Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895


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       #346# 182 - Engels an Laura Lafargue - 17. Dezember 1894
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       182
       
       Engels an Laura Lafargue
       in Le Perreux
       
       [London] 17. Dez. 94
       Mein liebes Löhr,
       Du schreibst,  daß ich  mich, nachdem  ich den  3. Bd. 1*) fertig
       habe und bevor ich mit dem 4ten beginne, nach ein wenig Ruhe seh-
       nen müßte. Aber ich werde Dir jetzt sagen, wie meine Lage ist.
       Ich muß  die Bewegung in fünf großen und einer Reihe kleiner Län-
       der Europas und in den USA verfolgen. Zu diesem Zweck erhalte ich
       an   T a g e s z e i t u n g e n  3 deutsche, 2 englische, 1 ita-
       lienische und ab 1. Januar die Wiener Tageszeitung 2*), insgesamt
       7. An   W o c h e n z e i t u n g e n  erhalte ich 2 aus Deutsch-
       land, 7  aus Österreich,  1 aus  Frankreich, 3  aus Amerika (2 in
       Englisch, 1  in Deutsch), 2 italienische und je eine in Polnisch,
       Bulgarisch, Spanisch  und Tschechisch;  davon sind  drei in Spra-
       chen, die  ich erst allmählich lerne. Daneben gibt es Besuche der
       verschiedensten  Leute   (gerade  jetzt,   vor  einigen  Minuten,
       schickte mir  Polak aus  Amsterdam einen deutschen Bildhauer ohne
       Geld, der  Arbeit sucht) und eine immer größer werdende Menge von
       Korrespondenten -  mehr als zur Zeit der Internationale! -; viele
       von ihnen  erwarten lange Erklärungen und alle rauben Zeit. Darum
       und wegen  des 3. Bandes war es mir nicht einmal während des Kor-
       rekturlesens möglich,  das heißt  während des ganzen Jahres 1894,
       m e h r  a l s  e i n  B u c h  zu lesen.
       Die nächste  Sache ist  nun die  Veröffentlichung  von  Lassalles
       Briefen an  Mohr. Tussy  hat sie  auf der Maschine abgeschrieben,
       sie liegen  in meinem  Schreibtisch, aber  infolge des Umzugs bin
       ich nicht  in der  Lage gewesen, sie auch nur anzurühren. Das be-
       deutet Anmerkungen,  das Nachschlagen  längst vergangener  Fakten
       sowie Durchsicht  meines eigenen  alten Briefwechsels  mit Mohr -
       und ein diplomatisch geschriebenes Vorwort. [200]
       Dann der  Stapel meiner  eigenen Rückstände.  Erstens die völlige
       Umarbeitung des  "Bauernkrieges", der  seit Jahren vergriffen und
       als meine erste Arbeit nach Bd. III versprochen worden ist. [140]
       Das erfordert ein
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       1*) des "Kapitals" - 2*) "Arbeiter-Zeitung"
       
