Quelle: MEW 39 Briefe Januar 1893 bis Juli 1895
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#36# 19 - Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson - 24.2.1893
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Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson
in Petersburg [61]
London, 24. Febr. 1893
Werter Herr,
Entschuldigen Sie mein langes Schweigen. Es war nicht freiwillig.
Ich muß mich anstrengen, äußerst anstrengen, um Bd. III. 1*) in
diesem Winter und Frühling fertigzubekommen. Um das zu erreichen,
muß ich mir alle Nebenarbeit und sogar jede nicht unbedingt not-
wendige Korrespondenz versagen. Sonst hätte mich nichts daran
hindern können, die Diskussion über unser hochinteressantes und
wichtiges Problem mit Ihnen fortzusetzen [62].
Ich habe jetzt - außer einigen formalen Dingen - die rédaction
des Abschnitts V (Banken und Kredit), des schwierigsten, sowohl
was den Gegenstand als auch den Zustand des Ms. angeht, abge-
schlossen. Jetzt bleiben nur noch zwei Abschnitte - 1/3 des Gan-
zen - von denen der eine - Grundrente - ebenfalls einen sehr
schwierigen Gegenstand behandelt, aber soweit ich mich erinnere,
ist das Ms. viel mehr ausgearbeitet als das von Abschnitt V. So
daß ich noch immer hoffe, meine Aufgabe in der vorgesehenen Zeit
fertigzustellen. Die große Schwierigkeit war, mich auf 3-5 Monate
von jeder Unterbrechung freizumachen, um die ganze Zeit dem Ab-
schnitt V zu widmen, und der ist jetzt glücklich geschafft. Bei
der Arbeit habe ich oft daran gedacht, welche große Freude Ihnen
dieser Band bei seinem Erscheinen machen wird; ich werde Ihnen,
wie bei Bd. II, die Korrekturbogen schicken [63].
Maintenant revenons à nos moutons. 2*)
Wir scheinen über alle Punkte bis auf den einen übereinzustimmen,
den Sie in Ihren beiden Briefen vom 3. Okt. und 27. Januar behan-
deln, wenn auch jeweils unter verschiedenen Gesichtspunkten.
Im ersten fragen Sie: War die ökonomische Umgestaltung, die nach
1854 unvermeidlich geworden war, derart, daß sie die historischen
Institutionen Rußlands, statt zu entwickeln, im Gegenteil in ih-
rer Wurzel angreifen mußte? Mit anderen Worten, könnte die Dorf-
gemeinde nicht als Basis der neuen ökonomischen Entwicklung ge-
nommen werden?
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1*) des "Kapitals" - 2*) Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zu-
rück.
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In Ihrem Brief vom 27. Jan. drücken Sie denselben Gedanken in
folgender Form aus: Die grande industrie 3*) war eine Notwendig-
keit für Rußland geworden, aber war es unvermeidlich, daß sie in
kapitalistischer Form entwickelt wurde?
Nun, etwa um 1854 begann Rußland mit dem Gemeineigentum einer-
seits und der Notwendigkeit der grande industrie andererseits.
Wenn Sie nun den damaligen Zustand Ihres Landes in Rechnung stel-
len, sehen Sie da eine Möglichkeit, die grande industrie auf die
Bauerngemeinde in einer Form aufzupfropfen, die einerseits die
Entwicklung dieser grande industrie möglich machen und anderer-
seits das primitive Gemeineigentum in den Rang einer gesell-
schaftlichen Einrichtung erheben würde, die allem überlegen wäre,
was die Welt bisher gesehen hat? Und das, während der ganze We-
sten noch unter dem kapitalistischen Regime lebt? Ich bin der
Meinung, daß eine solche Entwicklung, die alles, was aus der Ge-
schichte überliefert ist, übertroffen hätte, andere ökonomische,
politische und intellektuelle Bedingungen erfordert hätte, als
sie zu jener Zeit in Rußland vorhanden waren.
