Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #340# 180 - Engels an Victor Adler - 14. Dezember 1894
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       180
       
       Engels an Victor Adler
       in Wien
       
       41, Regent's Park Road, N.W.
       London, 14. Dezember 1894
       Lieber Victor,
       Deine Briefe  vom 12.  und 26. habe ich richtig erhalten. Die Ge-
       schichte mit  K. K[autsky] ist also erledigt. Für Deine Glückwün-
       sche zu  meinem Geburtstag  herzlichen Dank und die Versicherung,
       daß es  mir in  meinem Fünfundsiebzigsten zum Bewußtsein gebracht
       und zu Gemüt geführt worden ist, wieso ich mir die von Dir gerüg-
       ten Unvorsichtigkeiten  nicht mehr  erlauben darf.  Im Gegenteil!
       Ich treibe  Diät nach  Noten, behandle meinen Verdauungskanal wie
       einen mürrischen  bürokratischen Vorgesetzten, dem man immer nach
       der Pfeife  tanzen muß, und lasse mich gegen Husten, Bronchialka-
       tarrh und  dergleichen einwickeln, einheizen und überhaupt in al-
       len Richtungen mißhandeln, ganz wie es einem krankbrüchigen alten
       Mann geziemt. Genug davon.
       Daß ich  über Bebels  entschiedenes Auftreten  nach dem schlaffen
       Parteitag erfreut  war [351],  brauch' ich Dir wohl nicht erst zu
       sagen. Ebenso  darüber, daß Vollmar mich indirekt zwang, auch ein
       Wörtlein in  der Sache  mitzusprechen 1*).  Wir haben tatsächlich
       auf der ganzen Linie gesiegt. Erst das Abbrechen des Kampfs durch
       Vollmar nach  Bebels vier Artikeln [368], das schon entschiedener
       Rückzug war;  dann Abfuhr  durch den Vorstand; dann Zurückweisung
       der Zumutung an die Fraktion, sie solle statt des Parteitags ent-
       scheiden. Also  die Niederlagen  hintereinander in dieser dritten
       unglücklichen Kampagne Vollmars. Das sollte doch selbst einem Ex-
       Zuaven des  Papstes genügen. [370] Dem Liebknecht habe ich in der
       Sache zwei  Briefe geschrieben  2*), an denen er keine Freude er-
       lebt hat.  [371] Der  Mann wird  immer hinderlicher.  Er sagt, er
       habe noch die besten Nerven in der Partei, sie sind aber auch da-
       nach, auch  seine vorgestrige  Rede im  Reichstag  ist  schlecht.
       [372] Man scheint das auch in der Regierung zu merken und will
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       1*) "Die Bauernfrage  in Frankreich  und Deutschland" - 2*) siehe
       vorl. Band, S. 330-332
       
       #341#
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       Titelblatt des dritten Bandes des "Kapitals"
       mit Widmung von Engels an G.W. Plechanow
       
