz
zurück