Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#330# 175 - Engels an Wilhelm Liebknecht - 24. November 1894
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Engels an Wilhelm Liebknecht
in Berlin [360]
41, Regent's Park Road
[London] Nov. 24th 1894
Lieber Liebknecht!
Ich habe an B[ebel] geschrieben [135] und ihm nahegelegt, daß man
in politischen Debatten sich alles ruhig überlegen und nichts in
der Eile tun soll oder im ersten Eifer, sintemal ich mir selbst
dadurch des öfteren die Finger verbrannt. Dahingegen habe ich nun
aber auch an Dich eine kleine Ermahnung zu richten.
Ob B[ebel] in der Versammlung u n g e s c h i c k t vorgegan-
gen, darüber läßt sich streiten. Aber in der Sache hat er ent-
schieden recht. [351] Du allerdings bist als Redakteur des Zen-
tralorgans verbunden, ausgleichend zu wirken, selbst wirklich
vorhandene Differenzen wegzudisputieren, to make things pleasant
all round 1*), auf die Einigkeit in der Partei hinzuwirken bis
zum Tage des Bruches. Da mag Dir als R e d a k t e u r Bebels
Vorgehen fatal sein. Aber was dem R e d a k t e u r unangenehm,
sollte dem P a r t e i f ü h r e r erwünscht sein: daß es Leute
gibt, welche die obligate Redaktionsbrille nicht immer auf der
Nase zu tragen genötigt sind und auch den Redakteur daran er-
innern, daß er in seiner Eigenschaft als Parteiführer gut tut,
von Zeit zu Zeit über die Harmoniebrille weg sich die Welt mit
seinen natürlichen Augen zu betrachten.
Die Bayern bilden direkt vor dem Frankfurter Parteitag einen
förmlichen S o n d e r b u n d in Nürnberg. [381] Sie kommen
nach Frankfurt mit einem unverkennbaren U l t i m a t u m. Um
dies zu vervollständigen, spricht Voßmar vom g e t r e n n t
m a r s c h i e r e n, Grillo 2*) vom: Beschließt, was ihr
wollt, wir g e h o r c h e n n i c h t. Sie proklamieren bay-
rische Reservatrechte und behandeln ihre Gegner in der Partei als
"Preußen" und "Berliner". [362] Sie verlangen Billigung der Bud-
getbewilligung und einer Bauernpolitik, die schon übers Kleinbür-
gerliche hinaus nach r e c h t s geht. Der Parteitag, anstatt
wie früher stets geschehen, energisch den Stock vorzustecken,
wagt keinen Beschluß
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1*) die Dinge nach jeder Seite hin annehmbar zu machen - 2*) Karl
Grillenberger
#331# 175 - Engels an Wilhelm Liebknecht - 24. November 1894
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zu fassen. Wenn da nicht die Zeit da war für Bebel, vom Vordrin-
gen des kleinbürgerlichen Elements in der Partei zu sprechen,
dann weiß ich nicht, wann sie kommen soll.
Und was tut der "Vorwärts"? Klammert sich an die Form des
B[ebel]schen Angriffs, sagt, es sei nicht so schlimm, und stellt
sich so sehr in "diametralen Gegensatz" zu ihm, daß Du erst durch
die - hiernach unvermeidlichen - "Mißverständnisse" der Gegner
B[ebel]s genötigt bist zu der Erklärung, Dein diametraler Gegen-
satz beziehe sich bloß auf die F o r m des B[ebel]schen An-
griffs, in der Sache - die Budgetgeschichte und Bauernfrage -
habe er recht und Du stehst auf seiner Seite. Ich sollte meinen,
die bloße Tatsache, daß Du zu dieser Erklärung n a c h t r ä g-
l i c h g e z w u n g e n w u r d e s t, beweist Dir, daß Du
weit mehr nach rechtshin gefehlt hast, als B[ebel] nach linkshin
gefehlt haben kann. [363]
Und in der ganzen Debatte handelt es sich schließlich nur um die
in diesen beiden Punkten gipfelnde Aktion der Bayern: Um den
Opportunismus der Budgetbewilligung als Kleinbürgerfang, und den
Opportunismus der Vollmarschen Landpropaganda zum Fang des Mit-
tel- und Großbauern. Das und die Sonderbundstellung der Bayern
sind die einzigen vorliegenden praktischen Fragen, und wenn Bje-
bel] hier ansetzt, wo der Parteitag die Partei im Stiche gelassen
hat, so solltet ihr ihm des Dank wissen. Wenn er die durch den
Parteitag geschaffene unerträgliche Lage als Einwirkung wachsen-
der Spießbürgerei in der Partei darstellt, so bringt er nur die
Spezialfrage unter ihren richtigen allgemeinen Gesichtspunkt, und
das ist ebenfalls anzuerkennen. Und wenn er die Debatte über al-
les dies forciert, so tut er seine verdammte Schuldigkeit und
sorgt dafür, daß der nächste Parteitag in voller Sachkenntnis ur-
teilt in dringenden Fragen, wo er in Frankfurt stand, wie der
Ochs am Berge.
Die Gefahr der Spaltung liegt nicht bei B[ebel], der die Sache
beim richtigen Namen genannt. Sie liegt bei den Bayern, die sich
eine Handlungsweise vermessen, wie sie bisher in der Partei uner-
hört war, und den Jubel der - in Voßmar und den Bayern i h r e
Leute erkennenden - Vulgärdemokraten der "Frankfurter Zeitung"
erweckt hat, und die sich freut und noch verwegener geworden.
Du sagst, V[ollmar] sei kein Verräter. Mag sein. Daß er selbst
sich für einen hält, glaube ich auch nicht. Aber wie nennst Du
einen Menschen, der einer proletarischen Partei zumutet, sie soll
den oberbayrischen Groß- und Mittelbauern, Eignern von 10-30
Hektaren, ihren jetzigen Zustand verewigen, der zur Grundlage hat
die Ausbeutung von Gesinde- und Taglöhnern. Eine proletarische
Partei, expreß gestiftet zur Verewigung der
#332# 175 - Engels an Wilhelm Liebknecht - 24. November 1894
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Lohnsklaverei! Der Mann mag ein Antisemit sein, ein bürgerlicher
Demokrat, ein bayrischer Partikularist, was weiß ich, aber ein
Sozialdemokrat?! Übrigens ist die Zunahme des kleinbürgerlichen
Elementes in einer w a c h s e n d e n Arbeiterpartei unver-
meidlich und auch kein Schaden. Ebenso wie die Zunahme der
"Akademiker", durchgefallenen Studenten etc. Vor ein paar Jahren
waren sie noch eine Gefahr. Jetzt können wir sie verdauen. Aber
man muß auch dem Verdauungsprozeß seinen Lauf lassen. Dazu gehört
Salzsäure; wenn nicht genug vorhanden ist (wie es Frankfurt kon-
statiert), soll man B[ebel] danken, wenn er sie zugießt, damit
wir die nichtproletarischen Elemente eben gut verdauen.
Darin besteht eben die Herstellung der wirklichen Harmonie in der
Partei, nicht dann, daß man jede wirkliche innere Streitfrage
wegleugnet und totschweigt.
Du sagst, es handelt sich um "Herbeiführung wirksamen Handelns".
Soll mir sehr angenehm sein, aber wann geht das Handeln denn ei-
gentlich los?
Nach einer maschinengeschriebenen Abschrift.
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