       #342#
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       #343# 180 - Engels an Victor Adler - 14. Dezember 1894
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       ihm offenbar  durch die Majestätsbeleidigung, die er a posteriori
       begangen haben soll, wieder etwas auf die Beine helfen.
       Diese Geschichte  übrigens beweist, daß Wilhelm 3*) und v. Köller
       entweder total  verrückt sind oder aber planmäßig auf den Staats-
       streich hinarbeiten.  Hohenlohe beweist sich durch seine Rede als
       ein vollständig  versimpelter, schwachsinniger, willenloser alter
       Herr, reiner  Strohmann des  Herrn v. Köller. Dieser ist ganz der
       eingebildete, schneidige,  bornierte Junker,  der  imstande  ist,
       sich Wilhelmchen vorzustellen als der Mann, der dem "Umsturz" ein
       Ende macht und die Intentionen S[einer] Majestät wegen Wiederher-
       stellung der  königlichen Machtvollkommenheit bis aufs Tüpfelchen
       über dem i durchführt. Und Wilhelm ist imstande zu antworten: Sie
       sind mein  Mann! Wenn  sich das so verhält - und jeden Tag gibt's
       neue Andeutungen  in dieser  Richtung - dann vogue la galère! 4*)
       dann wird's lustig.
       Nun aber  die Hauptsache.  Du wunderst Dich, nichts von Louise zu
       hören. Aber  dann sei  doch vor allem so gut und antworte auf die
       allerdringendsten Briefe,  die sie Dir geschrieben hat, nicht nur
       wegen der  Einrichtung ihrer  Korrespondenz von  hier aus,  ob da
       auch noch andere korrespondieren sollen und wer? - sondern spezi-
       ell wegen des offerierten Geldes.
       Schon vor  Monaten, im  September oder Anfang Oktober schrieb sie
       Dir: es  habe sich ein Konsortium gebildet von Leuten, die außer-
       halb der  Partei stehn, die aber Vertrauen in Dich haben und spe-
       ziell glauben,  daß Du der Mann seist, der täglichen "Arb[eiter]-
       Ztg." [294] auf die Wege auch des finanziellen Erfolgs zu helfen,
       vorausgesetzt, daß   D u  d i e  l e i t e n d e  S t e l l u n g
       e r h ä l t s t.     Sie  sind  also  bereit,  für  die  tägliche
       "Arbeiter-Zeitung" eine ansehnliche Summe, wie es heißt, bis etwa
       5000 fl. Dir zu überweisen, vorausgesetzt, daß
       1. Du die leitende Stellung bei dem Blatt einnimmst,
       2. die Sache  als rein  geschäftlicher Einschuß behandelt und re-
       gelmäßig Zinsen bezahlt werden,
       3. alle Verhandlungen,  Zahlungen etc.  durch Dich  in  Wien  und
       Louise hier vermittelt werden.
       Dies sind, soweit ich mich erinnere, die Bedingungen der Offerte.
       Nun ist hierauf ebensowenig wie auf alle späteren Briefe Louisens
       irgendwelche  Antwort   von  Dir   eingetroffen.   Vorige   Woche
       s c h r i e b  s i e  n o c h m a l s  und bat um umgehende Nach-
       richt, die  spätestens Dienstag, 11. ds., hier sein mußte. Verge-
       bens. Nun sind nur zwei Dinge möglich: Entweder bist Du in Deiner
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       3*) Wilhelm II. - 4*) komme, was da wolle!
       
       #344# 180 - Engels an Victor Adler - 14. Dezember 1894
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       Korrespondenz so  von postalischen  und anderen Intrigen umgarnt,
       daß es  fast unmöglich  ist, Dir  einen Brief  zuzustellen,  oder
       Deine Abneigung gegen Briefbeantwortung geht so weit, daß Du lie-
       ber dies  Geld verlierst,  das Dir  geboten wird,  als daß  Du an
       Louise schreibst.
       Jedenfalls müssen  wir wissen,  woran wir  sind. Die    L e u t e
       d r ä n g e n  a u f  B e s c h e i d,  denn wenn Du auf das Geld
       verzichtest, legen  sie es  woanders an.  Wir sind also genötigt,
       diesen Brief  an Frau  Anna P[ernerstorfer]  zu schicken  mit der
       Bitte, ihn Dir und  n u r  Dir persönlich zu behändigen, und bit-
       ten jetzt,   a b e r   a u c h   z u m   a l l e r l e t z t e n-
       m a l,   um gefälligen  Bescheid, ob Du wegen des Geldes mit uns,
       respektive Louise in Verhandlungen treten willst oder nicht. Wenn
       ja, dann  sage ihr, wie die Briefe an Dich zu befördern sind, wir
       antworten dann "eingeschrieben".
       Louise und  das Kleine sind sehr wohl, das Kleine wächst, gedeiht
       und schreit, sie stillt es selbst und hat mehr als genug. Sie und
       Ludwig grüßen, ditto
       Dein F. E.
       
       Nach: Victor Adler,
       "Aufsätze, Reden und Briefe",
       Heft 1, Wien 1922.

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