Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#334# 177 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 4. Dezember 1894
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177
Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken
London, 4. Dez. 1894
Lieber Sorge,
Dank für Deine und Deiner Frau Glückwünsche! Das 75ste läßt sich,
unter uns, nicht ganz so stramm mehr an wie die früheren. Ich bin
zwar noch frisch und flott auf den Beinen, auch arbeitslustig und
relativ arbeitsfähig, aber ich finde doch, daß Magenbeschwerden
und Erkältungen, die ich früher mit souveräner Verachtung behan-
deln durfte, jetzt sehr respektvolle Behandlung beanspruchen.
Doch das ist nichts, wenn's weiter nichts ist.
Ich schickte Dir gestern 3 Abdrücke "Vorrede" zum 3. Band 1*).
Eins für den unglücklichen Stiebeling, der mir seine Schreibe-
reien in mehreren Ex. zugesandt hat. Eins für Dr. Phil. Fireman,
wenn Du seine Adresse weißt oder erfahren kannst. Das dritte
bitte nach Benutzung an Schlüter zu geben, der es vielleicht ver-
werten kann. In ca. 8 Tagen längstens hoffe ich Dir ein Ex. des
Buchs selbst zuschicken zu können, sie sind als unterwegs ange-
zeigt. Ferner heute in 1 bookpost-RolIe.
1. "Sozialdemokrat"
2. "Justice", die ich Dir wieder regelmäßig schicken werde wegen
der Anrempelei mit den Deutschen, die sie nicht lassen können.
[364] Was das Blatt über Triumphe der Social Democratic Federa-
tion [10] sagt, ist fast alles gelogen, die Social Democratic Fe-
deration nimmt relativ gegen andre Organisationen ab, besonders
gegen die Independent Labour Party [9]; wenn's so fortgeht, wird
sie bald auch absolut abnehmen. Leider hat die Independent Labour
Party kein ordentliches Blatt mehr.
3. "Glühlichter" aus Wien und "Wahren Jakob" aus Stuttgart, damit
Du auch den "Witz" kennenlernst, über den die Partei verfügt.
4. Bebels Rede in Berlin und seine 4 Artikel gegen Grillenberger
und Vollmar. [368]
Dieser letztere Kasus ist das Interessanteste. Die Bayern, die
sehr, sehr opportunistisch geworden u n d f a s t schon eine
ordinäre Volkspartei (d.h. die
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1*) des "Kapitals"
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meisten Führer und viel neuer Parteizulauf) sind, hatten für das
Gesamtbudget im bayrischen Landtag gestimmt, und namentlich Voll-
mar hatte eine Bauernagitation eingerichtet, um die oberbayri-
schen Großbauern - Leute mit 25-80 Acres Land (10-30 Hektaren),
die also o h n e L o h n a r b e i t e r g a r n i c h t
f e r t i g w e r d e n k ö n n e n - einzufangen, n i c h t
a b e r i h r e K n e c h t e. Sie erwarteten nichts Gutes vom
Frankfurter Parteitag [326]. Organisieren also, 8 T a g e
v o r diesem, einen bayrischen Spezialparteitag [361], und dort
konstituieren sie einen förmlichen Sonderbund, indem sie abma-
chen, daß die bayrischen Delegierten in Frankfurt g e-
s c h l o s s e n nach den bayrischen, vorweg festgestellten
Beschlüssen stimmen sollen in allen bayrischen Fragen. So kommen
sie hin, erklären, sie m ü ß t e n in Bayern das Gesamtbudget
bewilligen, das ginge nun einmal nicht anders; das sei zudem eine
rein bayrische Frage, worin ein andrer sich nicht zu mischen
habe. Mit andern Worten: beschließt ihr etwas uns Bayern Unange-
nehmes, verwerft ihr unser Ultimatum, dann, wenn's Spaltung geben
sollte, ist's eure Schuld!
Mit dieser in der Partei bisher unerhörten Prätension traten sie
vor die übrigen, hierauf unvorbereiteten Delegierten. Und da das
Einigkeitsgeschrei in den letzten Jahren bis aufs äußerste pous-
siert worden ist, war es kein Wunder, daß bei den vielen in den
letzten Jahren zugelaufnen, noch nicht voll durchgebildeten Ele-
menten diese Haltung, bei der die Partei nicht bestehn kann, ohne
die verdiente entschiedne Zurückweisung durchschlüpfte und über
die Budgetfrage kein Beschluß zustande kam.
Nun denke Dir, die Preußen, die die Majorität im Parteitag haben,
wollten auch einen Vorkongreß halten, dort über die Haltung der
Bayern oder etwas andres Beschlüsse fassen, die für alle preußi-
sche Delegierten bindend wären, so daß diese alle, Majorität wie
Minorität, für diese Resolutionen auf dem allgemeinen Parteitag
geschlossen stimmten, wozu wären dann allgemeine Parteitage über-
haupt nötig? Und was würden die Bayern sagen, wenn die Preußen so
genau dasselbe täten, was sie eben getan?
Kurz, so konnte die Sache nicht bleiben, und da ist Bebel in den
Riß gesprungen. Er hat die Frage eben wieder auf die Tagesordnung
gesetzt, und jetzt wird sie debattiert. Bebel ist weitaus der
klarste und weitsichtigste Kopf unter ihnen allen; ich korrespon-
diere seit ca. 15 Jahren regelmäßig mit ihm, und wir stimmen fast
immer überein. Liebknecht dagegen ist sehr eingetrocknet in sei-
nen Ideen, der alte süddeutsch-föderalistische, partikularisti-
sche Demokrat bricht immer noch durch bei ihm, und was das
Schlimmste, er kann es nicht ertragen, daß Bebel, der ihm längst
über den Kopf gewachsen, ihn zwar gern neben sich duldet, sich
aber nicht mehr von ihm will leiten lassen. Dazu hat er das Zen-
tralorgan "Vorwärts" so schlecht
#336# 177 - Engels an Friedrich Adolph Sorge - 4. Dezember 1894
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organisiert - wesentlich aus Eifersucht um seine leadership 2*),
wo er alles dirigieren will und nichts wirklich dirigiert, also
alles hindert -, daß das Blatt, das das erste in Berlin sein
könnte, nur dazu gut ist, der Partei 50 000 Mark Überschüsse,
aber keinen politischen Einfluß abzuwerfen. Liebknecht will na-
türlich mit Gewalt jetzt vermitteln und schimpft auf Bebel, aber
dieser bekommt meiner Ansicht nach recht. In Berlin ist der Vor-
stand und die besten Leute schon jetzt auf seiner Seite, und ich
bin überzeugt, appelliert er ans Parteipublikum, so bekommt er
die große Majorität. Einstweilen heißt's abwarten. Ich würde Dir
auch die Vollmariaden etc. schicken, aber ich habe nur ein Ex.
davon zum eignen Gebrauch.
Louise und das Kleine sind wohl.
Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau und gute Besserung Deinen Au-
gen und sonstigen Schädlichkeiten!
Dein alter F. E.
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2*) Leitung
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