Kein Zweifel, die Gemeinde und bis zu einem gewissen Grad das Ar-
tel enthielten Keime, die sich unter bestimmten Bedingungen hät-
ten entwickeln können und Rußland die Notwendigkeit erspart hät-
ten, die Qualen des kapitalistischen Regimes durchzumachen. Ich
unterschreibe den Brief unseres Autors über ????????? 4*) voll
und ganz. [64] Aber nach seiner wie nach meiner Auffassung war
die erste Bedingung dafür der A n s t o ß v o n a u ß e n,
die Umwälzung des ökonomischen Systems in Westeuropa, die
Zerschlagung des Kapitalismus in seinen Ursprungsländern. Unser
Autor erklärte in einem gewissen Vorwort zu einem gewissen alten
Manifest im Januar 1882 [65] als Antwort auf die Frage, ob die
russische Gemeinde nicht der Ausgangspunkt einer höheren sozialen
Entwicklung sein könne: Wenn die Umwandlung des ökonomischen
Systems in Rußland mit einer Umwandlung des ökonomischen Systems
im Westen zusammenfällt, ????, ??? ??? ??? ????????? ????? ?????,
?? ??????????? ??????? ????????????? ?????? ??????? ?????????
???????? ?????? ????????????? ???????? 5*).
Wären wir im Westen in unserer eigenen ökonomischen Entwicklung
schneller gewesen, hätten wir das kapitalistische System vor zehn
oder zwanzig Jahren stürzen können, dann hätte Rußland vielleicht
noch Zeit gehabt, die Tendenz seiner eigenen Entwicklung zum Ka-
pitalismus zu umgehen. Leider sind wir zu langsam, und diese öko-
nomischen Konsequenzen
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3*) große Industrie - 4*) Shukowski - 5*) so daß beide einander
ergänzen, so kann das jetzige russische Gemeineigentum zum Aus-
gangspunkt einer neuen gesellschaftlichen Entwicklung werden
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des kapitalistischen Systems, die es seinem kritischen Punkt
entgegentreiben müssen, beginnen sich erst jetzt in den verschie-
denen Ländern um uns herum zu entwickeln: während England sein
Industriemonopol schnell verliert, nähern sich Frankreich und
Deutschland dem industriellen Stand Englands, und Amerika ist
drauf und dran, sie alle vom Weltmarkt, sowohl was Industrie- wie
Agrarprodukte anlangt, zu vertreiben. Die Einführung einer wenig-
stens relativen Freihandelspolitik in Amerika wird den Ruin von
Englands Industriemonopol bestimmt vollenden und zu gleicher Zeit
den industriellen Exporthandel Deutschlands und Frankreichs zu-
grunde richten; dann muß die Krise kommen, tout ce qu'il y a de
plus f i n d e s i è c l e 6*). Doch in der Zwischenzeit ver-
fällt die Gemeinde bei Ihnen, und wir können nur hoffen, daß der
Übergang zu einem besseren System bei uns bald genug kommen wird,
um wenigstens in einigen der entlegeneren Teile Ihres Landes Ein-
richtungen zu retten, die unter solchen Umständen aufgerufen wer-
den können, einer großen Zukunft zu dienen. Aber Tatsachen sind
Tatsachen, und wir dürfen nicht vergessen, daß diese Möglichkei-
ten mit jedem Jahr geringer werden.
Im übrigen gestehe ich Ihnen zu, daß der Umstand, daß Rußland das
l e t z t e Land ist, dessen sich die kapitalistische grande in-
dustrie bemächtigt, und gleichzeitig das Land mit der weitaus
g r ö ß t e n B a u e r n b e v ö l k e r u n g ist, dazu füh-
ren muß, die durch diese ökonomische Umgestaltung hervorgerufene
bouleversement 7*) akuter werden zu lassen, als sie anderswo ge-
wesen ist. Der Prozeß der Verdrängung von etwa 500 000 ??????????
8*) und von etwa 80 Millionen Bauern durch eine neue Klasse
b ü r g e r l i c h e r Grundbesitzer kann sich nur unter fürch-
terlichen Leiden und Konvulsionen vollziehen. Aber die Geschichte
ist nun einmal die grausamste ????? ?????? 9*), und sie führt
ihren Triumphwagen über Haufen von Leichen, nicht nur im Krieg,
sondern auch in Zeiten "friedlicher" ökonomischer Entwicklung.
Und wir Männer und Frauen sind unglücklicherweise so stupide, daß
wir nie den Mut zu einem wirklichen Fortschritt aufbringen
können, es sei denn, wir werden dazu durch Leiden angetrieben,
die beinahe
jedes Maß übersteigen.
Immer der ihre P. W. R. [66]
Adressieren Sie bitte Frau K[autsky], nicht Frau R[osher].
Aus dem Englischen.
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6*) alles noch vor Ende des Jahrhunderls - 7*) Erschütterung -
8*) Gutsbesitzern (in der Handschrift: ?????????) - 9*) aller
Göttinnen
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