       #347# 182 - Engels an Laura Lafargue - 17. Dezember 1894
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       beträchtliches Studium; ich hoffte, dies zusammen mit den Korrek-
       turbogen zu  machen. Aber  unmöglich. Jedenfalls  werde ich  mich
       jetzt entschließen müssen, es zu machen.
       Dann -  ganz zu  schweigen von  anderen  k l e i n e n  Aufgaben,
       die auf  mir lasten  - möchte  ich zumindest die Hauptkapitel aus
       Möhrs politischem  Leben schreiben:  1842-1852,  und  die  Inter-
       nationale. Das  letztere ist  das wichtigste und dringendste. Das
       will ich  zuerst tun.  Das erfordert  jedoch, daß  man mich nicht
       unterbricht, aber wann wird das sein?
       Alle diese  Dinge erwartet  man von  mir und  darüber hinaus eine
       Neuausgabe von Mohrs und meinen frühen kleinen Schriften. Einiges
       habe ich dafür gesammelt, aber nicht sehr viel - manches ist noch
       im Parteiarchiv  3*) in  Berlin [374]. Ein großer Teil fehlt aber
       noch, beispielsweise  ein Exemplar  der ersten  "Rheinischen Zei-
       tung". Wenn  ich, sagen  wir, 2/3 der alten Artikel von 1842-1850
       zusammenbekäme, würde  ich anfangen,  da ich sicher bin, daß dann
       für eine  2. Auflage  noch viel  mehr gefunden werden würde. Aber
       bis jetzt sind wir noch nicht soweit.
       Und dann  Bd. IV.[88]  Davon gibt es nur ein  s e h r  unfertiges
       Manuskript, von  dem es  im Moment  noch unmöglich  ist zu sagen,
       wieviel verwendet  werden kann. Ich selbst kann mich nicht wieder
       an die  Entzifferung machen  und das  Ganze diktieren, wie ich es
       mit Bd.  2 und Bd. 3 getan habe. Meine Augen würden völlig versa-
       gen, noch  ehe ich die Hälfte durch hätte. Ich habe das schon vor
       Jahren  festgestellt  und  einen  anderen  Ausweg  versucht.  Ich
       glaubte, es würde nützlich sein, ein oder zwei intelligente Leute
       der jüngeren Generation an die Entzifferung von Mohrs Handschrift
       zu gewöhnen.  Ich dachte  an Kautsky  und an Bernstein. K[autsky]
       war damals  noch in  London (vor 6 oder 7 Jahren). Ich fragte ihn
       und er  willigte ein; ich sagte ihm, daß ich hundert Pfund zahlen
       würde für  die vollständige  "Reinschrift" von dem, was vorhanden
       ist, und  daß ich  ihm bei dem helfen würde, was er nicht entzif-
       fern könne.  Er fing  an. Dann  fuhr er  weg aus London, nahm ein
       Heft 4*)  mit, und  ich hörte jahrelang nichts mehr davon. Er war
       zu sehr  mit der "Neuen Zeit" beschäftigt, darum ließ ich mir Ms.
       und das,  was schon entziffert war, zurückschicken - ungefähr 1/8
       oder 1/6  des Ganzen  5*). Auch  Bernstein  ist  nicht  nur  sehr
       beschäftigt, er  ist sogar  überlastet, er  hat bis  jetzt  seine
       Neurasthenie noch  nicht ganz  überwunden, und  ich wage es kaum,
       ihn darum zu bitten. Ich werde sehen, ob Tussy es tut. Wenn er
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       3*) in der  Handschrift deutsch:  Parteiarchiv - 4*) in der Hand-
       schrift deutsch: Heft - 5*) siehe vorl. Band, S. 56
       
       #348# 182 - Engels an Laura Lafargue - 17. Dezember 1894
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       einverstanden ist, dann ist alles in Ordnung; wenn nicht, so will
       ich nicht  riskieren, daß  man sagt,  ich  hätte  einen  Rückfall
       seiner Krankheit  verursacht, weil  ich ihn  mit Arbeit überhäuft
       habe.
       Das ist  meine Lage: 74 Jahre, die ich zu spüren beginne, und Ar-
       beit genug für zwei 40jährige. Ja, wenn ich mich in den F. E. von
       40 und  den F. E. von 34 teilen könnte, was zusammen genau 74 er-
       geben würde,  dann kämen  wir bald klar. Aber so wie es ist, kann
       ich nur  an dem  weiterarbeiten, was vor mir liegt, und es soweit
       und so gut ich kann fertig machen.
       Jetzt kennst Du meine Lage; und wenn Du ab und zu auf einen Brief
       von mir warten mußt, wirst Du nun wissen, warum.
       Bonnier ist  gestern abend  aus Edinburgh gekommen und heute nach
       Oxford weitergefahren.  Sein erster Zorn über meine "Bauernfrage"
       hat sich erheblich abgekühlt - vous nous traitez d'imbéciles 6*),
       schrieb er  mir. Jedenfalls  war  er  sehr  freundlich,  und  ich
       glaube, er  ist überzeugt,  daß man  in Nantes [326] einen Fehler
       gemacht hat.  Er hat  wirklich gedacht, daß es nicht nur möglich,
       sondern notwendig wäre, die Masse der französischen Bauern in der
       Zeit bis  zu den  nächsten allgemeinen Wahlen für den Sozialismus
       zu gewinnen.
       Postzeit. Muß  schließen. Ich  schulde Dir  für Deinen  Anteil  à
       conto Sonnenschein  für das  "Kapital" (englisch)             - £
       1.3.1
       113 Anteil der £ 5.-, erhalten von der "Neuen
       Zeit" für die 2 Kapitel aus Bd. III                    £ 1.13.4
       Und erlaube mir, in dem Gedanken, daß Weihnachten vor
       der Tür steht, hinzuzufügen                            £ 5.-.-
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       Durch beigefügten Scheck beglichen                     £ 7.16.5
       Puddings konnten  in diesem  Jahr nicht  gemacht werden;  Louises
       kleines Mädchen  (das gedeiht  und wöchentlich  fast ein Pfund an
       Gewicht zunimmt)  hat das verhindert. Aber Paul wird seine Kuchen
       haben.
       Immer Dein F. Engels
       
       Aus dem Englischen.
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       6*) Sie halten uns für Dummköpfe

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